Geistliches Wort zu Weihnachten

Start in die Menschlichkeit

Weihanchtswort

"Die Weihnachtsgeschichte ist gleichermaßen märchenhaft wie nüchtern, aufscheuchend und hoffnungsvoll. "

Bild: Martian

Das geistliche Wort zu Weihnachten von Oberkirchenrätin Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin im Kirchenkreis München und Oberbayern und ständige Vertreterin des Landesbischofs.

Warten aufs Christkind? So etwas tun die Kinder lange vor Weihnachten und den ganzen Tag bis es endlich Heilig Abend wird. Das gesamte Fernsehprogramm ist darauf abgestellt, Kindern die Wartezeit zu verkürzen. Warten aufs Christkind. Gott startet seine irdische Geschichte als Kind. Er lenkt damit die Blicke auf die eigene Gegenwart: Was habe ich, was brauche ich, was erbitte ich?

Gott beginnt zart und filigran. Mitnichten kitschig. Zart sein und filigrane Seiten haben, das bedeutet die Wahrnehmung kleinster Details von Personen und ihrer Lebensgeschichte. Dieses Christkind motiviert, genau hinzu schauen, darauf zu achten, wo unsere eigenen, manchmal kindlichen Bedürfnisse sind und die anderer. Präzise zu beobachten, was gut ist in unserem Leben, was schräg liegt bei uns und in unserer Gesellschaft. Warten aufs Christkind... Auf eines, das unverblümt die Wahrheit sagt - so, wie es Kinder tun.

Die Weihnachtsgeschichte ist gleichermaßen märchenhaft wie nüchtern, aufscheuchend und hoffnungsvoll. Ein Kind kommt in die Welt, vom Himmel gewollt. Es ist gefährdet, weil es ist, wie es ist: Fein, zart, voller Liebe und Sehnsucht nach Menschen, seinen Ebenbildern, die genauso aus Deutschland kommen, wie aus Afghanistan, Syrien, Nigeria oder dem Irak. Weihnachten. Niemand braucht auf das Christkind zu warten, weil es schon da ist. Sanft, weil Liebe niemals gewalttätig ist, deutlich, denn Gott ist Wahrheit und konfrontiert auch an Weihnachten mit dem, was in Menschen und um sie herum los ist.

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Das Christkind kommt detailverliebt, verliebt in die präzise Betrachtung von gesammelten Lebenskleinigkeiten und riesigen Nöten, wie wir sie mitbringen und die, die in diesen Zeiten zu uns kommen. Es sieht Menschen ungeschminkt und nicht geglättet, weil Gott mit inneren und äußeren Unebenheiten längst vertraut ist. Es sieht die Erbarmungswürdigkeit derer, die durch Kälte, Dreck und Nässe zu uns kommen. Dieses Christkind weiß um Asyl und Flucht, weil es schon als Baby in Sicherheit gebracht werden muss - Terrortruppen sind drauf und dran, sein Leben auszulöschen. Gut, dass es im Ausland aufgenommen wurde.

Warten aufs Christkind. Das macht Kinder hierzulande nach wie vor glücklich und das Kind im Mann oder der Frau auch. Es gibt keine größere Freude als die, wenn ein Kind geboren wird. Wie schön, dass Gott für sich diesen Weg gewählt hat, um präsent zu sein. Und wenn bei uns daraus die Leidenschaft erwächst, anderen Kindern dieser Welt, kleinen und großen, ebenfalls ein Stück weihnachtlicher Seligkeit zu schenken, dann wird Gott wieder und wieder Mensch.


22.12.2015 / Susanne Breit-Keßler/epd