Bekenntnis

Ein geistliches Ringen

Frau im Rückspiegel eines Autos

Geben auch heute noch Orientierung im Glauben: die Bekenntnisse.

Bild: Susann Städter/photocase.de

Bekenntnisse sind Kinder ihrer Zeit. Deswegen müssen sie an der Bibel geprüft und in den heutigen Horizont gestellt werden. Dabei darf nicht dem Zeitgeist nachgegeben werden, so Hans-Martin Weiss.

Es gibt nicht nur eine biblische Hermeneutik, sondern auch eine Bekenntnishermeneutik. Unsere evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften gelten als norma normata: Sie geben Orientierung in Unterordnung unter die Leitnorm der Heiligen Schrift. Sofern also neue Einsichten oder Erkenntnisse im Schriftverständnis vorliegen, hätte das möglicherweise direkte oder indirekte Auswirkungen für das Verständnis der Bekenntnisschriften. Hinzu kommt, dass Bekenntnisse grundsätzlich zeit- und situationsbezogen formuliert worden sind und ihren Anspruch auch zunächst nur im Blick auf solche Bezogenheit erheben. Das aber heißt: Wer sie heute als Autoritäten heranzieht, muss sie nicht nur aktuell mit den entsprechenden Schriftaussagen abgleichen, sondern auch in den heutigen Horizont hineinstellen und in vielen Fällen auch „übersetzen“, mit den Gegenwartsfragen vermitteln. Paul Tillichs Methode der Korrelation gilt es also auch in dieser Hinsicht anzuwenden – das heißt die aktive Beziehung der Antwort des Evangeliums auf die Fragen der jeweiligen Zeit und Kontexte stets neu zu erfassen und zu formulieren.

Zum Bekennen gehört nicht nur ein Wiederholen, sondern ein Fortschreiben. Wo das übersehen wird, dort erhält das Wort „Bekenntnis“ leicht einen antiquierten oder fundamentalistischen Beigeschmack. Dass es evangelischen Christen aber nicht um Traditionalismus, Fundamentalismus oder sonst irgendeinen „ ismus“ gehen kann, sondern um die Identität der Kirche Jesu Christi in der sich wandelnden Zeit, sollte in öffentlichen Stellungnahmen unserer Kirche allemal deutlich sein. Sich auf ein Bekenntnis beziehen, heißt in solcher Perspektive:

a) sich zurück zu beziehen auf das in der Vergangenheit wichtig gewordene Bekenntnis,
b) sich nach vorn beziehen auf die Zukunft des kommenden Herrn der Kirche, und
c) sich auf die Gegenwart beziehen, in der es die lebendige Bewegung der Kirche fortzuschreiben gilt.

Mit der Aufgabe solcher Fortschreibung verbindet sich allerdings eine große Versuchung – nämlich die, dass wir die Zeitgeist-Brille nicht mit der nötigen kritischen Distanz bemerken und das, was uns tatsächlich an Zuspruch und Anspruch, an Orientierungskraft aus den Bekenntnissen entgegen kommt, nicht richtig wahrnehmen, ja nicht einmal ernsthaft hören, sondern es eigenmächtig nivellieren und entschärfen. Die Methode der Korrelation kann so gerade unter dem Vorzeichen moderner Differenzierungsmöglichkeiten und historistischer Perspektiven zu einer „Methode der Korrektur“ mutieren und theologisch bedenklich werden.

Gelebtes Bekenntnis

Diese Problematik betrifft heutzutage sogar den Artikel von der Rechtfertigung des Sünders: Er bleibt in seinem doppelten Bezug auf Jesus Christus und die Adressaten des Evangeliums das Kernelement aller evangelischen Bekenntnisschriften. Was mir Sorge macht, ist der Umstand, dass sich dieser Artikel sogar innerhalb unserer evangelischen Kirche immer weniger von selbst versteht. Es geht hier um ein geistiges Ringen, dem unsere Kirche sich zu stellen und in das sie sich von Mal zu Mal einzubringen hat. Dies ist durchaus ein dogmatisches Ringen, ein Bemühen um die Sicherung der geistlichen Zentralsubstanz.

Gelebtes Bekenntnis umfasst beides: sowohl mit dem Mund als auch mit den Händen dankbar das weitergeben, was man als tragende, zukunftsweisende Kraft von oben erkannt und empfangen hat. Kirche als Institution hat dies gerade auch in ihren Stellungnahmen zum öffentlichen Leben zu bewähren.

Zur Person

Regionalbischof Hans-Martin Weiss, Bild: © Kirchenkreis Regensburg

Dr.Hans-Martin Weiss

ist Regionalbischof des Kirchenkreises Regensburg und Mitglied der Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland. Er war lange Jahre Präsident des Martin-Luther-Bundes, Evangelischer Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bayern  und Vorstandsmitglied im Verein für Bayerische Kirchengeschichte.


14.04.2015 / Hans-Martin Weiss
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