Leben in der Einen Welt

Wachstum um jeden Preis?

Steinspirale

Wachstum entwickelt sich nicht immer gesund - der Landesbischof fordert eine grundlegende Transformation der Wirtschaft.

Bild: iStockPhoto / styf22

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm fordert Umdenken und Umsteuern ein: „Es führt kein Weg vorbei an einer grundlegenden Transformation der Wirtschaft.“

Es ist klar, dass es weder ein pauschales Ja zu Wachstum geben kann noch ein pauschales Nein. Dafür, dass die Diskussion um Wachstum an Schärfe zugenommen hat, gibt es nun aber auch sehr gute Gründe. Denn wir erleben gegenwärtig das Zusammentreffen von zwei Entwicklungen, die ein einfaches „Weiter so“ schlicht und einfach unmöglich machen, jedenfalls dann, wenn wir in irgendeiner Weise für uns in Anspruch nehmen wollen, verantwortlich zu handeln.

Die Form des Wirtschaftens, die vielen von uns Wohlstand gebracht hat und deren Erfolg traditionell am Zuwachs des Bruttosozialprodukts gemessen wurde, ist an ihr Ende gekommen. Deswegen hat der Wissenschaftliche Beirat Global Umweltfragen der Bundesregierung (WBGU) in einem ausführlichen Gutachten von der „Großen Transformation“ gesprochen, die wir brauchen. Der World Wildlife Fund hat ausgerechnet, dass wir bei der bloßen Fortschreibung der gegenwärtigen Entwicklung des Ressourcenverbrauchs im Jahr 2030 genau eine weitere Erde bräuchten. Die haben wir aber nicht.

Zitat

"Es geht um einen neuen Weltgesellschaftsvertrag für eine klimaverträgliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung."

Gutachten des WBGU

Das Problem spitzt sich dadurch dramatisch zu, dass gleichzeitig etwas passiert, was wir immer erhofft, ja erträumt haben, dass nämlich in immer mehr Ländern Prozesse in Gang gekommen sind, die zur Überwindung von Armut zu führen beginnen. Wer sich nun etwa die Zahl der Autos pro Kopf in China und Indien auf dem Niveau vorstellt, das wir in Deutschland gewohnt sind, weiß, dass das nicht funktionieren kann.

Es gibt gleichzeitig aber natürlich überhaupt keinen vernünftigen Grund dafür, dass Menschen in anderen Teilen der Welt weniger Recht auf Nutzung der Ressourcen dieser Erde haben sollten als wir selbst auch. Wie extrem unterschiedlich die Anteile gegenwärtig sind, zeigt die jährliche Pro-Kopf-Emission von CO2. In den USA sind es etwa 18 Tonnen, in Deutschland knapp 10 Tonnen, weltweit durchschnittlich sind es 4 Tonnen. Gerade noch verträglich für das Weltklima wären 2 Tonnen. Der Pro-Kopf-Verbrauch in Tansania beträgt 0,2 Tonnen pro Kopf.

Zitat

„Eine neue Ordnung braucht als Ziele eine Wirtschaft, die den Menschen heute dient, ohne die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zu zerstören, sowie eine (Welt-) Gesellschaft, die die Verbesserung der Situation ihrer ärmsten und schwächsten Mitglieder zu ihrer vorrangigen Aufgabe macht…“

Rat der EKD „Wie ein Riss in einer hohen Mauer“, 2009

Der WBGU entwickelt in seinem Gutachten sehr konkrete Vorstellungen davon, wie die technologischen Potenziale zu der notwendigen umfassenden Transformation genutzt werden können, welche politischen Weichenstellungen nötig sind und wie die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure den Bewusstseinswandel fördern können. Der Beirat betont, "dass die erforderliche Transformation tiefgreifende Änderungen von Infrastrukturen, Produktionsprozessen, Regulierungssystemen und Lebensstilen sowie ein neues Zusammenspiel von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft umfasst".

Nicht nur die WGBU ist dieser Meinung. Auch verschiedene wissenschaftliche Expertisen der vergangenen Jahre sind sich einig, dass kein Weg an einer grundlegenden Transformation der Wirtschaft vorbeiführt, will sie sich wirklich am Horizont einer Globalisierung der Nachhaltigkeit ausrichten. Ethische Gründe sind dafür genauso maßgebend wie das langfristige Eigeninteresse.

