Am Ende des Lebens

Aus für organisierte Sterbehilfe

Aus für organisierte Sterbehilfe

Der Bundestag hat ein Gesetz beschlossen, wonach die organisierte und geschäftsmäßige Suizidbeihilfe unter Strafe steht.

Bild: Sean_Warren

Kirchenvertreter begrüßen Bundestagsentscheidung: Der Bundestag habe ein starkes Zeichen für den Lebensschutz gesetzt.

Vertreter von Kirchen und Politik in Bayern begrüßen das Aus der organisierten Sterbehilfe. Die Bundestagsentscheidung sorge dafür, dass die Hürden für den Suizid nicht gesenkt werden und der Suizid nicht zur normalen Option wird, schrieb der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm auf seiner Facebook-Seite. Am Freitag hatte der Bundestag nach mehr als einjähriger Debatte ein Gesetz beschlossen, das organisierte und geschäftsmäßige Suizidbeihilfe unter Strafe stellt. Einzelfallentscheidungen von Ärzten sollen nicht sanktioniert werden.

Der Gesetzentwurf, der federführend von einer Gruppe um Kerstin Griese (SPD) und Michael Brand (CDU) in den Bundestag eingebracht worden war, war am Freitag bereits im ersten Durchgang von einer Mehrheit im Parlament unterstützt worden. Für das Verbot organisierter Sterbehilfe wird ein Paragraf im Strafgesetzbuch ergänzt. Er ahndet die grundsätzlich straffreie Suizidbeihilfe, wenn sie geschäftsmäßig, also auf Wiederholung angelegt, angeboten wird.

Bedford-Strohm schrieb weiter, dass er auch dankbar dafür sei, dass im Verhältnis zwischen Arzt und Patient Gewissensspielräume bleiben, denn nicht jeder Einzelfall lasse sich rechtlich regeln. "Jetzt ist das Wichtigste, dass wir die Menschen beim Sterben gut begleiten und dadurch mithelfen, dass sie gar nicht den Wunsch entwickeln, sich das Leben zu nehmen", betonte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Heinrich Bedford-Strohm,© HeikeRost.com

Bild: HeikeRost.com

Landesbischof Bedford-Strohm

zum Beschluss des Bundestages.

Gemeinsame Erklärung der Kirchen: Starkes Zeichen für den Lebensschutz
In einer gemeinsamen Erklärung teilten Bedford-Strohm sowie der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, mit: "Das neue Gesetz schützt schwer kranke und ältere Menschen vor einem zunehmenden sozialen Druck, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden." Der Bundestag habe ein starkes Zeichen für den Lebensschutz gesetzt.

Auch Ärzte und Pflegekräfte würden vor der Erwartungshaltung geschützt, im Rahmen der gesundheitlichen Versorgung Suizidassistenz zu leisten, schreiben die Kirchenvertreter weiter. Das neue Gesetz begegne diesen Gefahren "wirksam und mit großer Sorgfalt". Außerdem stärke es die Selbstbestimmung der durch Krankheit geschwächten Menschen, "indem diesen Menschen die solidarische Zuwendung bis zum letzten Atemzug garantiert wird".

Gemeinsame Aufgabe werde es nun sein, "sorgend an der Seite der schwerstkranken und sterbenden Menschen zu sein und den gestern beschlossenen Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung entschieden mit Leben zu füllen". Die Erklärung unterzeichneten auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der frühere CSU-Politiker Alois Glück, und die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer.

„Hilfe zum Suizid“ nicht gleichbedeutend mit „Hilfe beim Sterben“
Auch die Nürnberger evangelische Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern begrüßte die Bundestagsentscheidung. „Wer sich das Leben nimmt, tut dies aus Angst“ sagt Hann von Weyhern und warnt vor der Illusion, am Ende des Lebens gäbe es eine wirklich unabhängige Entscheidung.

„Wer zu seinem menschenwürdigen Weiterleben auf die Unterstützung seiner Familie, von Ärzten und Krankenpflegern und der Finanzierung durch Krankenversicherungen angewiesen ist, wird es als Druck empfinden, wenn assistierter Suizid eine gesetzlich und gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit ist“ sorgt sich die evangelische Theologin. Sie wolle verhindern, dass Menschen – unabhängig davon, ob sie ihr Leben als Geschenk Gottes verstehen oder nicht – einem falschen Verständnis von Freiheit aufsitzen, das nicht der Lebenswirklichkeit entspreche.

Nach der Entscheidung des Bundestags zur Sterbehilfe hat die evangelische Bayreuther Regionalbischöfin Dorothea Greiner weitere Verbesserungen in der palliativmedizinischen Versorgung angemahnt. "Es ist wichtig, wenn das Gespräch über 'Hilfe zum Sterben' nun unter anderen Vorzeichen weitergeführt wird als Gespräch über 'Hilfe beim Sterben'", sagte Greiner am Samstag dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung stärken
Jetzt müssten auch die palliativmedizinische Ausbildung und Fortbildung von Ärzten, Krankenhauspersonal, Pflegekräften in Altenheimen und Ambulanzen verstärkt werden, forderte die Theologin: "Die Möglichkeiten, die die Palliativmedizin bereits bieten kann, müssen erstens ausgebaut, zweitens angewandt und drittens in der Bevölkerung bekanntmacht werden." Greiner dankte allen, die sich in der Hospizbewegung seit Jahren engagieren. Diese habe zur politischen Entscheidung beigetragen, "weil erfahrbar wurde, welche Hilfe beim Sterben heute schon möglich ist in der ganzheitlichen Sorge für Seele und Leib".

Auch der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CSU in Bayern, Bundesagrarminister Christian Schmidt, begrüßte die Entscheidung für den Griese/Brand-Entwurf. Denn eine organisierte oder gewerbsmäßige Suizidbeihilfe missachte, dass Sterben untrennbar zum Leben gehöre. Suizidbeihilfe dürfe nicht zu einer professionalisierten Dienstleistung und zu einer regulären Alternative werden. Ansonsten würde der soziale Druck auf Schwerkranke "sehr groß", sich für das Angebot zu entscheiden.

"Jeder Mensch ist einzigartig - im Leben und Sterben", betonte Schmidt. Es gehöre zur gesamtgesellschaftlichen Solidarität, zu zeigen, dass das menschliche Leben auch in der Phase von Krankheit, Leid oder Alter für die Gesellschaft wertvoll ist. Daher müsse der Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung gestärkt werden.


10.11.2015 / epd/ELKB