UN-Klimakonferenz

"Ich mische mich ein!"

Heinrich Bedford-Strohm

"Als Vertreter der Kirche darf und muss ich mich in den öffentlichen Diskurs einmischen!" - Landesbischof Bedford-Strohm.

Bild: (c) ELKB / Poep

Landesbischof Bedford-Strohm im Interview über seine Reise nach Paris zur UN-Klimakonferenz.

Heinrich Bedford-Strohm, bayerischer Landesbischof und Ratsvorsitzender der EKD, wird Anfang Dezember in Paris sein und die UN-Klimakonferenz begleiten. Über seine Motivation und seine Ziele sprach mit ihm Wolfgang Schürger. vom Umweltmagazin "umwelt mitwelt zukunft".

Herr Landesbischof, die Kirchen sind über ihre Werke der Entwicklungszusammenarbeit gut mit der Arbeitsebene der Klimakonferenzen vernetzt. Warum fährt der EKD-Ratsvorsitzende selber nach Paris?
Bedford-Strohm: Ich fahre selbst nach Paris, weil diese Konferenz eine entscheidende Bedeutung für ein Thema hat, das den Kirchen seit langer Zeit wichtig ist: Wenn wir von „Bewahrung der Schöpfung“ reden, dann muss sich das manchmal runterbrechen auf sehr konkrete Maßnahmen. Dafür ist auch die politische Ebene von zentraler Bedeutung. Wir als Kirchen sind wichtige Akteure der weltweiten Zivilgesellschaft: Bei einer Frage, die nur auf globaler Ebene zu lösen ist, müssen wir Flagge zeigen. Bei der Vollversammlung des Weltkirchenrats 2013 in Busan haben wir einen Pilgerweg für Gerechtigkeit und Frieden vereinbart. Meinen Weg nach Paris verstehe ich als Teil dieses Pilgerwegs. Ich möchte mit meiner Präsenz als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland auch öffentlich zeigen, wie wichtig uns diese Frage ist.

Viele Experten sehen in der Pariser Konferenz die letzte Chance, Maßnahmen zu vereinbaren, mit denen die Erderwärmung unter 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden kann. Beschwören sie damit nicht letztlich apokalyptische Szenarien herauf?
Bedford-Strohm:Ich glaube, es ist kein Widerspruch, auf die Dringlichkeit der zu ergreifenden Maßnahmen hinzuwiesen und gleichzeitig in einem Gefühl tiefen Vertrauens zu leben, dass Gott diese Welt in seiner Hand hält.Wir wissen, in welche Richtung wir uns zu verändern haben. Wir wollen handeln. Das übrige dürfen wir getrost in Gottes Hand
legen.

Welche Chance haben Sie als kirchlicher Würdenträger, die Beratungen zu beeinflussen?
Bedford-Strohm: Ich bin kein Politiker. Aber als Vertreter der Kirche darf und muss ich mich in den öffentlichen Diskurs einmischen. Ich glaube schon, dass die Stimme der Kirchen gehört wird. Je mehr wir mit ökumenisch
gemeinsamer Stimme sprechen, desto mehr werden wir gehört.

Informationen zum Thema Weltklimagipfel

21. UN-Klimagipfel in Paris (COP21)

Die UN-Klimakonferenz ist eine jährlich stattfindende Konferenz der 195 Vertragsstaaten der UN-Klimakonvention. Seit 2005 ist die Konvention durch das Kyoto-Protkoll ergänzt worden.
Die Vertragsstaatenkonferenz ist das höchste Gremium der Klimakonvention UNFCCC. In diesem Übereinkommen haben sich alle Industrieländer zur Reduktion ihres Ausstoßes an Treibhausgasen verpflichtet.
Bei der 21. UN-Klimakonferenz in Paris soll als Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll ein neues Abkommen mit verbindlichen Klimazielen für alle Mitgliedssaaten vereinbart werden. Das Treffen findet vom 30. November bis zum 11. Dezember statt.

