Christen im Irak

Es läuten keine Glocken mehr in Mosul

Christen im Irak

Noch vor Kurzem feierten auch in Mosul irakische Christen ihre Gottesdienste. Jetzt läuten keine Glocken mehr in der Provinzhauptstadt Ninives.

Bild: Thomas Prieto Peral

Christen werden vertrieben, Kirchen verbrannt. Mit Sorge blicken Christen in Bayern zu ihren Glaubensgeschwistern in Mosul. Diese bitten verzweifelt um Fürbitte und Hilfe für ihre leidende Kirche.

Menschen auf der ganzen Welt werden am kommenden Wochenende wieder gegen die Verfolgung und Vertreibung von Christen im Irak durch die islamischen ISIS-Terrorgruppen demonstrieren. Die Bestürzung und Sorge angesichts der Gewalt in der Provinzhauptstadt Mossul ist auch in der Evangelisch-Lutherischen-Kirche in Bayern (ELKB) groß. Denn seit vielen Jahren pflegt die ELKB Beziehungen zu christlichen Gemeinden und Organisationen im Nordirak. Viele der Dörfer, in denen die ELKB Projekte für Christen durchgeführt hat, gehören zur Provinz Ninive und liegen nahe der Provinzhauptstadt Mosul.

2003 lebten in Mosul noch 50.000 Christen

Die Einnahme der Stadt durch die islamistischen ISIS-Terrorgruppen habe das Leben der Christen der Region noch einmal dramatisch verschlimmert und sei eine große Herausforderung für alle Unterstützer und Partner, berichtet ELKB-Nahostexperte Thomas Prieto Peral. Von den 50.000 Christen, die Mosul vor dem Irakkrieg 2003 einmal bewohnt haben, seien seit Mitte Juli keine mehr verblieben.

ISIS hatte in einem Brief angekündigt, alle „Ungläubigen“, die nicht fliehen würden (und ihr Haus und Besitz nicht ISIS überlassen würden) dem Schwert auszuliefern. Danach wurden die Christenhäuser mit Graffitis gekennzeichnet (ein arab. „N“ für Nazarener = Christen). In Panik waren die Christen daraufhin nach Norden geflohen, in die umliegenden Christendörfer und das kurdische Autonomiegebiet. Zum Stichtag der ISIS-Terrortruppen, dem 19. Juli, gab es keine Christen mehr in Mossul. Von den über 30 Kirchen der Stadt, teilweise historischen Gebäuden, wurden darauf die Kreuze heruntergerissen, die Bilder zerstört, manche wurden niedergebrannt, andere zu ISIS-Zentren oder Moscheen umfunktioniert.

Zitat

„Im Koran steht doch geschrieben, dass niemand ein fremdes Haus betreten darf, ohne eingelassen oder dazu aufgefordert zu werden. Wieso also habt ihr all unsere Häuser zerstört und all unseren Besitz an euch genommen?“

Aus einem Interview des Senders "Ishtar" mit einer vertriebenen Christin

„Meine Erfahrungen aus Mosul wünsche ich keinem Menschen auf der Welt“, sagt eine vertriebene Christin gegenüber dem assyrischen Sender „Ishtar“. „Sie drohten uns mit dem Tod. Sie zwangen uns, Kopfsteuer zu zahlen – wohl wissend, dass wir es nicht können. Seit Jahren leben wir am Rande der Armut. Sie nahmen uns das Recht, uns frei zu bewegen. In unserer Not haben wir Christen überall Hilfe gesucht, doch wir wurden abgewiesen. Von den Lebensmittelrationen wurden wir ausgeschlossen. Der Grund war immer der Selbe: ‚Ihr seid Christen, ihr habt hier keine Rechte‘.Nun frage ich euch (Muslime in Mosul): Wieso tut ihr uns das an? Wieso lasst ihr uns im Stich? Wir waren doch Nachbarn, wir waren eine Gemeinschaft. Wir alle haben zusammengelebt und einander unterstützt, als Ärzte, Apotheker, einfache Arbeiter. Wieso fallt ihr uns in den Rücken? Ist dies der Lohn für alles, was wir in unserer Gemeinschaft geleistet haben?“

Verbrannt, geplündert, zerstört

Ihre Informationen erhalte die bayerische Landeskirche von einem Partner, der versuche alle Zerstörungen wenigstens zu dokumentieren, erklärt Thomas Prieto Peral. So wurde die Syrisch-Katholische Kirche im alten Teil Mosuls niedergebrannt, die Syrisch-Orthodoxe Kirche zu einer Moschee umgewandelt und die historische St. Thomaskirche und das Kloster St. Beham wurden geplündert und sind nun von der ISIS kontrolliert. Denk- und Grabmäler wie das Grab des Propheten Jonah wurden zerstört.

„Nach 1600 Jahren christlicher Präsenz in Mosul, dem biblischen Ninive, ist christliches Leben dort nun verschwunden. Es läuten keine Glocken mehr und es werden keine Gottesdienste mehr gefeiert“, berichtet Prieto Peral. Er beklagt das weltweite Desinteresse an dem Schicksal der Christen Mosuls. „Sie sind zu Heimatlosen geworden, wie auch die Angehörigen anderer Minderheiten, die dem Fanatismus der ISIS im Wege stehen: Arabische Schiiten, Shabak oder Yeziden.“

Auch die in die umliegenden Dörfer geflohenen Christen, so berichten Betroffene, haben mit schweren Repressalien zu kämpfen. So verweigere ihnen die ISIS den Zugang zu Trinkwasser und zur medizinischen Versorgung, die öffentliche Versorgung ist zum Erliegen gekommen. Viele Einwohner auch der christlichen Dörfer denken an Emigration.

