Ökumene und Religionen

Religion und Toleranz

Glasmurmeln

Miteinander sein und bleiben, auch wenn nicht alle gleich sind: Das ist der Kern von Toleranz.

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Wie Toleranz gelebt werden kann, ist eine Frage, die uns in den Kirchen in besonderer Weise beschäftigt – auch im Verhältnis zu anderen Religionen, so Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Es geht nicht einfach nur darum, mit den eigenen Denkwelten in Ruhe gelassen zu werden, wie das heute zuweilen mit dem Begriff der Toleranz verbunden wird. Toleranz bedeutet nicht ein allgemeiner Relativismus, der die Existenz jeglicher Wahrheitsansprüche bestreitet. Wer solche Gleich-Gültigkeit zum Programm macht, tritt auch nicht leidenschaftlich für den Anderen ein, schlicht und einfach deswegen, weil er sich nicht genug für den anderen interessiert. Toleranz setzt aber ein solches Interesse voraus. Wer für die Toleranz anderen gegenüber eintritt, muss sich zunächst erst einmal für sie interessieren.

Wertschätzung als Konsequenz der Toleranz

Ob wir anderen Überzeugungen nur mit Respekt gegenübertreten oder mit Wertschätzung, hängt von den Überzeugungen ab, um die es geht. Dass wir den Menschen aber mit Wertschätzung begegnen, auch wenn sie andere Überzeugungen vertreten als wir, das muss klar sein, jedenfalls, wenn wir uns vom christlichen Glauben her verstehen. In der Ziellinie der Toleranz liegt deswegen nicht nur die Duldung anderer Überzeugungen oder der Respekt vor ihnen. Wo wir anderen Menschen mit Wertschätzung begegnen, werden wir auch ihren Überzeugungen jedenfalls mit Neugier begegnen. Wir werden den starken Seiten dieser Überzeugungen die gleiche Aufmerksamkeit widmen wie ihren Grenzen.

Es ist deswegen auch ein Mangel an Toleranz, wenn wir andere Religionen zuerst und in erster Linie in ihren fundamentalistischen Pervertierungen wahrnehmen und dabei die fundamentalistischen Pervertierungen der eigenen Religion einfach übersehen.

Viel produktiver ist es, wenn wir im Umgang mit anderen Religionen Auslegungstraditionen zugrunde legen, die auch wirklich im Glaubensleben der Menschen vor Ort verwurzelt und damit zugleich Spiegel eines gelingenden sozialen Zusammenlebens sind.

Die Grenze der Toleranz

Es gibt indessen auch Grenzen der Toleranz. Weil Toleranz auf der Anerkennung der Anderen und ihrer qua Menschsein zugesprochenen Würde beruht, muss sie gegen die Verletzung der Menschenwürde verteidigt werden. Engagement für die Toleranz bedeutet immer auch die Abgrenzung gegenüber einer zugespitzten Form der Intoleranz. Die Menschenwürde muss verteidigt werden, wo sie durch zum Programm gemachte Intoleranz in Frage gestellt wird. Solche zum Programm gemacht Intoleranz liegt vor, wenn die Anerkennung der Würde eines bestimmten Menschen oder einer Gruppe von Menschen grundsätzlich verweigert wird.

Wenn der Toleranzgedanke ernst genommen werden soll, muss gleichzeitig in aller Klarheit festgestellt werden: es gibt keine Toleranz gegenüber der systematischen Verletzung der Menschenwürde! Es gibt keine Toleranz gegenüber Folter! Es gibt keine Toleranz gegenüber Verstümmelung von Frauen unter Berufung auf religiöse und kulturelle Traditionen! Es gibt keine Toleranz gegenüber Antisemitismus und Rassismus!!

Toleranz und interreligiöser Dialog

Wie Toleranz gelebt werden kann, ist eine Frage, die uns in den Kirchen in besonderer Weise im Verhältnis zu den anderen Religionen beschäftigt. Mancher hat sich darüber gewundert, dass vor einiger Zeit in den Zeitungen ein Bild abgedruckt wurde, auf dem ein Imam auf der Kanzel einer Münchner Kirche zu sehen war. Da Bilder mehr wirken als erklärende Worte ist bei Manchen der Eindruck entstanden, der Imam habe in einer christlichen Kirche gepredigt. Dass die Gemeinde den Imam nicht zu einer Predigt, sondern zu einer „Kanzelrede“ eingeladen hatte, ist dabei in den Hintergrund geraten, obwohl dieser Unterschied im Begriff von zentraler Bedeutung ist. Denn bei der Predigt geht es um die Verkündigung des Wortes Gottes, wie es in Bibel und Bekenntnis verbürgt ist. Das, was sich in der Vergangenheit unter dem Stichwort „Kanzelrede“ als Redeform herausgebildet hat, kann auch ein Wort sein, das sich von außen an die christliche Gemeinde richtet. Der Unterschied zwischen beidem muss in der Zukunft deutlicher werden.

Es wäre nämlich ein Kurzschluss, wenn man Toleranz dadurch gefördert sehen würde, dass Unterschiede zwischen den Religionen einfach verwischt werden. Wertschätzung gegenüber einer anderen Religion heißt auch, dass ich sie in ihrem je eigenen Profil wirklich wahrnehme. Wenn wir Christen von einem Gott sprechen, der sich in Jesus Christus offenbart hat also einem Menschen, der am Kreuz gestorben ist, dann kann das kein Muslim so mitsprechen. Und wir können es nicht deswegen verwischen oder gar verschweigen, weil es uns von Muslimen inhaltlich trennt. Aber wir können es als unseren Reichtum in das interreligiöse Gespräch einbringen und umgekehrt hinhören, wenn Muslime uns ihre religiösen Kernüberzeugungen erläutern.

Je freundschaftlicher und wertschätzender Menschen unterschiedlicher religiöser Traditionen miteinander umgehen, desto weniger Angst müssen sie haben, auch die Unterschiede zwischen den Religionen anzusprechen. Sich wechselseitig einzuladen und an den eigenen religiösen Traditionen teilhaben zu lassen, ist der richtige Weg, um die wertschätzende Toleranz wirklich zu leben, die in der Ziellinie unserer an der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen orientierten Glaubensüberzeugungen liegt.

Zur Person

Landesbischof Bedford-Strohm, Bild: © ELKB / Poep

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er macht sich stark für Themen wie Soziale Gerechtigkeit, Öffentliche Kirche, Ökumene und Bewahrung der Schöpfung.


26.05.2014 / Landesbischof Bedford-Strohm