Manche sagen, bei der Klima- oder auch der Energiepolitik gehe es in erster Linie um technische Fragen, da habe sich die Kirche nicht einzumischen. Was haben Klimawandel, Energiepolitik und christlicher Glaube aus Ihrer Sicht miteinander zu tun?
Bedford-Strohm: Wer Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde bekennt und die Natur als gute Schöpfung Gottes versteht, der weiß, dass sie nicht Besitz des Menschen ist, den er beliebig seinen eigenen Interessen unterwerfen darf. Wenn wir die Natur als „Mitgeschöpflichkeit“ verstehen, dann gehen wir anders mit ihr um. Das hat natürlich Konsequenzen für den Stellenwert ökologischer Fragen. Die wachsende Liebe zur Schöpfung hat Konsequenzen für unseren Umgang mit der Natur.Das wird auch in einem anderen Zusammenhang deutlich. Wir in Deutschland haben eine Pro-Kopf-Emission von C02 von ca.10 Tonnen pro Jahr. In Tansania, dem Land unserer größten Partnerkirche, sind es 0,1 Tonnen: Das zeigt, dass es hier auch um ein massives Gerechtigkeitsproblem geht. Und das ist eine Frage der Ethik.

Wir sind die Kirche der Rechtfertigung, das heißt in der Verkündigung wird oft der zweite Glaubensartikel betont. Haben wir in der lutherischen Tradition den ersten Artikel vergessen?
Bedford-Strohm: Ich würde nicht sagen, dass wir ihn vergessen haben. Aber vom Dreieinigen Gott zu sprechen, heißt, Gott in seiner ganzen Fülle wahrzunehmen. Und dazu gehört, ihn als Schöpfer wahrzunehmen und über seine wunderbaren Werke der Schöpfung zu staunen und sich davon inspirieren zu lassen.

Die Landessynode hat in den Debatten um die Haushaltskonsolidierung im Jahr 2003 die Auffassung vertreten, Umwelt- und Klimaarbeit sei kein genuin kirchliches Anliegen. Die Stelle des Beauftragten ist seit dem nur noch mit 50 Prozent im regulären Stellenplan verankert. Der Arbeitsbereich Umweltmanagement ist nur aus Sondemitteln aus dem Umfeld der Klimasynode 2009 finanziert und muss 2017 auslaufen, wenn keine dauerhafte Lösung gefunden wird – wie glaubwürdig ist die ELKB in ihrem eigenen Engagement für Klimaschutz?
Bedford-Strohm: Die Glaubwürdigkeit der ELKB in dieser Frage hängt sicher nicht allein an Stellenplänen. Der Mitteleinsatz für die ökologische Sanierung von Pfarr- und Gemeindehäusern für das ökologische Bewusstsein in den Gemeinden etwa ist ebenso wichtig. Aber natürlich ist es auch wichtig, dass es auch Menschen in unserer Kirche gibt, die ausdrücklich den Auftrag haben Ansprechpartner und Motor in diesen Fragen zu sein. Das wird die Synode sicher in ihre Diskussionen einbeziehen.

Wie hoffen Sie, sieht unsere Welt in 20 Jahren aus?
Bedford-Strohm: Ich hoffe, dass sie sich auf den Weg einer sozialen und ökologischen Erneuerung gemacht hat. Klimapolitik ist die Flüchtlingspolitik der Zukunft. Ich hoffe, dass es gelungen sein wird, einen Weg zu stoppen, der zu Hunderten von Millionen Klimaflüchtlingen in der Zukunft führen würde, weil z. B. ihr Lebensraum vom steigenden Meeresspiegel überschwemmt ist. Ich hoffe, dass die armen Länder ihre Armut überwunden haben werden und wir als Welt insgesamt zu einer Lebensweise gefunden haben werden, die Schluss macht mit der Zerstörung der Natur. Ich glaube, es gibt realistische Chancen, dass uns das gelingt.


23.11.2015 / Wolfgang Schürger/ "umwelt mitwelt zukunft"
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