Christen in der Ukraine

"Betet für uns!"

Das Bild zwei Mädchen mit ihren selbstgemalten Bildern

Kinder zeigen stolz ihre Bilder, die sie mit Psychologinnen gemalt haben, um die Kriegserfahrungen aufzuarbeiten.

Bild: Zenker

"Wir können in der Ukraine etwas bewegen - nicht mit Waffen, sondern mit Hilfsgütern", sagt Ulrich Zenker. Ein Gespräch mit dem ELKB-Osteuropareferenten über die Situation in unserer Partnerkirche.

Angriffe und Not, Krisen- und Friedensgespräche – es gibt kaum einen Tag, an dem nicht von der Ukraine berichtet wird. Auch die bayerische Landeskirche blickt mit Sorge nach Donezk und Lugansk, nach Mariupol und die anderen umkämpften Gebiete, aus Mitgefühl und aus Sorge um die Christen der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine (DELKU), zu der die ELKB seit 1991 partnerschaftliche Beziehungen pflegt. Über die Situation in der Ukraine sprach Bayern-evangelisch mit Ulrich Zenker, Referent für Osteuropa und ökumenische Diakonie im Landeskirchenamt der ELKB.

Herr Zenker, was macht Ihnen im Moment am meisten Sorgen?

Zenker: Dass die Separatisten langsam überhand gewinnen und dass die Ukraine keine Mittel findet, damit umzugehen. Dass beide Parteien unversöhnlich sind und zu keinen weiteren Friedensgesprächen bereit. Und dann weiß ich nicht, was noch kommen wird. Ob der Landweg zur Krim Ziel von Angriffen wird – das ist schwer abzuschätzen.

Was erfahren Sie von den Christen in unserer Partnerkirche?

Zenker: Wir stehen im permanenten Kontakt zu Bischof Serge Maschewski. Im Oktober war ich selbst in Odessa. Dort habe ich miterlebt, wie groß die Anspannung ist. Ludmila Pelich, die Gemeindevorsteherin von Donezk, hat kurz vor einem gemeinsamen Abendgebet in Odessa mit ihrer Tochter in Donezk telefoniert. Dort musste kurz zuvor eine Granate eingeschlagen haben, denn Ludmilla wurde am Telefon ganz panisch. „Bleib wo du bist“ schrie sie ins Telefon. „Geh nicht auf die Straße“! So aufgelöst habe ich sie noch nie erlebt. In der Zwischenzeit ist sie auch aus der Ukraine geflohen. Sie lebt jetzt bei ihrer Schwester in Deutschland und hofft, dass sie irgendwann wieder zurückkehren kann.

Was hören sie von den Gemeindemitgliedern, die in der Ukraine geblieben sind?

Zenker: Es gibt Kirchengemeinden in Donezk, Mariupol und Makiivka. Seit Mitte Januar sind viele von dort geflohen. Ludmilla berichtet von einem Diakonieprojekt, das sich zur Aufgabe gemacht hat, regelmäßig alte und kranke Menschen in der Region zu besuchen und sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Die Frauen, die zu den alten Menschen gehen, müssen die Lebensmittel unter ihren Pullovern verstecken, sonst werden sie ihnen von Plünderern abgenommen. Es wird immer schwieriger, Lebensmittel zu bekommen. In den Dörfern um Donezk leben die Menschen nur noch in den Kellern. Oft kann die Diakonie den bettlägerigen Menschen dort nicht mehr helfen. Es ist praktisch nichts mehr da. Man muss sich das vorstellen: Bis auf die nackten Wände und das Bett ist alles leer: Sie haben alles verkauft – um Lebensmittel zu zahlen und Leute, die ihnen helfen.

Wie sieht es in den anderen Teilen der Ukraine aus?

Zenker: Die Kämpfe konzentrieren sich auf Lugansk, Donezk und Mariupol. In den anderen Landesteilen haben wir im Oktober Barrikaden und schwer bewaffnete Soldaten gesehen, aber sonst war es erträglich. Weiter als Berdjansk sind wir allerdings nicht gekommen. In Kiew war gar nichts zu spüren auch in Odessa merkt man wenig vom Konflikt im Osten.

Abgesehen von den Flüchtlingen.

Zenker: Die gibt es jetzt überall. Seit Beginn des Konflikts sind Hunderttausende in Richtung Westen geflohen. Als wir im Oktober dort waren, haben wir ein Sanatorium besucht. Da waren beispielsweise Menschen, die im August am Strand Urlaub gemacht haben. Dann kam die Nachricht: „Ihr könnt nicht zurück!“ Bis Oktober hatten sie gehofft, rückkehren zu können – aber inzwischen ist tiefer Winter und sie sind immer noch dort.

Sorge um die Kranken

Das Bild zeigt eine Frau, die neben dem Bett ihrer Mutter steht.,© Zenker
Es gibt praktisch keine medizinische Versorgung in Georgivka. Diese Frau bleibt bei ihrer schwer kranken Mutter und pflegt sie so gut es geht.

Fürbitte für die Kriegsregion

Das Bild zeigt Menschen in einer Kirche in der Ukraine,© Zenker
Konkrete Hilfe und Fürbitte - das können die Kirchengemeinden in der restlichen Ukraine für die Christen in der Ostukraine tun. Im Bild: Synodale der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine beim Abendgebet

Versorgung mit dem Lebensnotwendigen

Das Bild zeigt zwei Frauen mit gespendeten HIlfsgütern ,© Zenker
Dankbar nehmen diese beiden Frauen in Losova Lebensmittel und Kleider in Empfang. Die lutherische Gemeinde vor Ort hat die Hilfsgüter mit finanzieller Hilfe der ELKB für die Flüchtlinge gekauft.

