Schutz des freien Sonntags

Die Kraft, die durch die Woche trägt

Goldenes Ei inmitten von weißen Eiern

Für den Schutz des Sonntags hat sich die ELKB erneut ausgesprochen.

Bild: iStockPhoto / blackred

Passt die uralte Tradition der Sonntagsruhe noch in unsere Zeit? Ja, sagt der Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (kda), Dr. Johannes Rehm. Vielleicht haben wir sie sogar nötiger denn je.

Passt der arbeitsfreie Sonntag noch in unsere Zeit? Darf man jemandem vorschreiben, wann er oder sie zu arbeiten hat und wann nicht? Ist es heute noch angemessen, dass Geschäfte, Banken, Fabriken und Büros sonntags schließen, während im Internet pausenlos geshoppt, gehandelt und gearbeitet werden kann?

Mit solchen oder ähnlichen Fragen wird man konfrontiert, wenn man sich öffentlich für die Bewahrung des Sonntags stark macht. Sonntagsruhe – das klingt für manche liebenswert altmodisch oder auch hoffnungslos realitätsfern. Denn Sonntagsarbeit ist im Kommen. Längst betrifft sie nicht mehr nur Tätigkeiten, die sonntags unverzichtbar sind, wie die des Polizisten, der Ärztin oder des Pfarrers.

Zitat

Der Schutz von Sonntagen und Feiertagen ist ein unve rzichtbares Kulturgut. Das Gebot Gottes, den Feiertag zu heiligen, schützt das Leben vor pausenloser Funktionalisierung und Ökonomisierung."

Aus: "Nachhaltig für den Sonntagsschutz eintreten" Kundgebung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, April 2011

Ganze 11 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten laut dem Mikrozensus in unterschiedlicher Häufigkeit an Sonn- und Feiertagen. So stieg der Anteil der betroffenen Verkäuferinnen und Verkäufer von 8 % im Jahr 1995 auf 24 % im Jahr 2012. Der Trend zu mehr Sonntagsarbeit erfasst so unterschiedliche Berufe wie den des Bäckers (von 28 % auf 56 %) und des Bergarbeiters (von 32 % auf 41 %), der Industriemeisterin (von 19 % auf 31 %) oder der Lehrerin (von 18 % auf 38 %). Sonntagsarbeit ist noch nicht die Regel, doch in den letzten Jahrzehnten Stück für Stück „normaler“ geworden.

Am Ende bleibt ein siebter Werktag

Dabei entpuppen sich die ökonomischen Begründungen oft als kurzsichtig: Ein Händler, der mit verkaufsoffenen Sonntagen einen Wettbewerbsvorteil erringen will, merkt bald, dass andere Geschäfte nachziehen. Eine Arbeitnehmerin, die sich wegen der Lohnzuschläge freiwillig für die Sonntagsschicht meldet, realisiert, dass diese Sonderzuschläge langfristig sinken, weil die Arbeit am Sonntag immer üblicher wird. Und ein Konsument, der am liebsten rund um die Woche alle Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen in Anspruch nimmt, stellt fest, dass er irgendwann selber sonntags arbeiten muss. Am Ende dieser Spirale gibt es für niemanden mehr ökonomische Vorteile, sondern lediglich für alle einen siebten Werktag.

Christinnen und Christen können der Logik der Permanenz eine andere Logik entgegensetzen: Nicht alles zu jeder Zeit, sondern „ein jegliches hat seine Zeit“ (Prediger 3,1). Ein Tag wird herausgehoben aus dem Einerlei der Woche. Ein Tag, an dem die Konkurrenz Pause macht und der Gemeinsinn wächst. Ein Tag, an dem die Freiheit des Konsumenten hinter der Freiheit des Menschen zurücktritt. Der Sonntag lässt uns die Kraft spüren, die uns durch die Woche begleitet und trägt.

Die Kirche ist eine glaubwürdige Anwältin der Sonntagskultur, wenn sie nicht nur am Sonntag stattfindet, sondern auch für den Sonntag kämpft. Sie gestaltet den Tag durch Gottesdienste und vielfältige Angebote. Zugleich nimmt sie gesellschaftlich Einfluss darauf, dass möglichst viele Erwerbstätige frei- und teilhaben. Sonntagsschutz verlangt manchmal Mut und auch Konfliktbereitschaft, etwa wenn die Pfarrerin vor Ort beim Bürgermeister regelwidrige Shoppingsonntage beanstandet oder wenn eine evangelische Landeskirche für den Sonntagsschutz bis zum Bundesverfassungsgericht zieht. Doch immer wieder gelingt es, Menschen dabei mitzunehmen und zu überzeugen. So konnte die kirchlich-gewerkschaftliche Allianz für den freien Sonntag parteiübergreifend über 80 bayerische Landtagsabgeordnete dafür gewinnen, einen „Sonntagskontrakt“ zur Eindämmung verkaufsoffener Sonntage zu unterzeichnen.

Ja, die uralte Tradition der Sonntagsruhe passt bestens in unsere heutige, hektische Zeit. Vielleicht haben wir sie sogar nötiger denn je. Der Sonntag ist ein Geschenk des Himmels – wir sollten ihn hier auf Erden konsequenter schützen.

Zur Person

Dr. Johannes Rehm, Bild: © ELKB

Prof. Dr. Johannes Rehm

Prof. Dr. Johannes Rehm ist Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (kda) und Mitglied der Landessynode der ELKB. Die biblisch-theologische und wirtschaftsethische Grundlagenarbeit ist ihm besonders wichtig. Der kda hält Kontakt zu Organisationen und Verbänden in Arbeit, Wirtschaft und sozialer Sicherung. Er berät und unterstützt Gemeinden, Dekanate und gesamtkirchliche Dienste bei der Auseinandersetzung mit Arbeits- und Wirtschaftsfragen sowie bei sozialen Fragen. Sonntagsschutz sowie gerechte Löhne und Arbeitsbedingungen sind nur drei der zahlreichen Themen des kda.

26.05.2014 / Johannes Rehm