Michael Martin zur Lage im Irak

"Christliche Tradition muss weitergehen!"

MIchael Martin

Möchte irakischen Christen helfen, in ihrem Land bleiben zu können: Oberkirchenrat Michael Martin

Bild: ELKB

Christen im Irak sollte geholfen werden, in ihrer Heimat bleiben zu können. Das  hat Oberkirchenrat Michael Martin bei einem Vortrag in Skara gefordert. Aber auch Flüchtlingshilfe sei dringend nötig.

Diese Nothilfe sei dabei immer Hilfe für alle Bedürftigen, ohne Ansehen von Sprache, Kultur oder Religion, betonte Martin im schwedischen Skara. "Die kirchliche Unterstützung folgt der Grundhaltung, dass Nothilfe entsprechend dem biblischen Auftrag allen Menschen gelten muss, die Hilfe für Flüchtlinge selbstverständlich auch Muslimen gilt."

In ihrer Unterstützung der Christen im Nahen Osten habe die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) bisher immer eine doppelte Strategie verfolgt. Einerseits fordere sie, Christen, die bereits zu Flüchtlingen geworden seien, in Deutschland aufzunehmen und helfe ihnen, "ihre traumatischen Erfahrungen zu bearbeiten und bei uns Fuß zu fassen."

Zitat

Die Christen im Irak müssen zum Sauerteig eines modernen Verständnisses von Menschenrechten und Religionsfreiheit werden und damit die Gesellschaft prägen."

Oberkirchenrat Michael Martin

Noch wichtiger jedoch sei es, den Christen im Irak und dem Nahen Osten zu helfen, vor Ort zu bleiben. "Ihre uralte christliche Tradition sollte weiterhin Bestand haben." Dazu sei es einerseits nötig, den internen irakischen Flüchtlingen eine neue wirtschaftliche Perspektive im Nordirak zu geben. Andererseits sei es "ganz wichtig, auch auf der politischen Ebene für die weitere Existenz der Christen im Irak und dem Nahen Osten einzutreten."

"Die Angst ist unbeschreiblich"

Der Terror im Irak habe mittlerweile ein Ausmaß erreicht, so Martin, das ein normales Leben für alle Menschen praktisch unmöglich mache. Mit dem Fall Mosuls an die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ habe sich die Lage für die Christen der Region noch einmal dramatisch verschlechtert.

"Schon in Syrien haben die IS-Truppen ehemals religiös gemischte Städte mit brutalster Gewalt christenfrei gemacht. Im irakischen Teil des Zweistromlandes zieht sich deren Gewaltspur fort." So sei von den 50.000 Christen, die vor dem Irakkrieg in Mosul lebten nach Ende Juli keiner mehr in der Stadt verblieben.

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Auch im Zentralirak um die Hauptstadt Bagdad könnten die Menschen kaum noch auf die Straßen gehen. "Geschäfte und Schulen bleiben größtenteils geschlossen, Krankenhäuser haben nur noch Notdienste. Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr auf die Straße, sie müssen monatelang in den Wohnungen bleiben."

In Bagdad gebe es nur noch ein knappes Dutzend Kirchengemeinden, in denen einige Seelsorger mit "großer Courage" den Menschen in ihrer Angst beiständen. Die Angst sei unbeschreiblich, ein "kollektives Trauma" habe die Gemeinden erfasst.

Auch in den kurdischen Gebieten sei die Situation angespannt. Neben den schon vorhandenen ca. 200.000 Syrern auf der Flucht seien mindestens noch einmal so viele Inlandsflüchtlinge dorthin gekommen. "Die Region ist an ihrer Kapazitätsgrenze." Ohne Frage sei aber die Sicherheitslage momentan immer noch besser als im restlichen Irak.

Modell einer Pluralen Gesellschaft

Derzeit gebe es, berichtete der Oberkirchenrat, eine kontroverse menschenrechtliche Diskussion über die Zukunft der assyrischen Christen im Irak: Die einen suchten eine Lösung für sie außerhalb des Iraks und forderten Hilfe zur Aufnahme in Europa, den USA, Kanada oder Australien.

Die andere Position gehe davon aus, dass der Irak in drei Teile zerfallen werde, "wobei es im sunnitischen Zentralirak und im schiitischen Süden keinen Platz für Christen mehr geben wird." Der kurdische Norden aber könne das Modell einer Pluralen Gesellschaft werden.

Informationen zum Thema

Spendenkonto: Christen helfen im Irak

ELKB
DE57 5206 0410 0001 0101 07
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Stichwort: Christen helfen im Irak

 

Für ein friedliches Zusammenleben wäre es notwendig, "dass sich die christlichen Meinungsführer im Irak und in der Diaspora nicht einem simplen Nationalismus hingeben". Ebenso könnten Christen oder deren westliche Unterstützer keine privilegierte Religionsfreiheit für Christen fordern. "Religionsfreiheit kann nur für alle gelten, und genau dafür sollten Christen eintreten. Das alte fatale Kräftemessen der Ethnien und Religionen wird den Christen kaum eine Chance eröffnen, Teil eines zukünftigen Irak zu sein."

"Betet für uns!"

Ganz entscheidend sei derzeit für die Christen im Irak, nicht vergessen zu sein. "Jeder Erweis von Solidarität ist wichtig, als Besucher und Besucherinnen vor Ort, indem die Situation der Menschen hier in Europa öffentlich zur Sprache kommt oder indem gegenüber unseren Regierungen und der Europäischen Union darauf gedrängt wird, den Irak zu stabilisieren." Letztlich gehe es um viel mehr als um finanzielle Unterstützung: um geistlichen Beistand und geschwisterliche Solidarität. "'Betet für uns', so bitten viele irakische Christen bei Besuchen. Und immer wieder sagen sie, dass es die Solidarität im Glauben ist, die sie durchhalten lässt in ihrer alten Heimat, dem biblischen Zweistromland."


03.09.2014 / Anne Lüters