Betet für uns!

Das Ökumenereferat der ELKB suche Wege, den geflohenen Menschen wenigstens in den (noch) relativ sicheren Christendörfern und in den kurdischen Regionen zu helfen, sagt Thomas Prieto Peral. „Hunderttausende sind aus Mosul geflohen (die meisten davon sunnitische Muslime, die selbst Angst um ihr Leben haben) und lagern jetzt überall in Parks, in Kirchen, Schulen und Garagen. Auf Vermittlung der ELKB ist ein Team des Lutherischen Weltdienstes in den Nordirak gereist und hat ein Hilfsprogramm entworfen.“

Informationen zum Thema

Spendenkonto: Christen helfen im Irak

ELKB
DE57 5206 0410 0001 0101 07
GENODEF1EK1
Stichwort: Christen helfen im Irak

 

Aber der Frieden trügt: Wenige Wochen vor dem Besuch aus Bayern, Anfang August 2014, stand das Kloster kurz vor der Zerstörung. Nur wenige Kilometer entfernt, in Sichtweite des Klosters, verlief die Kampflinie zwischen den Milizen des so genannten Islamischen Staates und den kurdischen Peschmerga. Die IS-Kämpfer hatten von Mosul kommend die christlichen Dörfer der nördlich liegenden Ninive-Ebene überrannt, die Menschen waren zu Zehntausenden in Panik geflohen. Innerhalb weniger Stunden mussten die Städte und Dörfer der Ebene evakuiert werden.

Mit leiser eindringlicher Stimme erzählt Abt Gabriel von den Stunden, in denen alles verloren zu gehen drohte, was es an christlichem Erbe in der nordirakischen Ninive-Ebene gab. Der kleine Ort Alqosh mit seinen beiden Klöstern am Nordrand der Ebene stand schließlich auch vor dem Fall, die Mönche und Priester des Ortes mussten eine Entscheidung treffen. Sollte das biblische Alqosh, Geburtsort des Prophetem Nahum und Ausgang der Ninive-Tradition, fallen und zerstört werden, würde dies den Christen des Irak das Rückgrat brechen. So entschieden sich die Mönche zu bleiben.

Verschanzt hinter Klostermauern

Während die Kämpfe schon auf Sichtweite herangekommen waren, wurden die Kinder des Klosterinternats nach Norden evakuiert, die Familien verließen das Dorf. Die Geistlichen begannen, die wertvollen Handschriften des Klosters zu vergraben – und verschanzten sich dann hinter den Klostermauern. Abt Gabriel erzählt all dies mit großer innerer Ruhe, und es ist zu spüren, wie viel Kraft er seiner Gemeinschaft in diesen schweren Tagen gibt.

Kurz vor dem Fall Alqoshs wurde in Washington beschlossen, die kurdischen Peshmerga mit Luftangriffen zu unterstützen. Die ersten Schläge wurden im Norden der Ninive-Ebene nahe Alqosh geflogen, der Vorstoß des IS kam tatsächlich zum Stillstand. IS zog sich zurück, Alqosh wurde verschont. Aber es ist eine fragile Ruhe, das spüren auch die Besucher der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) – gleich südlich des Ortes beginnt das militärisch gesicherte Gebiet. Hier ist er mit Händen zu greifen, der Konflikt zwischen dem christlichen Grundsatz der Gewaltlosigkeit und der Schutzverantwortung für bedrohte Menschen.

Hier in Alqosh, dem alten Christendorf zwischen Mosul und Dohuk, wird beklemmend deutlich, wie sehr jede Entscheidung für oder gegen militärische Hilfe eine tragische Entscheidung ist. Der IS kämpft mit amerikanischen Waffen, die auch einmal zur vermeintlichen Hilfe gegen den Terror einer Diktatur geliefert wurden – und nun in den falschen Händen sind. Nichts zu tun hieße aber, die Menschen einem Massenmord zu überlassen. Ausdrücklich sieht die christliche Friedensethik eine "responsibility to protect" vor – die Risiken und Nebenwirkungen im Irak scheinen aber kaum beherrschbar.

Mit der Flucht alles verloren

Viele hunderttausend Menschen aus Mosul und der umliegenden Region sind bereits geflohen. Wie tief dieser Verlust von Heimat das Leben der irakischen Christen verändert, wird in den Flüchtlingslagern der nordirakischen Autonomieregion Kurdistan deutlich. Die bayerische Delegation besucht auf ihrer Reise christliche Flüchtlinge in Ankawa, dem christlichen Stadtteil der Hauptstadt irakisch Kurdistans, Erbil.

Normalerweise hat Ankawa etwa 40.000 Einwohner, mit den Flüchtlingsströmen aus Mosul und den Dörfern der Ninive-Ebene nördlich und östlich von Mosul verdoppelte sich innerhalb von zwei Wochen die Zahl. Die Menschen kamen als Flüchtlinge zu Fuß, mit nichts anderem als ihrer Kleidung. Es sind Menschen, die in ihren Heimatstädten Mosul, Karakosch oder Telkaif den Mittelstand bildeten, oft akademische Berufe hatten, Häuser besaßen und sich nicht selten in den örtlichen politischen Gremien engagierten. Mit der Flucht verloren sie alles.


30.07.2014 / Anne Lüters