Bericht vor der EKD-Synode

Empathie und Wachsamkeit

Heinrich Bedford-Strohm bei seinem Ratsbericht

Zu Mitgefühl für Flüchtlinge und zu engagiertem Einschreiten gegen rechtsradikale Parolen rief Heinrich Bedford-Strohm im Ratsbericht vor der Synode der EKD auf.

Bild: ELKB

Für eine Ethik der Einfühlung hat sich der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bei seinem Bericht vor der Synode ausgesprochen. Er fordert staatliche Härte gegenüber fremdenfeindlicher Gewalt.

Dass angesichts von Leid und Not der Flüchtlinge in Deutschland Empathie in einem solchen Ausmaß erfahrbar gewesen sei - das sei das eigentlich Historische dieser Zeit, betonte Bedford-Strohm. Es seien im September Bilder von Hilfsbereitschaft um die Welt gegangen, die sich nicht mehr aus dem Gedächtnis löschen ließen. "Und ich bin davon überzeugt, dass es gerade jetzt, wo an die Stelle einer gewissen Euphorie die Nüchternheit getreten ist, wichtig ist, sich daran zu erinnern und die Bilder vom September als besonders ausdrucksstarkes Zeugnis von etwas wahrzunehmen, das nach wie vor im Engagement von vielen Millionen Deutschen andauert." Bedford-Strohm bedankte sich bei den vielen Ehrenamtlichen und den "unzähligen Hauptamtlichen in Politik, Verwaltung, Behörden, Polizei und Hilfsorganisationen, die mit unglaublichem Einsatz dafür sorgen, dass die Erstaufnahme der Flüchtlinge so gut wie möglich gelingt."

Zitat

Wer bei deren Demonstrationen mitläuft, muss sich im Klaren darüber sein, dass er rechtsradikalen Hetzparolen, die dort geäußert werden, Legitimation verleiht. Von "Volksverräter"-Parolen bis zu Brandanschlägen ist es nicht weit."

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Es sei schlicht Empathie gewesen, die die Menschen zur Hilfe genötigt habe. "Ein Mitgefühl, das das Leid, das vor Terror und Gewalt fliehende Menschen erleben, zum eigenen Leid werden lässt." Kirchen könnten sich über diese Empathie nur freuen. "Und jeder, der der jüdisch-christlichen Tradition wirklich zentrale Prägekraft für unsere Kultur zukommen lassen will, wird für das gelebte Christentum, das in dieser Empathie seinen Ausdruck findet, nur dankbar sein können.“ Diese Empathie stehe auf biblischer Grundlage, erläuterte der Landesbischof, und werde hänge mit einer Spiritualität der Barmherzigkeit zusammen. Sie sei der wichtigste Beitrag, den die Kirchen in der jetzigen Situation leisten könnten.

Die Empathie müsse aber auch denen gelten, "die sich als Verlierer gesellschaftlicher Verteilungsprozesse fühlen oder Angst haben, zu Verlierern zu werden." Solche Ängste müssten offen ausgesprochen werden dürfen, "ohne dass sie gleich als politisch unkorrekt oder als unchristlich etikettiert werden."

Gleichzeitig rief der Landesbischof zur erhöhten Wachsamkeit gegenüber aufkeimendem Rechtsradikalismus. Gegen Rechtsterrorismus sowie gegen den Rechtsradikalismus als seinen Nährboden müssten "alle rechtsstaatlichen Mittel aufgeboten" werden. Das Erschreckendste am Rechtsradikalismus sei seine menschliche Kälte: "Man kann über alles diskutieren: über Möglichkeiten der Steuerung der Flüchtlingsbewegungen, über die Notwendigkeit der Rückführung, über Re-gistrierzentren für Flüchtlinge und auch über Überforderungsgefühle bei der Aufnahme. Aber es darf dabei nie eine menschliche Kälte zum Ausdruck kommen, die unberührt bleibt vom Leid der Menschen, um die es geht." Bedford-Strohm wandte sich direkt an die Wortführer der "Alternative für Deutschland" und Pegida-Demonstranten. "Wer bei deren Demonstrationen mitläuft, muss sich im Klaren darüber sein, dass er rechtsradikalen Hetzparolen, die dort geäußert werden, Legitimation verleiht. Von "Volksverräter"-Parolen bis zu Brandanschlägen ist es nicht weit. Deswegen sage ich hier in aller Deutlichkeit: wer in dieser schwierigen Situation Gift in die deutsche Gesellschaft streut, stellt sich damit gegen alles, was das Christentum in seinem Kern ausmacht!"

Heinrich Bedford-Strohm bekräftigte ausdrücklich seine Unterstützung für die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der EKD-Ratsvorsitzende ermutigte Kanzlerin Merkel, „auch unter schwierigen Bedingungen diesen flüchtlingspolitischen Kurs zu halten und der Versuchung zu widerstehen, auf einen Kurs der Abschottung und des Einzäunens von Europa einzuschwenken.“

Eine Status-Herabstufung syrischer Flüchtlinge lehnen die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland ab. Bedford-Strohm: „Für die beiden christlichen Kirchen – und ich darf das heute auch nach Rücksprache mit Kardinal Marx sagen – ist eine rechtliche Herabstufung von syrischen Flüchtlingen und eine Flüchtlingspolitik der Abschreckung und der Abschottung gegenüber Menschen, die vor dem Horror des IS fliehen, nicht akzeptabel. Gerade die rechtliche Ausgestaltung des Familiennachzugs werden wir als Kirchen genau verfolgen.“


09.11.2015 / ELKB
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