Leben und Tod

Lebensschutz und Erbarmen

Sterbehilfe

Aktive Sterbehilfe muss strafbar bleiben - eine Forderung des Landesbischofs.

Bild: iStockPhoto / Sean_Warren

Aktive Sterbehilfe muss strafbar bleiben, fordert Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Bei der Beendigung der Therapie muss Spielraum für Gewissensentscheidungen bleiben.

Der Blick auf die Rechtslage in verschiedenen Ländern der Welt zeigt: Von einem Konsens über das Verbot der aktiven Beendigung menschlichen Lebens kann keine Rede sein. Man würde es sich zu leicht machen, wenn man in denen, die eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe betreiben, pauschal Sargträger einer ethisch sensiblen Kultur des Lebensschutzes sehen würde. Dass unter denen, die eine solche Forderung erheben, auch Namen wie der des inzwischen verstorbenen Rhetorikprofessors Walter Jens zu finden sind, muss hellhörig machen. Triebkraft für das Plädoyer zugunsten einer Legalisierung aktiver Sterbehilfe ist offensichtlich häufig eine ausgeprägte Fähigkeit zur Empathie. Wer Menschen qualvoll hat sterben sehen, wer mit ihnen auf die baldige Beendigung ihres Leidens gehofft hat und ihren Wunsch nach einer vorzeitigen Lebensbeendigung dennoch zurückweisen musste, kann im Lichte solcher Erfahrungen zu einem ethisch begründeten Plädoyer für die gesetzliche Freigabe aktiver Sterbehilfe kommen. Eine „ethical correctness“ im Sinne des Lebensschutzes, die sich die Erfahrung konkreten Leidens konkreter Menschen nicht nahe gehen ließe, wäre jedenfalls keine ethisch wirklich gehaltvolle Haltung.

Ebenso gilt freilich: Der Hinweis auf die Betroffenheit durch das Leiden eines Anderen reicht als ethische Legitimation für eine Öffnung hin zur aktiven Sterbehilfe nicht aus. Jeder konkrete Fall steht in einem Kontext gesellschaftlicher Praxis und wirkt sich seinerseits auf die ethisch-moralische Gesamtarchitektur dieser Gesellschaft aus. Wie ein konkreter Fall erlebt wird, und zu welchen Schlüssen ein empathischer Zugang zu diesem Fall im Hinblick auf die Wahl der Handlungsoptionen kommt, hängt in hohem Maße von dem jeweils wirksamen normativen Gesamtgefüge ab.

Für die Frage, wie die aktive Sterbehilfe ethisch zu beurteilen ist, mag es hilfreich sein, wenn wir uns die Typen ethischer Argumentation und die damit jeweils verbundene Grundposition vergegenwärtigen, die die Debatte bestimmen.

Argument: das größte Glück der meisten

Weiße Blume,© iStockPhoto / Royce DeGrie

Im Rahmen utilitaristischer Ansätze ist eine Position in die Debatte eingebracht worden, die für eine weitgehende Zulassung aktiver Sterbehilfe eintritt. Eine zentrale Rolle in der dahinter stehenden Argumentation spielt die Zurückweisung der Behauptung einer „Heiligkeit menschlichen Lebens“. Dagegen argumentiert der Utilitarismus mit dem größtmöglichen Glück der meistmöglichen Menschen.

Dass eine Lebenserhaltung gegen den Willen der Betroffenen der gesellschaftlichen Gesamtnutzensumme weniger zuträglich ist als die aktive Beendigung eines Lebens, das nur noch Leiden zu erwarten hat, leuchtet in seiner inneren Logik zunächst ein. Das utilitaristische Plädoyer für die Freigabe aktiver Sterbehilfe nimmt für sich in Anspruch, Ausdruck einer Ethik der Lebensfreundlichkeit zu sein. Es kann aber nicht überzeugend zeigen, wie die für die Nutzenmaximierung notwendigen Abwägungen vor Missbrauch geschützt werden sollen. Wo Nutzenerwägungen im Zentrum stehen, steht Leben, wenn solcher Nutzen nicht nachgewiesen werden kann, grundsätzlich zur Disposition.

Argument: die größtmögliche individuelle Freiheit

Fliegender Vogel,© iStockPhoto / tiburonstudios

Auch wenn der Ansatz bei der individuellen Autonomie im Hinblick auf die aktive Sterbehilfe faktisch zu ganz ähnlichen Schlüssen kommt wie der utilitaristische Ansatz, geht er von charakteristisch anderen Voraussetzungen aus. Zielperspektive ist nicht irgendein angenommener gesellschaftlicher Nutzen, sondern die größtmögliche individuelle Freiheit. Jeder Mensch hat das Recht, selbst über sein Leben oder über seinen Tod zu entscheiden. Bei der Umsetzung seiner Entscheidung, etwa sein Leben zu beenden, darf er sich von anderen helfen lassen, wenn er das möchte. Jedes gesetzliche Verbot aktiver Sterbehilfe verletzt daher die Rechte des Individuums. Diese Position spielte etwa bei den Diskussionen um das niederländische Gesetz eine bedeutende Rolle.

