9. Sommerakademie von Wings of Hope

"Es gibt keine objektive Wahrheit"

Menschengruppe

Besondere Begegnungen ermöglichte wieder die 9. Sommerakademie der Stiftung Wings of Hope, die am 7. September 2015 in Ruhpolding endet.

Bild: (c) Wings of Hope

Am Montag, 7. September, endet die diesjährige Sommerakademie von Wings of Hope in Ruhpolding, mit jungen Teilnehmern unterschiedlichster Länder. Ein Rückblick mit Akademie-Leiterin Martina Bock.

Frau Bock, wie viele junge Menschen aus welchen Herkunftsländern haben die Sommerakademie von Wings of Hope auf dem Labenbachhof in Ruhpolding dieses Jahr besucht?
Martina Bock: „Es waren knapp 30 junge Teilnehmer im Alter von 18 bis 27 Jahren aus Israel, Palästina, der kurdischen Region des Irak, Bosnien-Herzegowina und Deutschland. Und es war erstmals auch eine junge Frau aus der Stadt Gaza dabei, die in Deutschland studiert.“

Die Fragen zu Identität und die Wege zu echtem Dialog standen dieses Jahr im Mittelpunkt der traditionellen Sommerakademie von Wings of Hope auf dem Ruhpoldinger Labenbachhof. Wie sah das praktisch aus?
Bock: „In der ersten Woche stellen die Jugendlichen den jeweils anderen zunächst ihre eigene Kultur und die Situation in ihrem Heimatland vor, um sich so einander anzunähern. Dieser offene Blick in das Leben, die Mentalität, die Religion und die gesellschaftlichen Strukturen anderer ermöglicht empathische Bildung und den Ausbau sozialer Kompetenzen - und die Verabschiedung aus der Opferrolle.“

Inwiefern?
Bock: „Wenn Menschen sehen, dass nicht nur sie sondern auch andere leiden, wenn sie erfahren, worunter diese Menschen leiden, wenn sie sich dessen bewusst werden, dann haben sie die Chance aus ihrer Opferrolle auszusteigen. Dann haben sie die Chance aufeinander zuzugehen und gemeinsam etwas Neues zu machen – ihr Leben, ihr Schicksal und das der anderen in die Hand zu nehmen.“

Sommerakademie - das nehme ich für mich mit: Statements von Teilnehmern

Julia, Deutschland

Mädchen,© (c) Wings of Hope
"Ich fühle mich als Teil etwas ganz Besonderem, weil ich die Möglichkeit habe mich mit Menschen aus anderen Ländern zu verbinden, die ich sonst nicht treffe. Ich habe viel über die Situation, besonders auch über die Konflikte in den anderen Ländern gelernt und mich damit auch mit meinem eigenen Land und der Rolle dieses zu vertreten auseinandergesetzt. Ich nehme mit, dass ich Frieden in meinem Leben mehr wertschätze. Frieden ist keine Selbstverständlichkeit."

Senida, Bosnien- Herzegowina

Mädchen,© (c) Wings of Hope
"Es ist für mich eine großartige Erfahrung neue Menschen zu treffen und etwas über die unterschiedlichen Kulturen und Religionen zu lernen. Es sind enge Freundschaften entstanden, obwohl wir uns erst seit 15 Tagen kennen. Was ich hier erlebt habe, wird mich mein ganzes Leben begleiten. Ich werde diese Erfahrung zu Hause mit anderen teilen, denn bei uns gibt es viele Vorurteile und ich werde erzählen, dass wir alle Menschen sind und den Frieden wollen. Wir sind wie Wasser - Wasser fließt in alle Richtungen und entdeckt dort Neues. Wir sind hier um etwas über Frieden zu lernen, wir haben Meinungen geteilt, diskutiert und uns erzählt, wie uns unsere Erfahrungen beeinflussen. Ich nehme mit, dass nur Kommunikation und Dialog zu einem Verstehen führen können."

Shachar, Israel

Ein Mann,© (c) Wings of Hope
"Das Eindrücklichste ist für mich die Begegnung mit einer Teilnehmerin, die aus Gaza kommt. Ich habe vorher noch nie jemanden aus Gaza getroffen und als wir am ersten Tag ein Gespräch führten wurde dies eine schwierige und heftige Diskussion. Ich dachte, dass sie in mir nur den Feind sieht. Inzwischen, nach vielen Tagen der Begegnung und des Miteinander Redens sind wir gute Freunde geworden. Viele Menschen bei uns haben die Hoffnung und das Vertrauen ineinander aufgegeben. Für mich ist diese Begegnung hier ein Zeichen der Hoffnung. Wir werden mit der Sommerakademie nicht den Konflikt bei uns lösen- aber wir können ein Zeichen der Hoffnung setzen. Aus Feinden können Freunde werden."

