Portrait

Die Kunst des Stolperns

Clown

Leises Auftreten liegt Schmucki Mucki nicht.

Bild: Angela Senft

Der Clown darf auch in der Kirche nicht fehlen, findet Angela Senft: die Dekanatsjugendreferentin aus Freising, tritt als Witzbold vor Publikum auf und erlernte die hohe "Kunst des Stolperns".

Der Clown schwitzt. Was hat er sich gefreut, als er in seinen Taschen den Apfel gefunden hat. Strahlend hat er ihn in die Höhe gehalten und dann begonnen, mit ihm und erst zwei und dann drei Bällen zu jonglieren. Doch irgendetwas geht schief. Die Bälle werden immer schneller und schneller. Eigentlich möchte er den Apfel essen – doch wie soll das bei der Geschwindigkeit gehen? Verzweifelt greift der Clown nach dem Apfel und beißt hinein – schon ist er wieder in der Luft. Uff- geschafft. Doch der Hunger ist nicht gestillt. Noch ein zweites Mal versucht der Clown, einen Happen zu essen. Gier und Hektik spiegeln sich in seinem Gesicht.

Die Studenten, die sich an diesem Sommerabend zum Gottesdienst in der Hochschulgemeinde eingefunden haben, lachen laut – und halten den Atem an. Geht es ihnen nicht genauso? Manchmal ganz schön schwierig, bei der ganzen Eile noch zum Essen zu kommen. Schließlich gehen die Bälle zu Boden. Der Clown nimmt den halb verzehrten Apfel, setzt sich strahlend lächelnd auf seinen Stuhl und verspeist den Apfel in aller Ruhe. Ja, so geht es auch!

Leises Auftreten liegt ihr nicht

Das geht „Schnucki Mucki“ alias Angela Senft häufig so. Die Zuschauer, vor denen die Freisinger Dekanatsjugendreferentin auftritt – mal pöbelnd, mal deftig, selten leise und immer jonglierend – fühlen sich ertappt und lachen – meist auch über sich selbst. Sie haben den Clown, der so großspurig auftritt und dabei immer wieder über die eigenen Füße fällt, gern.

Die Rolle hat sich die 44-Jährige selbst verpasst. Leises Auftreten liegt Senft nicht. „Ich bin eine Rampensau“, sagt sie und lacht. Der feine „weiße Clown“, eher melancholisch und oft moralisch, passt nicht zu ihr. Eher der rote, über den man schon einmal brüllend lachen kann und dem auch keine Zoten fremd sind. Senft provoziert gerne. Aber sie stellt nicht bloß, sondern hat ein feines Gefühl dafür, wo der Spaß seine Grenzen hat. Dafür wird sie von „ihren Jugendlichen“ geachtet.

Zitat

„Wenn ich ein Geschöpf Gottes bin, wenn ich in Gott bin, dann muss in ihm auch etwas Humorvolles drin sein.“

Angela Senft alias Schnucki Mucki

Schrittweise Entscheidung für die "Kunst des Stolperns"

Die Entscheidung, die „Kunst des Stolperns“ zu lernen, kam schrittweise, nicht von einem Moment zum anderen. Zuerst war da die Freude am Jonglieren, mit Bällen, mit Keulen, Tüchern, Stangen, schließlich mit allem, was ihr zwischen die Finger kam. Erst in der Evangelischen Jugend, dann in der diakonischen Gemeinschaft und im Dekanat bereicherte sie Jubiläen und Empfänge mit kleinen, dann immer längeren Programmen, jonglierte Bibelverse oder erklärte mit den Bällen das Ehrenamt und brachte damit die Gäste zum Lachen. „Talking Juggler“ heißt das in der Fachsprache.

Ihre besondere Gabe für den Humor entdeckt sie schon bald: „Das war eine Lücke in der Familie: Die Rolle war noch nicht besetzt, die habe ich eingenommen“, erzählt sie. Auch in der evangelischen Jugend, in der sie aufgewachsen ist, war sie als Spaßvogel bekannt. In ihrer Kirche sah die Diakonin zunächst wenig Platz für ihren Witz. „Für Trauer und Besinnlichkeit war immer viel Raum. Wenn jemand schlecht gelaunt ist und missmutig, da muss man Verständnis haben – aber wenn jemand lustig ist oder viel zum Lachen beiträgt, dann wird das nicht gleichwertig behandelt. Das finde ich schon sehr schade. Es muss einmal eine Zeit geben, in der man auch mal lachen darf.“ Dass Gott Humor hat, dass er sich einmal vor Lachen auf die Schenkel geklopft hätte – das wurde mir nie vermittelt. Mir hat das schon gefehlt.“ Aber, da war sich Senft sicher: „Wenn ich ein Geschöpf Gottes bin, wenn ich in Gott bin, dann muss in ihm auch etwas Humorvolles drin sein.“ In der Kirche darf es humorvoll zugehen.

