Verhüllungsaktion in Regensburg

"Der Betrachter macht das Bild"

Gottesdienstbesucher

Verhüllte Bilder an der Wand, wie ganz links im Bild zu sehen, markieren seit vergangenem Freitag in der Regensburger Neupfarrkirche das ELKB-Pilotprojekt "BilderSturmFlut - Der verhüllte Gott". Die Aktion ist noch bis in die Osterzeit hinein zu bestaunen

Bild: (c) Pfarrer Klaus Weber / Regensburg - St. Lukas I

"BilderSturmFlut": mit einem Pilotprojekt setzt die ELKB in der Neupfarrkirche Regensburg ein Signal in die laufende Lutherdekade. Der betreuende Pfarrer Koschnitzke erklärt das Aktion im Interview.

Vertragen sich Bild und Bibel? Schließlich heißt es in den zehn Geboten: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Wenn aber doch Bilder - welche gehören in Kirchen? Die Regensburger Neupfarrkirche hat sich am vergangenen Freitag, 20. Februar, mit diesen Fragen auseinandergesetzt: Mit Blick auf das Themenjahr "Bild und Bibel" der laufenden Lutherdekade und als Zeichen während der Passionszeit hat das Team rund um den Regensburger Pfarrer Thomas Koschnitzke, 54, die Aktion "BilderSturmFlut - Der verhüllte Gott" durchgeführt: Die Gemälde, der Altar und die Kanzel wurden verhüllt, die Wände in der Kirche wurden kahl - bis in die Osterzeit hinein soll die Kirche so verändert für die Menschen zugänglich bleiben. Wofür genau das Regensburger Pilotprojekt in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern den Blick der Gottesdienstbesucher schärfen will, dies und noch viel mehr erklärt Pfarrer Koschnitzke im Interview mit bayern-evangelisch.de.

Herr Koschnitzke, wie sind Sie auf die Idee zur Aktion "BilderSturmFlut - Der verhüllte Gott" gekommen?
Thomas Koschnitzke: "Eher zufällig. In einem Gespräch mit Pfarrer Christian Düfel von der Projektstelle Refor-mationsdekade (Nürnberg) stellte sich heraus, dass Regensburg noch ein weißer Fleck auf der Landkarte der Lutherdekade ist. Ob wir nicht Lust hätten, ein Projekt zum The-menjahr ,Reformation - Bild und Bibel' umzusetzen? Der Kirchenvorstand stimmte zu und so wurde die Verhüllungsaktion unser Beitrag zum Themenjahr. Zugleich handelt es sich um ein Pilotprojekt unserer Landeskirche, das ausführlich dokumentiert wird, um andere Kirchengemeinden anzuregen. Denn es gibt überall Kirchen mit Bildern, die es wert sind, durch Verhüllung entdeckt zu werden."

Pfarrer Thomas Koschnitzke

Betreut das Projekt "BilderSturmFlut - Der verhüllte Gott": Thomas Koschnitzke, Pfarrer an der Neupfarrkirche Regenburg.

Bild: (c) Pfarrer Klaus Weber / Regensburg - St. Lukas I

Wie soll die Aktion "BilderSturmFlut - Der verhüllte Gott" die Menschen berühren? Wie sollen die Menschen die Neupfarrkirche nach Besuch der Aktion verlassen, mit welchen Gefühlen und Gedanken?
Koschnitzke: "Das können und wollen wir nicht vorschreiben. Mir leuchtet der (rezeptionsästhetische) Satz ein: ,Der Betrachter macht das Bild.' Der Betrachter ist autonom, er füllt die Bilder für sich selbst mit Bedeutung. Deshalb liegt uns daran, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen: Was sehe ich, wenn ich Bilder anschaue? Sehe ich nur, was ich schon weiß? Gibt es einen Ort im Bild, wo ich mich sehe? Über eigene Wahrnehmungen kommt man auch leichter ins Gespräch mit anderen. Auf jeden Fall, so denke ich, wird sich die Sicht verändern, auf einzelne Bilder, auf den Kirchenraum. Dazu werden nicht nur Gottes-dienste und Begehungen beitragen, sondern auch Vorträge, Kinofilme, Podiumsdiskussionen."

