Interview mit Diakonion Andrea Heußner

Brückenbauer mit Kraft und Liebe

Die Eingesegneten mit Oberkirchenrat Detlev Bierbaum (2. Von rechts), Rektor der Rummelsberger Diakonie Dr. Günter Breitenbach (ganz rechts), Älteste der Diakoninnengemeinschaft Diakonin Andrea Heußner (links oben) und Studierendenbegleiterin Diakonin Ste

Mit den Eingesegneten Oberkirchenrat Bierbaum, Rektor der Rummelsberger Diakonie Breitenbach, Diakoninnen Andrea Heußner und Stefanie Harkort

Bild: Diakoninnengemeinschaft Rummelsberg

Anlässlich der Einsegnung von zehn Diakoninnen und sechs Diakonen der Rummelsberger Diakonie e.V. in diesem Jahr ein Gespräch mit Andrea Heußner, Leiterin der  Rummelsberger Diakoninnengemeinschaft.

Wenn Sie jemandem kurz und prägnant erklären sollen, was eine Diakonin oder ein Diakon eigentlich ausmacht …
Diakonin Andrea Heußner: Diakoninnen und Diakone verbinden soziales Engagement mit ihrem christlichen Glauben. Sie haben sowohl eine theologische Ausbildung als auch eine Fachausbildung in einem sozialen Beruf wie zum Beispiel Sozialpädagogin, Sozialwirt, Heilserziehungspflegerin, Heilpädagoge, Erzieherin, Krankenpfleger und so weiter.

In welchen Bereichen arbeiten Diakone heute?
Andrea Heußner: Die Einsatzmöglichkeiten von Diakonen sind unwahrscheinlich vielfältig: In der verfassten Kirche arbeiten Diakoninnen zum Beispiel in Gemeinden - hier oft zuständig für Zielgruppen wie Kinder, Jugendliche, Familien oder Senioren oder für klassisch diakonische Aufgaben wie Tafelarbeit, Beratung, Seelsorge, Schülercafés oder Mittagsbetreuung. Auf Dekanatsebene sind viele Diakone als Dekanatsjugendreferenten tätig, aber zum Beispiel auch in Öffentlichkeitsarbeit, Fundraising, Verwaltung, Projektmanagement, in Schulen oder in der Erwachsenenbildung.
In der Diakonie arbeiten Diakoninnen in fast allen Bereichen: In Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, für alte Menschen, für Menschen mit Behinderung, mit Flüchtlingen, in der Beratung, Betreuung und Pflege oder im Sozialdienst.

Die Rummelsberger Diakone leben in einer Gemeinschaft: wie muss ich mir das vorstellen? Was macht diese Gemeinschaft besonders?
Andrea Heußner: Hauptaufgabe der Gemeinschaft ist es, einander zu stärken – vor allem für den Dienst als Diakon, aber auch in allen Lebenslagen: Es geht darum, einander geistlich, persönlich und auch fachlich zu unterstützen und in der eigenen Berufung zu stärken. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Weise. Fortbildungen spielen eine genauso große Rolle, wie Gottesdienste, Andachten, Gespräche und Tischgemeinschaft - wo das gute Essen natürlich nicht fehlen darf.

Das klassische gemeinschaftliche Leben findet zunächst während der Ausbildung statt: Fünf bis sechs Jahre lang wohnen die Studierenden in unseren Gemeinschaftshäusern Es finden regelmäßig Andachten und Gemeinschaftliche Abende statt. Die Studierenden teilen aber natürlich auch ihren Alltag, wachsen so in unsere Gemeinschaft hinein und lernen auch viel für ihre Persönlichkeit.

Nach der Ausbildung senden wir die Diakone auf Stellen in ganz Bayern. Damit verändert sich die Form des gemeinschaftlichen Lebens – die Gemeinschaft bleibt jedoch erhalten: Monatlich treffen sich Regionalgruppen bzw. Brüderkreise zum geistlichen und persönlichen Austausch, zur kollegialen Beratung und um Berufspolitisches zu besprechen. Jährlich finden Gemeinschaftstage in Rummelsberg statt. Darüber hinaus gibt es viele gemeinschaftliche oder geistliche Angebote, zu denen man sich für ein Wochenende anmelden kann.

