Gedenktag zu Flucht und Vertreibung

"Es war eine großartige Integrationsleistung"

Publikum beim Gedenktag an die Opfer von Fluch, Vertreibung und Deportation 2014

In ihrer Heimattracht festlich geschmückt besuchten zahlreiche ehemalige deutsche Flüchtlinge und ihre Nachkommen im letzten Jahr die Gedenkstunde in der Staatskanzlei.

Bild: Rainer Claaßen

In einer zentralen Veranstaltung für ganz Bayern wird in München am 13. September an die deutschen Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation erinnert.

Neben dem am 20. Juni erstmals angesetzten bundesweiten Gedenktag „Weltflüchtlingstag“ wird dieser eigenständige Bayerische Gedenktag zu Flucht und Vertreibung auch 2015 wieder mit einer Gedenkstunde in der Allerheiligenhofkirche in München begangen.

„Gerade in Zeiten, in denen die Welt von Unsicherheiten, kriegerischen Auseinandersetzungen und Flucht geprägt ist, kommt der Erinnerung an die Geschehnisse und das Leid während und nach dem 2. Weltkrieg besondere Bedeutung zu“, betont Josef Zellmeier, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Vertriebene, Aussiedler und Partnerschaftsbeziehungen im Bayerischen Landtag. Nach der überaus positiven Resonanz auf den Festakt 2014 seitens der Vertriebenenverbände, Hilfskomitees und der Öffentlichkeit, hat die Bayerische Staatsregierung diesen bayerischen Gedenktag beibehalten.

Jedes dritte Gemeindemitglied stammt aus einer Flüchtlingsfamilie

Gerade die evangelischen Kirchengemeinden und Dekanate in Bayern standen nach dem zweiten Weltkrieg vor der Aufgabe, Hunderttausende von Protestanten aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, Ost- und Südosteuropa, aufzunehmen und zu integrieren. So stieg die Anzahl der evangelischen Christen in Bayern nach dem 2. Weltkrieg sprunghaft von bislang 1,6 Millionen auf rund 2,5 Millionen Gemeindeglieder an. Bis dahin überwiegend einseitig-konfessionell geprägte Gebiete wurden auf einmal gemischt-konfessionell. Jedes 3. Gemeindeglied der ELKB habe seine Wurzeln in diesen Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien, berichtet Horst Schinzel von den Evangelischen Sudetendeutschen in Bayern.

Auf dem Gebiet der ELKB seien damals 113 neue Kirchengemeinden, vier Dekanate und ein Kirchenkreis errichtet worden. Zudem seien über 200 „Ostpfarrer“ und 110 fertig ausgebildete Diakone aus Ostpreußen (Carlshof/Rastenburg) übernommen worden. Allein im Kirchenkreis München /Oberbayern mussten 400.000 evangelische Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen werden. Typische „Bunker-Kirchengemeinden“ entstanden hier, beispielsweise Geretsried, Traunreut und Waldkraiburg.

Kränze am Ehrenmal für deutsche Vertriebene in der Staatskanzlei

Kränze am Ehrenmal für deutsche Vertriebene in der Staatskanzlei

Bild: Rainer Claaßen

Über zwei  Millionen deutsche Flüchtlinge

Das größte Durchgangslager in Bayern befand sich in Hof-Moschendorf und war für staatliche, kommunale und kirchliche Dienststellen eine große Herausforderung. Insgesamt über zwei Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sind durch dieses Lager gegangen. Etwa 15.000 von ihnen siedelten sich dort dauerhaft an, wodurch die Bevölkerung der Stadt um rund ein Viertel wuchs. Sowohl die politischen Stellen wie auch die Kirchengemeinden hatten die schwierige und ungeliebte Aufgabe, zunächst eine Aufnahme der vielen Flüchtlinge und Vertriebenen, später eine Eingliederung, durchzuführen. Die Dauerausstellung „Flüchtlinge und Vertriebene in Hof“ im Museum Bayerisches Vogtland in Hof gibt detailliert Auskunft über diese Zeit.

„Es war eine große Integrationsleistung!“ betont Horst Schinzel. Allerdings sei der Zuzug der vielen Flüchtlinge und Vertriebenen erst nach und nach als Gewinn angesehen worden. Und das obwohl sie aus dem deutschen Staats- und Sprachgebiet gekommen seien. Schinzel bedauert, dass es bis heute keine zusammenfassende Darstellung der Entwicklung der Landeskirche durch die Integration von Hunderttausenden evangelischer Flüchtlinge und Heimatvertriebenen im Rahmen der Fortschreibung der Bayerischen Kirchengeschichte gebe. „Diesbezüglich drängt die Zeit, da der Kreis der Zeitzeugen immer kleiner wird.“


11.09.2015 / elkb
drucken