Delman, Kurdische Region des Irak

Ein Mann,© (c) Wings of Hope
"Für mich ist die Sommerakademie ein Ort, an dem ich anderen von der Situation in unserem Land erzählen kann - gerade auch von unserem Leid und unserem Schmerz in der aktuellen Situation mit IS und dem Leid der vielen Flüchtlinge. Ich hoffe, dass wir mit anderen Ländern gemeinsam Lösungen finden können. Ich verstehe nun auch andere Konflikte besser und glaube fest, dass Konflikte gelöst werden können. Das Wissen über Trauma ist für uns noch neu - aber wir brauchen es. Dies hilft uns sehr weiter. Wir wollen alle Frieden - vorher konnten wir uns nicht verstehen, jetzt ist Verständnis gewachsen."

Eman, Palästina

Ein Mädchen,© (c) Wings of Hope
"Das Wichtigste sind für mich die vielen neuen Leute, die ich kennengelernt habe - aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Ich dachte vorher es wird sehr schwierig werden, aber jetzt bin ich so froh hier zu sein. Die Begegnung mit den anderen hilft mir auch dabei meine Persönlichkeit und Identität zu entwickeln. Ich lerne mit unterschiedlichen Menschen umzugehen, meine Gedanken zu teilen und auszudrücken. Das Gelernte will ich dann zu Hause in ein praktisches Projekt umsetzen - ich will auch mit den anderen in Kontakt blieben, denn wir sind wie eine Familie zusammengewachsen. Vieles habe ich hier zum ersten Mal gemacht, zum Beispiel einen Berg bestiegen. Das war für mich ganz besonders, etwas zu erleben, was ich sonst nur aus dem Fernsehen kenne. Ich weiß nun, dass ich auch etwas erreichen kann."

Ein Charakteristikum der Sommerakademie ist es, die jeweils persönlichen Geschichten der einzelnen Teilnehmer nebeneinander zu stellen. Warum ist das wichtig?
Bock: „Weil es nicht die eine objektive Wahrheit gibt. Weil jeder seine Identität hat und aus dieser Identität heraus jeweils eine subjektive Wahrheit erlebt – weil jeder anders wahrnimmt. Wenn man das begreift, beharrt man nicht mehr auf seiner Position und macht sich damit unfrei. Denn wenn ich nur meine Wahrheit kenne, kann ich keine passenden Lösungen für ein Miteinander finden.“

Was ist Ihnen an der diesjährigen Gruppe besonders aufgefallen?
Bock: „Wir hatten dieses Jahr eine sehr offene und schnell zusammenwachsende Gruppe. Mit jungen Menschen, die erkannt haben, dass sie nach vorne schauen müssen, um Dinge zu verändern.“

Inwieweit sind der Strom der Asylsuchenden und die zunehmend rassistischen Tendenzen in Deutschland Thema gewesen auf der Sommerakademie?
Bock: „Dieses Thema wurde von den deutschen Teilnehmern eingebracht, ihre Betroffenheit über den Umgang mit Flüchtlingen und die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland mit den anderen diskutiert. Dabei war es interessant zu hören, was die Teilnehmer aus Kurdistan über die Situation in ihrem Land zu berichten hatten. In Kurdistan mit rund fünf Millionen Einwohnern leben derzeit bis zu drei Millionen Flüchtlinge. Und es herrscht ihnen gegenüber eine große Gastfreundschaft, erzählen die Teilnehmer aus Kurdistan. Menschen, die kommen, die nehmen wir auf’, ist ihr Leitsatz. Dies ist eine große Herausforderung. Diese Haltung zeigt sich vor allem in den Einsätzen Einzelner, Lehrer, die Doppelschichten schieben, um die vielen Kinder unterrichten zu können, Familien, die freiwillig Flüchtlinge zuhause aufnehmen.“

Frau Bock, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Zur Person

Eine Frau, Bild: © (c) Wings of Hope

Zur Person: Martina Bock, 43, ist Traumapädagogin bei der Stiftung Wings of Hope, die Traumaarbeit als Friedensarbeit in unterschiedlichen Ländern leistet und betreut das Projektmanagement Ausland. Die jährliche Sommerakademie auf dem Labenbachhof in Ruhpolding in den bayerischen Alpen hat sie in diesem Jahr zum fünften Mal begleitet. Die Sommerakademie selbst gibt es seit neun Jahren.

07.09.2015 / ELKB / Poep
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