Erster Posaunenchor Bayerns

Blechblasen als "Wellness"

Posaunenspieler

Die Posaune gibt in Neuendettelsau den Ton an - schließlich residiert dort der älteste Posaunenchor Bayerns.

Bild: © iStockPhoto / herreid

In Neuendettelsau gibt es eine Besonderheit: In der Gemeinde hat der erste Posaunenchor Bayerns seine Wurzeln - der damalige Dorfpfarrer Wilhelm Löhe gründete den Chor vor 150 Jahren. Ein Portrait.

Neuendettelsau ist untrennbar mit der Diakonie verbunden, sie ist der größte Arbeitgeber in der Region. Außerdem lebt in dem Ort mit knapp 8.000 Einwohnern die älteste Bürgerin Bayerns mit 111 Jahren. Und noch eine Besonderheit gibt es dort: In der Gemeinde hat der erste Posaunenchor Bayerns seine Wurzeln. Der damalige Dorfpfarrer Wilhelm Löhe gründete den Chor vor 150 Jahren. Mit acht Männern ging es los, 1865 noch traditionell gekleidet in langen, dunklen Mänteln nach Art der damaligen fränkischen Kirchenröcke. Doch bevor es zum ersten großen Auftritt an Silvester kam, probten die Musiker ein ganzes Jahr lang.

Heute hat der Posaunenchor der Diakoniekirche St. Laurentius 13 Mitglieder. Eine von ihnen ist die 14-jährige Anna Wittmann. Wenn sie über ihr Flügelhorn spricht, huscht ein Lächeln über das Gesicht der Gymnasiastin. Ihre Beziehung ist eine ganz innige. "Ich liebe mein Horn - das ist klar", sagt sie. Seit ungefähr eineinhalb Jahren spielt Anna in dem traditionsreichen Posaunenchor mit, am liebsten mag sie es, wenn es swingt. "Die klassische Bläsermusik ist auch sehr schön", sagt sie. "Aber Swing hat einfach mehr Pepp." Jeden Tag übt sie etwa eine halbe Stunde, immer freitags treffen sich alle Mitglieder zur Probe.

Fällt diese Übungseinheit mal aus, zieht Anna Wittmann ein langes Gesicht. Denn das Blechblasen ist für sie ein Art "Wellness", um nach dem täglichen Schulstress abzuschalten, wie sie verrät. Siegfried Huber ist Diakon in Neuendettelsau - mit 78 Jahren ist er der älteste Musiker im Posaunenchor. 1949 hat er mit dem Blechblasen begonnen, sein Vater leitete den Chor in Polsingen im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Über das Flügelhorn kam er zur Trompete, seit Anfang der 1960er Jahren spielt er im Neuendettelsauer Posaunenchor. Und der 78-Jährige kümmert sich auch um die Nachwuchsarbeit und bildet Bläser aus.

Hubers Ohren erkennen ein Talent sofort, doch auch weniger Begabten gibt er eine Chance. "Wir haben da schon sehr viel Geduld", sagt Bruder Huber - unter diesem Namen ist er in Neuendettelsau bekannt wie ein bunter Hund: "Heimgeschickt habe ich noch nie jemanden, manche brauchen länger und die Zeit bekommen sie." Er erinnert sich an seine Jugend, als es noch üblich, dass Anfänger die Instrumente der anderen reinigen. "Ich musste die großen Tuben putzen, da habe ich für eine drei bis vier Stunden gebraucht", sagt Siegfried Huber. "Durch das Lackieren der Instrumente ist das heute alles nicht mehr nötig. Eine tolle Sache."

Klaus Oelschläger kümmert sich um die Pressearbeit im Posaunenchor, seit 1976 lebt er in Neuendettelsau. Als 14-Jähriger kam er über die Trompete zum Flügelhorn, auch wenn sein Vater ihm vom Blechblasen abriet. Der Grund: Der 72-Jährige hat seit seiner Kindheit Asthma. "Ich war deswegen öfter auf Kur in Davos", erklärt Klaus Oelschläger. "Die Spezialisten haben sich sehr gewundert, welch großes Lungenvolumen ich als Asthmatiker habe. Das Blasen tut mir also sehr gut und ist für mich gesundheitsfördernd." Und noch eine Randnotiz: Zählt man das Alter von Siegfried Huber und Klaus Oelschläger zusammen, dann kommt man auf 150 Jahre. So alt wie der Posaunenchor Neuendettelsau.

Das Jubiläum feiert der Chor mit einer eigenen Sonderausstellung im Löhe-Zeit-Museum. Eröffnet wird die Schau am 28. März um 14 Uhr zusammen mit dem traditionellen Osterei-Fest im und vor dem Museum am Bahnhof.

 


24.03.2015 / Diane Meyer / epd
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