Welt-Aids-Tag

"Hoffnung und Schatten"

Aidsschleife

Weltweit leben etwa 35 Millionen Menschen mit HIV. Rund 2,1 Millionen kommen pro Jahr dazu.

Bild: instamatic

Zum 28. Mal findet in diesem Jahr der Welt-Aids-Tag statt. Regierungen, Organisationen und Vereine rufen weltweit dazu auf, aktiv zu werden und Solidarität mit von HIV betroffenen Menschen zu zeigen.

Seit 1988 wird der Welt-Aids-Tag jährlich am 1. Dezember begangen. Mit Aktionen und Informationen soll daran erinnert werden, dass das HI-Virus noch längst nicht besiegt ist. Für Hermann Schuster, Diplom-Psychologe und Leiter der Aidsberatung Oberfranken im Diakonischen Werk Bayreuth, ist das Thema Aids auch an jedem anderen Tag des Jahres präsent. Im Interview spricht er über seinen Alltag.

Herr Schuster Sie sind seit 1989 in der Aidsberatung Oberfranken tätig. Was hat sich in dieser Zeit in Ihrem Berufsalltag verändert?
Schuster: Da hat sich sehr viel verändert. Wir waren damals die dritte Aidsberatung in ganz Bayern. Als ich angefangen habe, war Aids noch eine tödlich verlaufende Krankheit. Es gab keine Medikamente und wir konnten nur versuchen die Betroffenen psychisch zu stabilisieren. Der Einschnitt kam 1996 mit der Antiviralen Kombinationstherapie. Inzwischen kann ein HIV-positiver Mensch mit der Infektion leben und sogar alt werden. Bei guter und konstanter Therapie kann der Virus nach sechs Monaten sogar oft nicht mehr nachgewiesen werden. Aber natürlich müssen dafür auch viele Faktoren stimmen.

Welche Faktoren sind das?
Schuster: Wichtig ist natürlich, dass die Infektion früh erkannt wird und rechtzeitig mit der Therapie begonnen werden kann. Die muss vor allem konsequent durchgeführt werden. Eine gute, vertrauensvolle ärztliche Betreuung ist sehr wichtig, daß das soziale Umfeld stimmt und natürlich eine nötige psychische Stabilität. An dieser Stelle versuchen wir zu helfen.

Fakten

In Deutschland sind 83.000 Menschen HIV-positiv, in Bayern sind 9.700 Menschen betroffen. Die Zahl der Neuinfektionen liegt laut Robert-Koch-Institut (RKI) relativ konstant bei 3.500 jährlich im gesamten Bundesgebiet, 390 davon in Bayern. Die Zahl der Menschen die nichts von ihrer Infektion wissen schätzt das RKI auf 13.000 in Deutschland und etwa 1.700 in Bayern.
                                                                 

Epidemiologische Kurzinformation des Robert Koch-Instituts
Stand: Ende 2014

Mit welchen Problemen kommen die Betroffenen zu Ihnen, wie können Sie helfen?
Schuster: Wir sind eine psychosoziale Beratungsstelle, wir geben also keine medizinische Hilfe. Im vergangenen Jahr haben wir aber 89 Männer und Frauen psychologisch begleitet. Je nachdem, wie stabil unsere Klienten sind oder Hilfe benötigen, begleiten wir sie oft über mehrere Jahre. Auch wenn die Erkrankung nicht mehr tödlich verlaufen muss, verlangt sie den Betroffenen viel ab. Medizinische Nebenwirkungen, genauso wie soziale sind eine große Belastung. Die Erkrankten haben oft Angst vor Diskriminierung oder haben negative Erfahrungen gemacht. Isolation und Rückzug sind fatale Reaktionsmuster. Nicht selten geraten die Betroffenen mit zunehmendem Alter und Dauer in eine depressive Spirale. Wir versuchen Mut zu machen, ihre Therapietreue aufrechtzuerhalten und Wege zu zeigen. Wir bieten ihnen eine Schonraum. In Einzelgesprächen, aber auch zum Beispiel beim "Positiven Frühstück", zu dem einmal im Monat etwa 12 Leute kommen und ihre Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig unterstützen.

Die Betroffenen haben Angst vor Diskriminierung, ist die Aufklärung in der Gesellschaft noch immer so schlecht?
Schuster: In den Köpfen der Menschen steckt noch immer fest, dass Aids eine ansteckende, tödliche Krankheit ist. Die positiven Fortschritte sind nicht in der Gesellschaft angekommen. Und noch immer gilt oft das Vorurteil, dass die Infektion nur bestimmte Gruppen betrifft. Tatsächlich finden wir in der Beratungsstelle aber ein extrem breites Spektrum an Lebensläufen und auch zwei HIV-positive Kinder.

Wie hoch ist denn Ihrer Meinung nach das gesellschaftliche Interesse an dem Thema Aids heute?
Schuster: Salopp gesagt, die Luft ist raus. Natürlich ist, bis zu einem gewissen Grad sogar zu Recht, die Dramatik aus dem Thema. Die Krankheit muss nicht mehr tödlich verlaufen. Dennoch bleibt natürlich eine hohe Brisanz, die nicht mehr wahrgenommen wird. Das ist eine Zwickmühle: Die Fortschritte, werden entweder nicht wahrgenommen und alte Vorurteile bleiben weiterhin im Bewusstsein der Menschen verankert oder sie werden sehr wohl wahrgenommen und führen zu einer Verharmlosung, im Sinne von: "Da gibt es doch jetzt Pillen dagegen." Dass Hoffnung und Schatten sehr dicht nebeneinander stehen ist vielen Menschen nicht klar. Aids bleibt eine chronische unheilbare Krankheit und es gibt tausend gute Gründe das nicht zu verharmlosen.

Ist der Welt-Aids-Tag vielleicht gerade deshalb wichtiger denn je?
Schuster: Absolut. Es ist sinnvoll mit Aktionen vor allem auf die Diskriminierung hinzuweisen und an die Gefahren von Aids zu erinnern. Natürlich nicht nur an einem Tag im Jahr, aber als Anstoß Diskussionen wieder anzuschieben, ist dieser Tag sehr hilfreich.

Was kann jeder Einzelne tun, um zu helfen?
Schuster: Das Wichtigste ist Aufklärung und da kann jeder in seinem privaten Umfeld helfen, wenn er Diskriminierung beobachtet. Man kann Position beziehen und sich natürlich bei Aktionen und Veranstaltungen durch Spenden einbringen. In vielen anderen Ländern ist die medizinische Versorgung nicht annähernd so gut, wie bei uns. Nur 37 Prozent der Betroffenen weltweit haben Zugang zu den nötigen Medikamenten. Wir unterstützen zum Beispiel ein Projekt in Indien mit dem vor allem Frauen mit HIV der Zugang zu medizinischer Hilfe gewährleistet werden soll, denn für viele Frauen ist das in Indien ein schwerzugängliches Gut.

01.12.2015 / Sandra Kaufmann