Jahresempfang Tutzing

"Eine große Herausforderung"

Der frühere "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo rief zu mehr Weitsicht und Besonnenheit auf. Video: Axel Mölkner-Kappl

"Die neue Völkerwanderung" stand im Mittelpunkt des Jahresempfangs der Evangelischen Akademie Tutzing. Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Festredner Georg Mascolo mahnten Nachdenklichkeit an.

Als „nicht hilfreich“ für die öffentliche Diskussion sei es, „für eine bestimmte politische Position das Merkmal ‚Realismus‘ in Anspruch zu nehmen und abweichende Meinungen als blauäugig zu bezeichnen oder der Humanitätsduselei zu verdächtigen.“

Die Kirchen seien durch ihre internationale Vernetzung mit den Notsituationen aus erster Hand konfrontiert. „Berichte von Menschen, die ihr Leben verlieren, ob in der Heimat oder auf der Flucht, landen auf unseren Schreibtischen und berühren unser Herz. Diese einzelnen Schicksale müssen wir mit einbeziehen, wenn wir um politische Lösungen in der Flüchtlingsfrage ringen“.

Nötig sei jetzt keine Polarisierung, sondern die gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten. Die Chance dafür sei gegeben, so Bedford-Strohm, denn nach seiner Beobachtung sei „der Konsens unter den großen politischen Kräften in unserem Land viel größer, als das in der öffentlichen Debatte gegenwärtig zum Ausdruck kommt“.

Niemand spreche von einer unbegrenzten Aufnahmekapazität Deutschlands. Es bestehe ein breiter Konsens darüber, dass der Schlüssel zur langfristigen Lösung des Problems in der Beseitigung der Fluchtursachen liege. Konsens sei auch, dass die Lebensbedingungen „in den heimatnahen Zufluchtsorten massiv verbessert werden müssen, um die Leute in der Region zu halten“.

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Große Übereinstimmung gebe es auch in der Überzeugung, dass alle Länder in Europa „gemäß ihren jeweiligen Möglichkeiten“ Flüchtlinge aufnehmen sollten. Die sei nicht durch moralisches Abqualifizieren anderer Länder zu erreichen, sondern nur durch Diplomatie und fortgesetzten Dialog.

Ebenso sei es Konsens in Deutschland, dass die Herrschaft des Rechts wiederhergestellt werden müsse. Nur registrierte Flüchtlinge können auch die nötige Hilfe empfangen. Die mit dem neuen Flüchtlingsausweis vereinheitlichte Datenerfassung sei deswegen ein wichtiger Fortschritt.

Im Blick auf die Vorgänge an Silvester vor dem Kölner Hauptbahnhof sagte der Landesbischof, man könne auch als Mann ahnen „wie schlimm es für Frauen sein muss, wie Freiwild von Männern eingekreist und angefasst zu werden“. Diese Art von sexualisierter Gewalt müsse „an der Wurzel“ bekämpft werden. Sofern es dabei um Menschen mit Migrationshintergrund ginge, werde es „eine große Herausforderung für die Bildungsarbeit“ sein, in die Herzen zu bringen dass in Deutschland die Gleichberechtigung von Frauen zur menschenrechtlichen Ausrichtung unserer Gesellschaft gehört.

Jahresempfang Tutzing

"Berichte von Menschen, die ihr Leben verlieren, berühren unser Herz."

Bild: Evangelische Akademie Tutzing

Schließlich sei dringend Abbau des „riesigen Bergs“ von nicht bearbeiteten oder nicht einmal gestellten Asylanträgen erforderlich – notfalls durch eine rückwirkende Stichtagsreglung oder durch eine Kontingentierung von Flüchtlingen, die ohne das übliche Procedere eine Anerkennung zugesprochen bekommen. Denn erst nach der rechtlich verbindlichen Entscheidung über ihren Asylantrag könnten Flüchtlinge, „die voller Tatendrang auf Arbeitsmöglichkeiten und Existenzgründung hoffen“, endlich auch ihren Beitrag für diese Gesellschaft leisten.

Der frühere "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo rief beim Jahresempfang in Tutzing ebenfalls Politik, Gesellschaft und Medien zu mehr Weitsicht und Besonnenheit in der Flüchtlingsdebatte auf. Weitsichtig zu sein, bedeute, "einen Teil der Probleme der Welt zu lösen, weil die Probleme sonst zu uns kommen", sagte Mascolo. Europa und Deutschland hätten zu lange dabei zugeschaut, wie junge Menschen sich radikal-islamischen Gruppen und Terror-Milizen angeschlossen haben, kritisiert der deutsch-italienische Journalist.


14.01.2016 / ELKB/epd