Informationen zum Thema Diakon oder Diakonin

Diakonin oder Diakon

Zugangsvoraussetzung: Mittlere Reife oder Abitur
Ausbildungsweg: Theologisches Grundseminar, soziale Fachausbildung, BA Diakonik (derzeit 6 Jahre)
Aktuelle Zahl Einsegnungen in der Rummelsberger Diakonie 2015: 10 Frauen, 6 Männer (Eintritt 2015: 21 Frauen, 15 Männer)
Gesamtzahl Diakone und Diakoninnen innnerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: In der ELKB 347 Diakone und Diakoninnen. In der Diakonie insgesamt: 276 Diakoninnen und Diakone in verschiedenen Trägern. 
Im aktiven Dienst: 705

Stand: Oktober 2015

Ist der Beruf des Diakons oder der Diakonin bei den Einsparmaßnahmen in Gemeinden gefährdeter als andere?
Andrea Heußner: Nein. Der Landessynode sind die Funktionen und Aufgaben der Kirche sehr bewusst und sie wird darauf achten, dass Ressourcen für all diese Aufgaben zur Verfügung stehen. Diakonie wird nicht nur als Wesensäußerung der Kirche beschrieben, sie ist es auch. Kirche kann es ohne Diakonie nicht geben, darum mache ich mich keine Sorgen.

Wenn Sie sich etwas für die Zukunft der Diakone wünsche dürften …
Andrea Heußner: Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen Diakonie und verfasster Kirche. Unsere Aufgabe ist es, Diakonie evangelisch mitzugestalten – und Kirche diakonisch. In diesem Sinn wünsche ich uns, dass wir unser Tun immer wieder daraufhin überprüfen, Menschen und Institutionen miteinander verbinden, diesen diakonischen Auftrag mit Kraft und Liebe erfüllen, die richtigen Fragen stellen und dabei Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden. Ich wünsche uns, dass dieser Dienst unterstützt und anerkannt wird wie alle kirchlichen Berufe, dass wir in dem einen Amt zusammenarbeiten und dass wir das Ziel des Pfarrbildprozesses für alle Berufsgruppen erreichen: gut, gerne und wohlbehalten im Dienst der Kirche stehen. In all dem muss es um die Menschen gehen, denen unser Dienst gilt.

Können die Jungdiakone ihre ersten Stellen frei wählen?

Andrea Heußner: Grundsätzlich werden Diakone auf ihre Stellen gesendet. Sie versprechen bei der Einsegnung, dort hin zu gehen, wo sie gebracht werden. Diese Sendung geschieht jedoch im Gespräch mit den Diakonen. Uns ist ein dreifaches „Ja“ wichtig: Die Diakoninnen sollen Lust auf die Stelle haben, die Einsatzstellen müssen einverstanden sein und wir in Rummelsberg müssen zustimmen – unsere Aufgabe ist es, sowohl die Interessen und Bedarfe der verschiedenen Stellen als auch der Diakoninnen im Blick zu haben. Wichtig bei diesen Sendungsgesprächen sind die Gaben und Fähigkeiten der Diakoninnen: Für welchen Bereich ist jemand besonders geeignet? Wo schlägt das Herz? Natürlich werden auch persönliche Anliegen berücksichtigt, vor allem wenn jemand Kinder hat oder berufstätige Ehepartner. Im Dialog entstehen dann meistens Lösungen, die für alle Seiten gut sind.

Im Angesicht der großen Veränderungen in Kirche und Diakonie: vor welchen Herausforderungen stehen Diakone und Diakoninnen heute?

Andrea Heußner: Der heutige Beruf Diakon und Diakonin ist angesichts der großer gesellschaftlicher Veränderungen während der Industrialisierung entstanden. Mit Veränderungen und Herausforderungen umzugehen gehört zum Diakonin-Sein seit Anbeginn dazu. Das verbindet uns natürlich auch mit anderen Berufsgruppen in Kirche und Diakonie.

Im Bereich Diakonie ist eine Herausforderung der Fachkräftemangel und die Bedingungen des Sozialstaates, die in vielen Bereichen ja rückläufig sind. Diakone sollen dazu beitragen, dass es in unseren Einrichtungen wirklich menschlich zugeht; dass ein diakonischer Geist spürbar ist im Miteinander, dass neben allen fachlichen, organisatorischen und kommunikativen Aufgaben auch Lebens- und Glaubensfragen ihren Platz haben. Je schwieriger die Rahmenbedingungen werden, umso mehr Kraft kostet es, all das einzubringen.
Im kirchlichen Bereich gibt es zunehmend geteilte Stellen: Wenn ein Diakon oder eine Diakonin für die Jugendarbeit in drei Gemeinden zuständig ist, muss sie nicht nur gut planen, sondern ihre Prioritäten und Entscheidungen auch oft rechtfertigen. Sie kann in keiner Gemeinde ganz mitleben und Teil der Gemeinde sein, was in der Begleitung von Menschen wichtig ist. Hier sind ganz neue Konzepte und Arbeitsweisen nötig.