Gerade im Hinblick auf das damit verbundene Plädoyer für die eigene Entscheidung über Leben und Tod ist diese Position angreifbar. Sterbesituationen sind oft genau dadurch gekennzeichnet, dass individuelle Autonomie am Ende ist, dass Entscheidungen schon allein deswegen nicht wohlüberlegt getroffen werden können, weil dem Betroffenen dazu die geistige oder physische Kraft fehlt. Diese Position übersieht aber auch, dass die Situation eines Sterbenden in der Beziehung zu seinem Arzt kein in sich abgeschlossener Mikrokosmos ist, sondern in unvermeidlicher Wechselwirkung zur gesellschaftlichen Umwelt steht. Eine eingespielte Praxis aktiver Sterbehilfe bleibt nicht ohne Folgen für die „Entscheidungen“ der Individuen. Im schlimmsten Fall erzeugt sie Druck auf schwer Pflegebedürftige, sich ähnlich zu entscheiden.

Der Ansatz bei der individuellen Autonomie impliziert eine Sicht des Menschen, die nicht nur in Spannung steht zu einem beziehungsorientierten Menschenbild, wie es die Bibel impliziert, sondern auch der sozialanthropologischen Einsicht nicht gerecht wird, dass menschliches Leben immer von Beziehungen geprägt ist.

Argument: verantwortete Toleranz

Grüner Schirm und schwarze Schirme,© iStockPhoto / Fotovika

Einen Ausgleich zwischen der Autonomie des Individuums und den Anforderungen einer für alle förderlichen sozialen Ordnung sucht ein Ansatz verantworteter Toleranz, wie er in den niederländischen und belgischen Gesetzen zur Sterbehilfe seinen Niederschlag findet. Selbst im Hinblick auf die Grenzbereiche des Lebens ist der Staat zu größtmöglicher Toleranz gegenüber den je individuellen Entscheidungen der Bürger gehalten. Aus diesen Gründen hat der Staat nicht das Recht, durch ein Verbot aktiver Sterbehilfe in die Selbstbestimmung der Bürger einzugreifen. Da sich aber der Einzelne in eine für alle fruchtbare soziale Ordnung einfügen muss und er auch selbst vor missbräuchlichem Umgang mit einer toleranten Regelung zur Beendigung des Lebens geschützt werden muss, wird eine gesetzliche Freigabe aktiver Sterbehilfe an klar definierte Voraussetzungen gebunden und in eine nachvollziehbare Kontrollregelung eingebettet.

Gegenüber diesem Ansatz bleibt die Frage, ob er nicht einen entscheidenden Schritt zu weit geht, indem er eine in der ethischen Intuition der Menschheit tief verwurzelte Barriere einreißt. Auch unter starkem gesellschaftlichen Gegenwind hat sich gegenüber der Praxis der Todesstrafe und gegenüber Kriegshandlungen, in denen nicht unmittelbar Leben gegen Leben steht, immer die ethische Überzeugung gehalten, dass Leben ein den Menschen anvertrautes Gut ist, das außerhalb ihrer Verfügung steht. Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, dass der intuitiv tief verwurzelte Respekt vor der Unantastbarkeit menschlichen Lebens durch einen staatlich sanktionierten Weg zur aktiven Lebensbeendigung entgegen den damit verbundenen Intentionen faktisch allmählich aufgeweicht wird.

Argument: unbedingter Lebensschutz

Rettungsreifen,© iStockPhoto / Davide Mazzoran

Menschliches Leben – so dieser Ansatz - kann gegen kein anderes ethisches Gut aufgewogen werden. Beim Lebensschutz handelt es sich um ein absolutes Gebot. Jede Liberalisierung der aktiven Sterbehilfe ist damit unvereinbar. Diese Position wird häufig theologisch mit den entsprechenden biblischen Normen begründet, deren unbedingte Geltung bekräftigt wird. Sie kann aber auch mit dem Hinweis begründet werden, dass jede Aufweichung des kategorischen Lebensschutzes das Tor zum Missbrauch öffnen würde.

Diese Position hat den Vorzug, dass sie eine Klarheit hat, die durch keine aus individuellen Härtefällen resultierenden Relativierungen getrübt wird. Diese Stärke des Ansatzes beim unbedingten Lebensschutz ist aber zugleich auch seine größte Schwäche. Wer diesen Ansatz vertritt, steht in der Gefahr, zu vergessen, dass „der Mensch nicht für den Sabbat da ist, sondern der Sabbat für den Menschen“, dass also jedes Gebot in seiner Anwendung kontinuierlich auf seine Lebensfreundlichkeit hin zu überprüfen ist.

Von den vier Ansätzen sind nur die letzten beiden grundsätzlich mit einer Kultur des Lebensschutzes vereinbar, wie sie in der Ziellinie der jüdisch-christlichen Tradition liegt. Während der Ansatz verantworteter Toleranz aber diesen Lebensschutz am Ende doch aufweicht, fehlt dem Ansatz beim unbedingten Lebensschutz die Sensibilität für die ethischen Dilemmata in konkreten Entscheidungssituationen. Ein ethisch tragfähiger Ansatz muss deswegen nach Wegen suchen, auf denen das Gebot des Lebensschutzes uneingeschränkt festgehalten wird, ohne dass die konkrete Situation des einzelnen leidenden Menschen zur Seite geschoben wird.