Der vielleicht wichtigste und zugleich grundlegendste Aspekt dieser notwendigen Transformation ist die Umkehrung der Fragerichtung im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Interessen und ökologischer Nachhaltigkeit. Bisher dominiert die Frage: Wie viel Ökologie können wir uns leisten, wenn wir unseren Wohlstand halten oder weiter ausbauen wollen? In Zukunft muss die Frage lauten: Wie viel Wohlstand und vor allem welche Form von Wohlstand verträgt unsere Erde, so dass auch zukünftige Generationen die Möglichkeit zu einem guten Leben haben?

Unser Leben hier in Deutschland und Europa wird sich ändern müssen. Auf der Ebene des Individuums, auf der Ebene der Organisationen und Unternehmen, auf der politisch-strukturellen Ebene und auf der sozialkulturellen Ebene werden wir die Kriterien der sozialen Gerechtigkeit und der ökologischen Nachhaltigkeit ins Zentrum rücken müssen. Und das wird uns – davon bin ich überzeugt - auch gelingen. Es gibt viele Ansatzpunkte:

Auf der individuellen Ebene ...

... nimmt jeder und jede mit den eigenen Konsumentscheidungen und Mobilitätsmustern seine Verantwortung dafür wahr, dass die Beeinträchtigung der Natur auf ein zukunftsverträgliches Maß begrenzt bleibt.

Auf der politischen Ebene ...

... wird durch entsprechende anreizorientierte Rahmengesetzgebung sichergestellt, dass diejenigen, die sich ökologisch verhalten, nicht die Dummen sind, sondern im Gegenteil wirtschaftliche Vorteile haben.

Auf der sozialkulturellen Ebene ...

... auf der sich entscheidet, was in einer Gesellschaft als normal und als akzeptabel gilt und was nicht, wird die Bewahrung der Natur zu einem Ziel, das nicht nur für schöne Reden gut ist, sondern tatsächlich handlungsleitende Bedeutung gewinnt.

Was wir jetzt brauchen, ist ein neues ökologisches Wirtschaftswunder. Wo die Herausforderung groß ist, da werden auch große Energien frei. Wir können als Kirchen nicht die besten Rezepte liefern. Aber wir können mithelfen, dass das Ziel einer gerechten und ökologisch nachhaltigen Wirtschaft in die Köpfe und – noch viel wichtiger – in die Herzen einzieht.

Ich bin überzeugt davon, dass wir in Deutschland mit unserer wirtschaftlichen und intellektuellen Kraft – und vielleicht ja auch mit unserer moralischen Energie - bei der notwendigen Transformation vorangehen können. Wenn wir es schaffen, dann wird man sich weltweit am Modell einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft orientieren. Und den Geschäften wird das auch nicht schaden.

Was wir jetzt brauchen, ist ein neues ökologisches Wirtschaftswunder. Wo die Herausforderung groß ist, da werden auch große Energien frei. Wir können als Kirchen nicht die besten Rezepte liefern. Aber wir können mithelfen, dass das Ziel einer gerechten und ökologisch nachhaltigen Wirtschaft in die Köpfe und – noch viel wichtiger – in die Herzen einzieht.

Ich bin überzeugt davon, dass wir in Deutschland mit unserer wirtschaftlichen und intellektuellen Kraft – und vielleicht ja auch mit unserer moralischen Energie - bei der notwendigen Transformation vorangehen können. Wenn wir es schaffen, dann wird man sich weltweit am Modell einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft orientieren. Und den Geschäften wird das auch nicht schaden.

Darüber, wie eine Wirtschaft mit neuen Parametern ökonomisch funktionieren kann, wage ich keine substanziellen Aussagen zu machen.

Aber ich habe die Hoffnung, dass in Zukunft der Wirtschaftsnobelpreis nicht mehr vorrangig für die ausgefeiltesten Ideen zur Steigerung des materiellen Wohlstands vergeben wird, sondern zunehmend für die Konzepte, die materiellen Wohlstand und weltweite ökologische Verträglichkeit angemessen aufeinander zu beziehen wissen.

Zur Person

Landesbischof Bedford-Strohm, Bild: © ELKB / Poep

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er macht sich stark für Themen wie Soziale Gerechtigkeit, Öffentliche Kirche, Ökumene und Bewahrung der Schöpfung.


02.06.2014 / Landesbischof Bedford-Strohm