Wort zu Erntedank

"Fest für alle Sinne"

Gisela Bornowski, Regionalbischöfin im Kirchenkreis Ansbach-Würzburg

Gisela Bornowski, Regionalbischöfin im Kirchenkreis Ansbach-Würzburg

Bild: (c) Kirchenkreis Ansbach-Würzburg / Reiner Götz

Dankbarkeit zu verwandeln in Nächstenliebe für Notleidende: Dazu ermutigt die Ansbacher Regionalbischöfin Gisela Bornowski in ihrem Geistlichen Wort zu Erntedank (Sonntag, 5. Oktober 2014).

"Rotbackig leuchten die Äpfel. Die Zwetschgen duften bis in die ersten Reihen. Der Sack mit Kartoffeln quillt über. In der Mitte mit Ähren umkränzt ein großer Laib Brot. Bunt leuchten die Blumen, Dahlien gelb-rot, blau, violett in fast allen Farben. Daneben macht sich gold-orange ein Kürbis breit. Nicht zu vergessen, die herrlichen Weintrauben. Die Früchte des Sommers. Es ist ein Fest für alle Sinne.

Selten ist die Kirche so schön geschmückt wie am Erntedanktag. Über die Jahrhunderte hinweg bis heute wird dieses Fest gefeiert. Auch wenn immer mehr Menschen in Städten wohnen und landwirtschaftliche Abläufe nur noch wenigen vertraut sind, so ist dieser Tag dennoch sehr beliebt. Ist das Teil einer romantischen Sehnsucht nach dem einfachen ursprünglichen Leben auf dem Land? Vielleicht spielt es eine Rolle, aber es geht um mehr. Denn es ist gut, wenn wir uns daran erinnern, die entscheidenden Dinge in unserem Leben müssen wachsen und reifen. Wir können sie nicht einfach ,machen'. Freilich haben wir unseren Anteil an Arbeit. Wir tragen mit bei, dass Wachstum gelingt.

Bewusstes Wahrnehmen - Zeit zur Reife

Vieles können wir aber nicht beeinflussen. Das Wesentliche liegt nicht in unseren Händen, sondern wird geschenkt. Das gilt nicht nur für unsere Nahrung, sondern auch für uns selbst, für die eigene Persönlichkeit und Reife. Zu leicht übersehen wir, dass Wachstum ,Zeit' braucht. Wir wollen alles möglichst sofort und zu jeder Zeit zur Verfügung haben. Und wir wundern uns dann, wenn bei Früchten der Geschmack fehlt.

Auch in unserem eigenen Leben ist manches erst mit größerer Lebenserfahrung zugänglich. Es braucht Zeit zur Reife. Uns aber fehlt zum Wachsen oft die Geduld. Vielleicht hilft uns ein bewusstes Wahrnehmen, ein langsames und bedachtes Genießen zu erahnen, was nötig ist, damit Früchte reifen können. Auch ein Etwas-Weniger-Nehmen, dafür aber mit stärkerem Augenmerk auf die Qualität tut uns gut. Es öffnet meine Sinne und ich beginne, Gott für seinen spürbaren Segen zu danken.

Nun würde ich am liebsten aufhören und mich ganz dem Eindruck der Früchte und Farben der Ernte hingeben. Doch an dieser Stelle klingt mir der verstörende Zwischenruf eines Bekannten noch im Ohr: ,Wie kannst du dich nur so gedankenlos freuen, wenn in diesen Tagen so viele Menschen auf der Flucht sind und täglich von Gewalt bedroht werden?' Und er setzt noch eines drauf und sagt: ,Wie kannst du außerdem vergessen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen für unseren Boden und unser Trinkwasser viele Lebensmittel hergestellt werden?' 

Nun könnte ich antworten, es hilft keinem Menschen und es verbessert auch nichts, wenn ich mich nicht an den Früchten und all, dem, was gewachsen ist, freue und dafür dankbar bin. Das ist richtig. Es reicht aber noch nicht aus. Die Augen zu verschließen vor der Not derer, die um ihr nacktes Leben bangen, das geht wirklich nicht. Genauso wenig, wie Gleichgültigkeit gegenüber den Bedingungen unter denen Männer und Frauen bei uns und anderswo in der Landwirtschaft arbeiten. Ebenso kann mir nicht gleichgültig sein, was mit den wertvollen Lebensgrundlagen wie Boden, Wasser und Luft geschieht.

Der besondere Duft dieses Festes

Gott dem Schöpfer geben wir dann recht die Ehre, wenn beides zusammenkommt: Der Dank für alles, was mit Seinem Segen gewachsen ist, uns nährt und wir genießen dürfen, und gleichzeitig die Verantwortung für Menschen in Not und für Gottes Schöpfung. Freuen wir uns also an all den Früchten, Farben und am besonderen Duft dieses Festes! Danken wir Gott für alles Gute, was wir in unserem Leben ernten dürfen. Und lasst uns alles, was uns möglich ist, tun, damit sich auch andere Menschen wieder daran freuen können und damit die von Gott geschenkten Lebensgrundlagen auch unseren Enkeln noch zur Verfügung stehen werden."


02.10.2014 / Gisela Bornowski, Regionalbischöfin im Kirchenkreis Ansbach-Würzburg (Quelle: epd)
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