Das Themenjahr "Bild und Bibel" stellt unter anderem die Frage, ob Bilder heute noch so wirkungsvoll sind, wie im 16. Jahrhundert oder dokumentiert die Geschichte von Flugblättern zur Zeit der Reformation, die erstmals mit Bildern und Holzschnitten illustriert worden sind. Wie passt dieser Ansatz damit zusammen, dass in der Neupfarrkirche alles "Bildhafte" verhüllt ist, die Wände kahl sind, alle "Bilder von Gott" "eliminiert" wurden?
Koschnitzke: "Wir wollen keine Bilderstürmerei betreiben. Manche Bilder – nicht nur in Kirchen – sind uns so geläufig, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Das Verhüllen ist ein Weg, um sie (wieder) zu sehen, sie nicht mehr zu übersehen. Konzentration durch Reduktion. Auch ein kahler Kirchenraum ist voller Bilder. Durch Lesungen und Predigten formen sich innere Bilder in den Köpfen der Hörer. Die Bibel selbst kommt nicht ohne Bilder aus, um zu beschreiben, wie Gott ist. Oder denken Sie an die Gleichnisse Jesu. Jesus verwendete Bilder, die damals jeder kannte. In jedem Gottesdienst spüren wir, wie nötig Bilder für uns sind, um von Gott und unserem Glauben an ihn reden zu können. Zugleich wandeln wir auf unsicherem Boden, denn Gott ist nicht in einem Bild zu fassen. Das schärft das sogenannte Bilderverbot ein: Gott ist unserem Zugriff definitiv entzogen. Angesichts der Bilderflut, die Tag für Tag auf uns einstürmt, fragen viele: Tragen die alten Bilder noch? Viele verstehen die Bildersprache nicht mehr. Brauchen wir neue Bilder, um unseren evangelischen Glauben auszudrücken? Wie müssten diese Bilder aus-sehen, um in der Überflutung mit Bildern nicht unterzugehen? Martin Luther wandte sich gegen jede Bilderstürmerei. Ihm war klar: Wer Bilder einfach aus den Kirchen entfernt, hat damit noch lange nicht die Angst auslösenden Bilder im Herzen getilgt."

Was wird in der Neupfarrkirche durch die Verhüllung erlebbar, sichtbar, spürbar?
Koschnitzke: "Wir arbeiten zur Zeit an einem Konzept für die Innengestaltung unserer Kirche. Uns beschäftigt die Frage: Wie wirkt der Kirchenraum, wenn wir uns für diese oder jene Vari-ante entscheiden? Wie verändert sich dadurch die sakrale Dichte? Fehlt etwas oder öff-net sich Platz für Neues? Die Verhüllung hilft uns, uns auf den Raum zu besinnen und auf die Botschaft, für deren Verkündigung er gebaut wurde."

Warum haben Sie Ihre Aktion während der Passionszeit gestartet?
Koschnitzke: "Zum Einen beziehen sich viele Bilder in der Neupfarrkirche auf das Leiden und Sterben Jesu. Zum Anderen sind die Wochen vor Ostern eine Zeit des Fastens, eine Zeit des bewussten Verzichts. Deshalb werden in manchen Kirchen in der Passionszeit die Flügelaltäre geschlossen. Die Darstellungen auf den Vorderseiten der Altäre sind dann den Blicken entzogen. Auch die Augen der Betrachter sollen fasten. An diese alte Tradition knüpfen wir an."

Welches - innere - "Bild" haben Sie persönlich von Gott?
Koschnitzke: ",Von allen Seiten umgibst du mich (und hältst deine Hand über mir)', heißt es in Psalm 139. Gott ist für mich wie ein lebensnotwendiges Element: wie die Luft, die mich umgibt, die ich ständig einatme. Oder wie das Wasser, in dem der Fisch schwimmt und ohne das er nicht sein kann."

Die Aktion "Der verhüllte Gott" soll bis in die Osterzeit hineinragen. Was gibt es für die Besucher noch zu sehen, wenn Sie direkt an Ostersonntag die Neupfarrkirche betreten?
Koschnitzke: "Wer am Ostersonntag in den Gottesdienst kommt, betritt die wieder enthüllte Neupfarr-kirche. Trotzdem ragt die Aktion in die Osterzeit: An Ostern werden wir die Bilder anstrahlen, dadurch geben sie Details preis, die auch langjährige Betrachter überraschen. Am Ostermontag ist über die Emmausjünger aus dem Lukasevangelium zu predigen, die vielleicht schönste Ostergeschichte, die man auch unter dem Blickwinkel von Verhüllung und Enthüllung betrachten kann. Und am 17. Juni befasst sich Frau Prof. Dr. Ute Verstegen in einem Vortrag mit dem Zeigen nackter Körper in der religiösen Kunst und geht dabei auf das Bildprogramm der Neupfarrkirche ein. Die Neupfarrkirche ist tagsüber geöffnet. Ein Banner an der Balustrade wirbt für die Aktion. Führungen im Anschluss an den Gottesdienst und nach Vereinbarung. Wir würden uns freuen, wenn viele dieses Angebot annehmen."

 


23.02.2015 / ELKB / Poep