Semesterstart in den Hochschulgemeinden

Hörsaal Universität Erlangen

Startschuss zum Wintersemester

Bild: FAU/David-Hartfiel

Das Wintersemester startet - natürlich auch mit evangelischen Gottesdiensten. Ein Gespräch mit Daniel Wanke, Studierendenpfarrer in Erlangen.

Herr Dr. Wanke, über wie viele Studierende sprechen wir in Erlangen? Wir groß ist Ihre Gemeinde?
Daniel Wanke: In Erlangen gibt es ungefähr 30.000 Studierende. Wie viele davon evangelisch sind ist nicht zu sagen, da die Hochschule diese Information nicht abfragt. Wir vermuten, dass es ungefähr ein Drittel der Studierenden ist.

Warum ist es in Ihren Augen sinnvoll, dass sich die evangelische Kirche an Hochschulen engagiert?
Daniel Wanke: In dem Alter zwischen Abitur und 25 befinden sich die Jugendlichen in einer Phase des Erwachsenwerdens. Sie sind volljährig, aber noch nicht erwachsen. Sie lösen sich vom Elternhaus, treffen wichtige, weitreichende Entscheidungen, die Ihr Leben nachhaltig prägen. Beruf, neue Stadt, neue Freundschaften, aber auch schleichende Ablösung von den alten Heimatkontakten wie Schule, Sportvereine oder auch der Gemeinde. Diese Phase ist geprägt von Veränderungen. Da bieten wir von den Hochschulgemeinden – praktisch theologisch gesehen – die Begleitung einer gestreckten Kasualie, also eines Übergangsritus. Kurz gesagt: wir machen Persönlichkeitsbegleitung, federn die Wachstumsschmerzen ab. Dazu bieten wir eine große Bandbreite von Beteiligungsmöglichkeiten. Angefangen beim reinen Passiven, wo man einfach kommt, die Angebote annimmt und genießt und sich trotzdem als Teil der Gemeinschaft fühlen kann. Bis hin zu hohen Engagement – beispielsweise in der Gemeindeleitung – wo viel gemeinsame inhaltliche Arbeit geleistet wird. Unser Ziel: eine möglichst gute evangelische Freiheit zu leben. Wer kommt ist gern gesehen und fühlt sich hoffentlich gut aufgehoben – und wer nicht kommt hat gute Gründe.

Sie sagten: Hochschulgemeinde sei die Begleitung eines Übergangsritus zum einen. Und zum anderen?
Daniel Wanke: Dann geht’s natürlich auch um die Inhalte, den anderen Schwerpunkt unserer Arbeit. Wir bemühen uns natürlich geistliches Leben in unterschiedlicher Art und Weise am Laufen zu halten. Zum Beispiel mit altersgemäßen Gottesdiensten. Hier muss nicht immer das Rad neu erfunden werden, denn Gottesdienst ist auch ein wenig wie nach Hause kommen. Die meisten wollen kommen, den Gottesdienst genießen, singen, beten und gesegnet nach Hause gehen. Zusätzlich haben wir viele geistliche Unterbrechungen des Alltags wie Mittagstisch und Mittagsgebet, Bibelkreise und auch internationale Angebote für Christen und Nicht-Christen.

Zitat

Unser Ziel: eine möglichst gute evangelische Freiheit zu leben.

Daniel Wanke

Wie empfinden Sie die Studierenden von heute? Wie politisch und revolutionär sind die Studentinnen und Studenten von heute?

Daniel Wanke: Die Studierenden sind immer noch hochpolitisch. Gerade in den letzten Jahren rund um den arabischen Frühling und seine Folgen. All das macht Studenten aufmerksam – aber die Reaktion darauf ist anders als in den 60ern. Sie funktionieren einfach anders. Ich glaube, die Studis haben es insgesamt heute schwerer, weil hier ein höheres Maß an Flexibilität für ihre eigene Zukunft abverlangt wird und ein höherer Druck herrscht: Dein Leben muss gelingen. Das haben wir früher nicht so empfunden. 

Informationen zum Thema Studierendengemeinde

Studierendengemeinde

28 Evangelische Studierende- und Hochschulgemeinden (ESG/EHG) gibt es in Bayern, davon alleine fünf in München. Mehr Infos unter www.esg-bayern.de

Die Auswahlmöglichkeiten sind unglaublich groß, unübersichtlich, ein Symptom unserer Zeit. Sich da zu orientieren und zu konzentrieren ist eine große Herausforderung. Das macht sich natürlich bemerkbar: Die Studiengänge sind viel verschulter, sehr viel mehr Prüfungen, auch was an Hausarbeiten und Referaten anfällt. Die Belastung ist sehr hoch. Wenn dann zusätzlich noch gejobbt werden muss sorgt das dafür, dass die Kapazitäten für anderes nicht mehr da sind. Wir als Hochschulgemeinde versuchen auch von Berufswegen, politisches Tagesgeschäft in den Alltag zu integrieren. Beispielsweise gibt es bei uns erstmals in diesem Semester einen Lesezirkel zur Wochenzeitschrift „Zeit“. Alle zwei Wochen wollen wir uns treffen und diskutieren.

Wenn Sie sich etwas für Ihren Bereich etwas für die Zukunft wünschen dürften – was wäre das?
Daniel Wanke: Zum einen wünsche ich mir für alle Standorte, dass die Universitäten erkennen, dass Studierenden mehr sind als das was sie studieren. Religion ist im öffentlichen Raum gut aufgehoben – auch um eine Radikalisierung zu vermeiden. Das muss auch eine Universität fördern. Und damit hat es mehr auf sich, als einen theologischen Fachbereich zu betreiben. Dabei muss die Universität ja gar nicht die Durchführung übernehmen, aber offen sein und motiviert – das fände ich gut.

Zur Person

Daniel Wanke, Bild: © ELKB

Dr. Daniel Wanke

Pfarrer Dr. Daniel Wanke hat in Erlangen und Wien studiert und ist nach Stationen in Mainz, Lindau, Küps (Oberfranken) und Kulmbach seit 6 Jahren Hochschulpfarrer in Erlangen. Gemeinsam mit seiner Frau, mit der er sich die Stelle teilt, eröffnet er am 13.Oktober das neue Semester in der Evangelischen Studierenden und Hochschulgemeinde Erlangen.


13.10.2015 / Bettina Mathar
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