Eine Ahnung von Frieden

Das Bild zeigt Mädchen im Ferienlager ,© Borisuk
Lichtblick in schwerer Zeit: Kinder aus Odessa im Ferienlager

Wie helfen sich die Kirchengemeinden untereinander?

Zenker: Die allermeisten Ostukrainer haben im Westen, also in Kiew beispielsweise, Verwandte, bei denen sie unterkommen. Inzwischen sind 1,5 Millionen Menschen geflohen und suchen – überwiegend innerhalb der Ukraine – Zuflucht. Natürlich gibt es da Engpässe, wenn beispielsweise eine Familie, die auf 60 Quadratmetern lebt, noch eine zweite Familie aufnehmen muss. Den evangelischen Kirchengemeinden war es wichtig, auch etwas für Flüchtlinge zu tun. In Dnepropetrowsk haben sie beispielsweise eine Suppenküche eingerichtet, in der einmal am Tag Suppe angeboten wird. Aber auch eine Gemeinde mit 200 Mitgliedern kommt da schnell an ihre Grenzen.

Wie kann unsere Kirche sie dabei unterstützen?

Zenker: Darüber haben wir im Oktober mit dem Bischof in Odessa gesprochen. Wir haben darum gebeten, dass Gemeinden, wo sie mit Flüchtlingen in Berührung kommen, genau aufnehmen, was die Flüchtlinge benötigen. So haben wir beispielsweise von einem Flüchtlingslager erfahren, das in einer Fabrik eingerichtet wurde – 380 Menschen leben da jetzt.

Nach diesen Informationen hat die ELKB hat noch im Dezember 51.000 Euro bereitgestellt, damit zum Beispiel – wie im Fall der Fabrik – Lebensmittel und Kleidung für den Winter gekauft werden konnten, aber auch Vorhänge um den Menschen wenigstens etwas Privatsphäre zu lassen.

Diese Hilfe geht nur an die Kirchengemeinden, die mit Flüchtlingen zu tun haben. Daneben haben wir aber auch mit 130.000 Euro auf einen Appeal der Act Alliance reagiert, der mit Hilfe von Nicht-Regierungs-Organisationen Flüchtlinge in Städten wie Kiew und Lemberg mit Nahrung und Kleidung unterstützt. Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es gibt den Menschen, die alles verloren haben, zumindest das Gefühl, dass man sich um sie kümmert.

Zitat

In den Telefonaten, die ich mit Bischof Maschewski führe, ruft er uns zu: „Betet für uns. Betet für den Frieden in der Ukraine“. Und das tun wir auch."

Ulrich Zenker

Was können wir bayerischen Christen jetzt tun?

Zenker: Ich denke nach wie vor, wir müssen die Christen in der Ukraine dabei unterstützen, dass sie Flüchtlinge versorgen können. Es ist immer noch Krieg in der Ostukraine und wir können Flüchtlingen helfen, dass sie nicht allein gelassen sind. Die Gemeinde in Odessa schickt regelmäßig Psychologinnen in ein Flüchtlingslager, um mit den Menschen dort die Bombenangriffe und alles, was sie an Schlimmem erlebt haben, aufzuarbeiten. Damit leisten sie einen ganz wichtigen Beitrag dazu, dass Menschen wieder mit dem Leben zurechtkommen. Und für die Kinder werden Gruppen angeboten, werden Spiele gemacht, wird gesungen. So wird versucht, sie aus dem Schrecken in ein einigermaßen normales Leben zurückzubringen.

Das heißt: spenden, spenden, spenden…

Zenker: Ja, wir können etwas bewegen, aber nicht mit Waffen! Mit Lebensmitteln, Kleidung, Schuhen und Hygieneartikel - alles Hilfsgüter, die in der Ukraine erhältlich sind. Die Menschen haben nur kein Geld dafür. Ende Januar hat die Diakonie Katastrophenhilfe einen Spendenaufruf gestartet. Und es ist ein ganz wichtiges Zeichen, dass wir in Bayern für die Partnerkirche und für die Menschen in der Ukraine Verantwortung übernehmen. Daneben gibt es zwischen den großen Städten Gemeindepartnerschaften: zwischen München und Kiew, zwischen Nürnberg und Charkiv, zwischen Regensburg und Odessa. Sie haben eigene Partnervereine und sammeln ebenfalls für die Ukraine.

Als die Situation eskalierte und im Mai 2014 das Gewerkschaftshaus in Odessa in Brand gesteckt wurde mit über 40 Toten, da hat die Partnergemeinden wöchentlich zu Friedensgebeten eingeladen – und es sind auch Menschen gekommen. Denn unser Gebet ist für unsere Partner eine ganz wichtige Unterstützung. In den Telefonaten, die ich mit Bischof Maschewski führe, ruft er uns zu: „Betet für uns. Betet für den Frieden in der Ukraine“. Und das tun wir auch.

Zur Person

Ulrich Zenker, Bild: © ELKB

Ulrich Zenker

Kirchenrat Ulrich Zenker ist Referent für Osteuropa und ökumenische Diakonie im Landeskirchenamt der ELKB.


19.02.2015 / Anne Lüters
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