Verantwortlicher Lebensschutz

Menschliches Leben ist ein so hohes Gut, dass es schwerer wiegt als die individuelle Selbstbestimmung und deswegen einen besonderen Schutz verdient. Dieser besondere Schutz kann entweder philosophisch mit der Unumkehrbarkeit des Lebens oder theologisch mit dem Charakter des Lebens als Gabe Gottes begründet werden, die sich der Verfügbarkeit für den Menschen entzieht. Eine gesetzliche Freigabe aktiver Sterbehilfe scheidet von diesem Grundgedanken her aus, weil sie die grundsätzliche Bedeutung des Lebensschutzes öffentlich relativiert.

Die Orientierung am Gebot des Lebensschutzes ersetzt aber nicht die je eigene Verantwortung für das Handeln und die damit verbundene Gewissensprüfung. Dieser Ansatz lässt daher die „unmögliche Möglichkeit“ eines lebensbeendenden Handelns offen, wenn das Gewissen des Handelnden angesichts unerträglichen Leidens und des Fehlens gangbarer Alternativen zur Leidensminderung keinen anderen Weg sieht. Diese Position, die der geltenden Rechtslage und Rechtspraxis in Deutschland sehr nahe ist, ermutigt eine ethische Urteilsbildung, die die Unantastbarkeit des Lebens als ethisches Gut unterstreicht, aber gleichzeitig mit diesem Gut in einer menschengerechten Weise umgeht.

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Cover des Buches Heinrich Bedford-Strohm: Leben dürfen - lesen müssen

Heinrich Bedford-Strohm

Leben dürfen - lesen müssen

Die Ablehnung der aktiven Sterbehilfe aus christlicher Sicht.

ISBN 978-3466371143

Allerdings besteht die Gefahr rechtlicher Grauzonen. So wird dem Gewissen des Arztes ein zentraler Stellenwert eingeräumt, wenn es um den menschengerechten Umgang mit einem schwer leidenden Menschen geht. Die Tatsache, dass die Übergänge von der passiven zur aktiven Sterbehilfe nur schwer definierbar sind, ist hierbei eine spezifische Stärke. Denn sie gibt dem Arzt im je konkreten Fall die Möglichkeit, sich für eine höhere Dosierung unter Hinnahme eines früheren Todeszeitpunktes zu entscheiden, ohne aber mit einer generellen staatlichen Sanktionierung einer wie auch immer begrenzten aktiven Sterbehilfe verbunden zu sein.

Dieser Ansatz ist deswegen so plausibel, weil er das Gebot der Unantastbarkeit menschlichen Lebens als Teil der öffentlichen ethisch-moralischen Kultur stärkt, ohne Mitgefühl und Respekt vor dem Lebensbeendigungswillen eines Sterbenden dadurch außer Kraft zu setzen. Der damit verbundene Konflikt muss aber – darin liegt die Pointe - in jedem Falle unkodifiziert bleiben. Ulrich Eibach hat zu Recht darauf hingewiesen, dass ein Handeln zur vorzeitigen Beendigung des Lebens eines Sterbenden sich nicht auf das Liebesgebot oder andere allgemein gültige sittliche Verpflichtungen berufen und deswegen auch nicht durch eine verallgemeinerbaren Kriterien verantwortliche Prüfungskommission abgesegnet werden sollte. Dem Gefühl, „eigentlich so nicht handeln zu dürfen“, darf durch keine theologische Begründung Entlastung zukommen. Die vor Gott getragene Bitte um Vergebung ist die einzig angemessene Weise, mit der Not des Gewissens umzugehen.

Genügend Spielraum für das Gewissen des Arztes

Ich komme zu dem Ergebnis, dass an der in Deutschland geltenden Rechtsregelung, nach der aktive Sterbehilfe strafbar ist, festzuhalten ist. Einer Handlung, die den Tod eines nicht im Sterbeprozess befindlichen Menschen aktiv herbeiführt, muss die öffentliche ethische Legitimation entzogen bleiben. Wann durch eine wirksame Schmerzbehandlung eine Verkürzung des Sterbeprozesses eines Patienten hinzunehmen ist, bleibt nach der geltenden Rechtslage der im Gespräch mit dem Patienten und seinen Angehörigen getroffenen gewissenhaften Entscheidung des behandelnden Arztes überlassen. Diese Rechtslage lässt dem Gewissen des Arztes genügend Spielraum, ohne ihn mit einem Bein im Gefängnis stehen zu lassen.

Zur Person

Landesbischof Bedford-Strohm, Bild: © ELKB / Poep

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er macht sich stark für Themen wie Soziale Gerechtigkeit, Öffentliche Kirche, Ökumene und Bewahrung der Schöpfung.


02.06.2014 / Landesbischof Bedford-Strohm
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