Rollentausch

"Die Menschen sind hilflos und unsicher"

Rollentausch, RegionalbischofMichael Grabow

Regionalbischof Michael Grabow unterstützte die Ehrenamtliche Ruth Geiger beim Kochen.

Bild: DWA/Riske

Regionalbischof Michael Grabow war zum Rollentausch im Zentrum für interkulturelle Beratung (zib) in Augsburg. Im Interview erzählt er von seinen Eindrücken.

Herr Grabow, warum haben Sie sich in diesem Jahr entschieden den Rollentausch oder Seitenwechsel im zib in Augsburg zu machen?
Grabow: Mir war das Flüchtlingsthema wichtig. Als wir im Frühjahr beschlossen haben, dass ich den Seitenwechseln in diesem Jahr in der ZIB-Beratungsstelle machen werde, war die heutige Brisanz des Themas noch gar nicht abzusehen. Die Hilfe, die im zib angeboten wird ist sehr vielfältig, das wollte ich mir ansehen und mitbekommen, wie die Beratungen dort ablaufen. Ich begleite das Thema Flüchtlinge und Migration schon seit langem. Und der Besuch dort war für mich eine wichtige Erfahrung und Horizonterweiterung.

Das zib bietet Mittagessen, Deutschkurse, Beratungen, Alltagshilfen an - In welche Rolle sind Sie geschlüpft?
Grabow: Ich habe im Café "Tür an Tür" angefangen und habe Zwiebeln geschnippelt. Dabei habe ich die ehrenamtliche Mitarbeiterin unterstützt, die an diesem Tag aus 4 kg Mehl Kässpätzle gezaubert hat. Danach war ich am Helpdesk. Einer Art Anlaufstelle, die entweder direkt helfen kann oder an das Beraterteam weitervermitteln kann. Zum Schluss war ich noch in der Beratung dabei.

Informationen zum Thema zib

Zentrum für interkulturelle Beratung (zib) in Augsburg

Das zib ist eine zentrale Anlaufstelle für Menschen mit Migrationshintergrund. Die Einrichtung bietet konkrete Beratung und Unterstützung an. Die Mitarbieter, zum Teil eherenamtlich, vermitteln und informieren über bestehende Angebote, Institutionen und Organisationen.
Das zib organisiert Sprachkurse, Schulungen und Info-Veranstaltungen. Mit dem Café "Tür an Tür" bietet das zib einen Raum für interkulturelle Begegnungen und zum Austausch.
Träger des zib sind das Diakonische Werke Augsburg, der Caritasverband, das Bayerische Rote Kreuz, Tür an Tür, die Volkshochschule Augsburg, der Mesopotamienverein, die Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten und Integrationsbeiräte so wie der Integrationsbeirat.

 

Was hat sie am meisten beeindruckt?
Grabow: Bewundernswert war, mit welcher Ruhe und Freundlichkeit die Mitarbeiter dem Ansturm im zib Herr werden. Trotz allem bleibt immer auch Zeit für einen Scherz oder ein nettes Wort. Die Mitarbeiter und auch die Ehrenamtlichen, ohne die das alles nicht möglich wäre, haben unglaublich viel Geduld mit den bis zu 150 Flüchtlinge, die täglich ins zib kommen.

Sie sprechen von Ansturm, wie muss man sich das vorstellen?
Grabow: In diesem Jahr gab es im zib bis Ende November bereits 14.600 Kontakte mit Flüchtlingen. Mir ist an dieser Stelle ganz wichtig: Das sind keine Menschenmassen, die da ankommen, sondern viele, viele einzelne Menschen, die alle ihr eigenes Schicksal mitbringen. Und so werden sie im zib auch empfangen.

Was sind die häufigsten Probleme, mit denen die Flüchtlinge ins zib kommen?
Grabow: Die Menschen sind hilflos und unsicher. Meist ist es die Hilflosigkeit, mit den bürokratischen Anforderungen zu recht zu kommen, die die Flüchtlinge verzweifeln lässt. An dem Tag, als ich da war, kam zum Beispiel ein junger Mann in die Beratung, der am Morgen auf eigene Kosten nach München gefahren war zu seinem Termin im Bundesamt für Migration für ein Erstinterview. Nach stundenlangem Warten wurde ihm gesagt, er solle wieder gehen, heute seien nur Syrer dran. Verzweifelt, ohne neuen Termin und ohne zu wissen, was er tun soll saß er dann tränenaufgelöst im zib. Das ist mir sehr nahegegangen. Solche und ähnliche Fälle gibt es immer wieder.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Grabow: Man muss einfach feststellen, dass die Behörden überfordert und die Zustände nur noch als chaotisch zu bezeichnen sind. Anträge, Fristen, Termine, Ausweise, viele unterschiedliche Institutionen. Oft verstehen die Flüchtlinge die Schreiben und Aufforderungen, die sie bekommen, gar nicht. Das ist kein böser Wille der zuständigen Behörden. Aber dadurch werden die Menschen eben unsicher und hilflos gemacht. Dazu kommt, dass die Regelungen für die einzelnen Nationalitäten unterschiedlich sind und sich dauernd ändern. Man hat den Eindruck, dass die Politik ihre Konzeptlosigkeit durch erhöhten Aktionismus wettzumachen versucht. Und diese dauernden Veränderungen und die je nach Herkunftsstaat oft sehr unterschiedliche Behandlung überfordern die Ämter und wirken auf die Betroffenen oft willkürlich und ungerecht. Wenn z.B. ein Syrer einen staatlichen Deutschkurs bezahlt bekommt, ein Afghane aber nicht.

Was nehmen Sie für sich mit aus diesem Tag im zib?
Grabow: Ganz viel. Ich war ehrlich gesagt total geschafft nach dem Tag. Die vielen, gerade auch die emotionalen Eindrücke haben mich sehr beschäftigt. Ich frage mich, ob es wirklich so viel Verwaltungsakte braucht und so viele, so umfangreiche Bescheide. Es ist angesichts dieses riesigen Verwaltungsaufwandes kein Wunder, dass das BAMF mit der Bearbeitung der Anträge nicht mitkommt. Mir ist klar, dass es noch in den Beratungsstellen wie zib noch erweiterte Beratungskapazitäten geben muss, um der Situation gerecht zu werden. Auch sind größerer Einheitlichkeit und mehr Kontinuität in den Verfahren dringend notwendig. Es macht keinen Sinn, in Aktionismus zu verfallen, wie man es in der Politik beobachtet. Und ich bin froh, dass unsere Kirche noch einmal viel Geld in die Hand genommen hat, um die Beratung und Hilfe von Flüchtlingen zu fördern.
Eine Forderung an die Politik ist auch, dass sie die sog. Altfälle nicht abschiebt: also Menschen, die schon drei Jahre oder länger bei uns sind, wo die Kinder hier in die Schule gehen und schon ein gut Stück Integration geschehen ist. Das würde die Behörden massiv entlasten, wenn hier ein Schnitt gemacht werden könnte.


17.12.2015 / Sandra Kaufmann
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