Erlebnispädagogik in Augsburg

Wenn die Kirche zum Klassenzimmer wird

Kirchenführerin mit Kindern

Brot abwiegen und verkaufen, das war für die Bäcker im Mittelalter ohne digitale Hilfsmittel nicht so einfach. Als Magd verkleidet erklärt Fabiola Bauer (li) den Kindern der 4. Klasse der Diedorfer Grundschule wie alles funktieonert.

Bild: Irmgard Hoffmann

Markttreiben, Skriptorium und Pilgern - in Augsburgs Kirchen wird für Schüler Geschichte lebendig. Das einzigartige erlebnispädagogische Projekt konnte jetzt das fünfzigtausendste Kind empfangen.

Dania Sigel, eine Viertklässlerin aus der Grundschule Diedorf, ist das fünfzigtausendste Kind, das an einer Kirchenführung teilnimmt und „Erlebnispädagogik in der Kirche“ kennenlernt. Mit ihrer Schulklasse ist sie am 24. März nach Augsburg in die evangelische St. Ulrich Kirche gekommen und erforscht dort eine mittelalterliche Marktstadt.

Mönch, Magd und Stadtknecht empfangen die Kinder und berichten, dass die Kirche früher eine Markthalle war. Deshalb sind auch jetzt Stände aufgebaut: Man kann beim Salzfertiger, Bäcker oder Devotionalienhändler einkaufen oder sich seine Wehwehchen vom Bader mit Schröpfköpfen behandeln lassen. Um das historische Geschehen möglichst authentisch zu erleben, verkleiden sich die Kinder als Patrizier, Mägde oder mittelalterliche Handwerker und spielen das Leben von Händlern und Käufern aus dem Jahr 1455 nach.

Deutschlandweit einzigartig

Aus Anlass des Jubiläums sind auch Hermann Köhler, Bildungsreferent der Stadt Augsburg, Schulamtsdirektor Johannes Wirsing und Stadtdekanin Susanne Kasch in die St. Ulrich Kirche gekommen. In einer eigenen Führung für Erwachsene erkunden sie ebenfalls das mittelalterliche Marktgeschehen.

Das Augsburger Projekt „Erlebnispädagogik in der Kirche“ gilt deutschlandweit als einzigartig: Es besteht seit 16 Jahren und hat seine Wurzeln in England: Die Kirche wird zum Klassenzimmer. Grundschüler erleben Unterricht mit allen Sinnen. Insgesamt acht Augsburger Erlebnisorte vermitteln historische, naturwissenschaftliche, religiöse und kulturelle Elemente.

Mathematik, Geographie und Musik

Schüler schätzen und vermessen die Proportionen in der Mathematikführung. Sie schreiben in einem mittelalterlichen Skriptorium im Annahof einen Text mit der Gänsefeder. Sie tauchen in der Ulrichsbasilika in die Zeit der Römer ein. Sie orientieren sich im Dom mit Hilfe der Himmelsrichtungen oder durchschreiten die St. Jakobskirche auf einer musikalischen Pilgerreise.

Inhaltlich orientieren sich die Führungen am bayerischen Grundschullehrplan der 3. und 4. Jahrgangsstufe. „Die Verbindung aus Kirchenraum und Lehrplanthema ergibt ein spielerisches Lernerlebnis, das alle Sinne anspricht und deshalb einen nachhaltigen Lerneffekt hat“, weiß Projektleiterin Ute Pätzel.

Jährlich über 300 Führungen

„Erlebnispädagogik in der Kirche“ erfreut sich großer Beliebtheit. Alle angebotenen Termine sind restlos ausgebucht. Pro Jahr finden über 300 Führungen statt. Nicht alle Wünsche können die 45 Mitarbeitenden des ausschließlich ehrenamtlichen Teams erfüllen. Es gibt lange Wartelisten.

Träger des Projekts sind das Evangelisch-Lutherische Dekanat Augsburg und das Evangelische Forum Annahof. „Erlebnispädagogik in der Kirche“ ist ökumenisch ausgerichtet. „Wir sorgen dafür, dass sich Kinder aller Kulturkreise in einer christlichen Kirche unbefangen wohlfühlen können und dabei viel Neues über ihre unmittelbare Heimat lernen“, beschreibt Pätzel den Charakter der Veranstaltungen. Die schönste Belohnung für sie ist jedoch, die Begeisterung der Kinder zu spüren: „Am Ende der Führung müssen wir die Kinder oft regelrecht hinauskomplimentieren.“

Neue Ideen für weitere Führungen haben Pätzel und ihr Team auch: Ab September 2015 wird in der St. Anna Kirche „Luther in Augsburg“ erforscht. Auch eine Biologieführung über Klostermedizin und Kräuter und die jüngere Geschichte der Nachkriegszeit und der Amerikaner in Augsburg könnten Thema werden.


25.03.2015 / Irmgard Hoffmann
drucken