Sind Diakone so etwas wie „kleine Pfarrer“, die zwar gesitliches Leben in den Gemeinden gestalten, am Ende aber doch nicht alles machen dürfen? Gibt das nicht auch Konflikte?

Andrea Heußner: Wir sind keine halben Pfarrer, sondern ganze Diakone. Pfarrerinnen und Diakoninnen haben unterschiedliche, aber geklärte Aufgaben und Schwerpunkte. Unser Schwerpunkt ist der diakonische Auftrag der Kirche. Wir Diakone kümmern uns um Zielgruppen (Kinder, Jugendliche, Familien, Senioren usw.) oder um bestimmte thematische Schwerpunkte in der Gemeinde. Dabei haben Diakone vor allem die Menschen im Blick, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Sie sollen wahrnehmen, wo diese Menschen in ihrer Gemeinde leben, was sie brauchen und dann entsprechende Angebote entwickeln oder hilfreiche Netzwerke knüpfen. Pfarrerinnen haben das Gesamte der Gemeinde im Blick. Das ist ein anderer Auftrag. Selbstverständlich haben auch Diakoninnen Teil an der Kommunikation des Evangeliums: Oft durch ihr konkretes Tun, aber selbstverständlich beten auch Diakone mit den Menschen, hören zu, führen Gespräche, halten Andachten und Gottesdienste. Genauso wie sich Pfarrer selbstverständlich auch mit diakonischen Fragen beschäftigen. Lediglich die Schwerpunktsetzung ist unterschiedlich, der Auftrag, die Rolle und auch die Ausbildung, mit der wir in den Gemeinden arbeiten – und dadurch auch der Blickwinkel und die Herangehensweise. Und das ist gut so!

Konflikte gibt es dann, wenn wir anfangen, die Schwerpunkte oder Aufgaben zu bewerten, wenn wir darüber diskutieren, ob es wichtiger ist, einen Sonntagsgottesdienst zu halten oder einen Jugendtreff, ob es wichtiger ist, für „das Ganze zu stehen“ oder für eine bestimmte Zielgruppe. Das ist menschlich, aber auch ärgerlich und vor allem überflüssig, denn selbstverständlich braucht es all das. Kirche hat viele Aufgaben und Funktionen. Diese Konflikte um die Frage, „wessen Aufgaben wichtiger sind“, können wir uns überhaupt nicht leisten.

Kurzer Werbeblock: Warum sollten sich junge Menschen heute für den Beruf des Diakons der Diakonin interessieren ...
Andrea Heußner: Aus vielen Gründen: Die Arbeit mit Menschen ist unheimlich sinnvoll und macht Spaß. Man weiß, wofür man aufsteht und sich einsetzt. Die Verbindung von sozialem Engagement und dem Glauben ist etwas Wunderbares. Diakoninnen können viel von ihren persönlichen Stärken und Interessen einbringen. Der Beruf ist unglaublich vielfältig – die Arbeitsfelder sind so unterschiedlich, dass einem nie langweilig wird. Die Landeskirche ist eine gute Arbeitgeberin und unsere Gemeinschaften ein tragendes Netzwerk in fachlicher, geistlicher und persönlicher Hinsicht.

 

Zur Person

Andrea Heußner, Bild: © ELKB

Diakonin Andrea Heußner

Diakonin Andrea Heußner ist Leiterin der Rummelsberger Diakoninnengemeinschaft und Vorstandsmitglied der Rummelsberger Diakonie e.V. Geboren 1975 in München. 1993 Eintritt in die Diakoninnengemeinschaft Rummelsberg. Andrea Heußner arbeitete als Gemeindediakonin, Dekanatsjugendreferentin und Referentin. Sie initiierte die Gründung des Wunsiedler Bündnis gegen Rechtsextremismus. 2006 wurde sie von der Diakoninnengemeinschaft Rummelsberg in das Amt der Vertrauensfrau gewählt und 2012 erneut bestätigt.


15.10.2015 / Kerygma
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