Als Kind konnte sie Clowns nicht leiden

In der Jugendarbeit ist ihr ihr Witz schon oft zu Gute gekommen. „Humor kann verkrampfte Situationen lösen.“ Nach einem anstrengenden Zeltlagertag, wenn auf Kanufreizeiten die Nerven blank liegen, dann hilft manchmal nur der Humor, um wieder zur Ruhe zu kommen. „Wenn die Jugendlichen am Abend erzählen, was sie Lustiges gemacht haben, dann ist das sehr entspannend und nimmt viel Stress heraus“.

Obwohl sie als Kind Clowns nie leiden konnte, entschloss sie sich 2011, in der „Kunst des Stolperns“ das Clownshandwerk zu erlernen, „um meine Bühnenpräsenz zu verbessern“, wie Senft sagt. Ein halbes Jahr lang feilte sie in monatlichen Seminaren an ihrer Rolle, suchte ihre passende Verkleidung, übte mit anderen Clownsschülerinnen und -schülern ein Programm für die Abschlussgala ein und lernte es zu schätzen, gemeinsam mit anderen Clowns aufzutreten. Dort fand sie auch ihr wichtigstes Requisit, den Besen, mit dem es sich trefflich kehren, aber auch Jonglieren lässt. Begeistert spricht sie von der Gemeinschaft und der Wertschätzung von Gruppe und Ausbildern.

Eine Seifenblase polieren

Noch heute trifft sie sich regelmäßig mit ihren Ausbildungskollegen. Dann üben sie am Wochenende zusammen ein Programm ein oder versuchen sich auf dem Freisinger Markt an einem „Walking Act“ – sehr zur Freude der Freisinger Passanten, die in das Spontantheater mit einbezogen werden. Da jongliert sie dann mit Äpfeln, die ihr die Marktfrauen zuwerfen oder versucht, eine Seifenblase zu polieren.

Ob für das Frauenfrühstück, beim Seniorenkreis, auf Konventen oder eben beim Hochschulgottesdienst – „Schnucki Mucki“ ist viel unterwegs und hat sich mittlerweile schon diverse unterschiedliche Programme erarbeitet. Manche Einsätze sind schon Routine, andere bleiben lange in Erinnerung. So der Auftritt auf dem Erdinger Flüchtlingsfest, bei dem nur Gestik und Mimik von allen verstanden wurden. „Die Kinder waren sofort dabei und sind richtig mitgegangen. Aber bei den Erwachsenen – manche waren so traumatisiert, die konnten nicht lachen. Das hat mich sehr bewegt.“

"Sie hat die Gratwanderung exzellent hinbekommen"

Auch wenn sie viel vor Kirchenvolk spielt: ein bisschen etwas von den Clowns könnten sich Kirchenleute abschneiden, findet Senft: Die Fähigkeit, sich selbst auf die Schippe zu nehmen beispielsweise. „Da gäbe es schon einiges zu lachen.“ Auch vor Glaubensinhalten würde die Diakonin nicht Halt machen. „Natürlich ist es eine Gratwanderung, aber ich bin sicher, es ist möglich.“ Spätestens seit ihr eine Clownskollegin aus Traunstein vorgespielt hat, wie sie sich bei einer Weihnachtsfeier im Hospiz von einem toten Floh humorvoll und feinfühlig verabschiedet hat, weiß Senft, dass man über etwas Trauriges lachen kann, ohne sich darüber lächerlich zu machen. „Sie hat die Gratwanderung exzellent hinbekommen.“

Unter ihren Clownskollegen ist Angela Senft „Schnucki Mucki“. Ihr kirchlicher Beruf und ihr Glauben spielen dabei keine Rolle. Für die Diakonin jedoch macht er den Unterschied. Wenn sie sich vor einem Auftritt vorbereitet, spielt sie sich warm, jongliert, „und dann bedanke ich mich bei meinem Gott in einem kurzen Gebet, dass er mir diese Gabe geschenkt hat“.


01.02.2016 / Anne Lüters
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