Leben in der Einen Welt

Migration ist Chance und Bereicherung

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Migration erfordert Verantwortung - eine wichtige Herausforderung für Kirche und Politik.

Bild: iStockPhoto / Pali Rao

Migration ist ein weltweites Phänomen, das 232 Millionen Menschen betrifft – Kirche und Politik müssen Verantwortung wahrnehmen und Herausforderungen angehen, fordert Landesbischof Bedford-Strohm.

Wer die Bilder von den zerbombten syrischen Städten sieht, wer in die verzweifelten Gesichter von Männern, Frauen und Kindern auf den Pressefotos mitten aus den Bürgerkriegsgebieten oder in von Kälte heimgesuchten Flüchtlingslagern in den umliegenden Ländern sieht, der braucht keine Erläuterungen mehr über die Dramatik der weltweiten Flüchtlingsströme.

Informationen zum Thema Migration

Migration - Zahlen & Fakten

Nach Daten der UNO-Bevölkerungsabteilung von 2013 haben die Migrantenzahlen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Im Jahr 2000 waren es weltweit 175 Millionen, 1990 154 Millionen. Vor 20 Jahren gab es weltweit noch rund 80 Millionen weniger Migranten als heute. Dazu kommen viele Millionen Flüchtlinge. Laut UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) verließen 2011 42,5 Millionen Menschen ihre Heimatregionen - aus Angst um ihr Leben oder wegen miserabler Lebensbedingungen. Davon sind 26 Millionen, also über die Hälfte, Vertriebene innerhalb ihres Heimatlandes. Die meisten Flüchtlinge stammen aus Afghanistan - 2,7 Millionen Afghanen haben in 79 Ländern der Welt Zuflucht gefunden. In jüngster Zeit gehört Syrien zu den Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen.

Aber auch jenseits von Kriegen und Bürgerkriegen liegen die Ursachen für Flucht und Migration deutlich vor Augen.

Extreme weltweite Ungerechtigkeit in der Verteilung der materiellen Ressourcen ist die wichtigste von ihnen.

Möglicherweise ist das größte Problem beim Umgang mit Migration nicht die Migration selbst, sondern die Tatsache, dass wir sie einseitig nur als Problem sehen.

Viele Beispiele aus anderen Ländern und aus unserer eigenen Geschichte zeigen:

Migration ist nicht zuallererst Bedrohung, zum Beispiel unserer sozialen Stabilität, sondern Migration ist Chance und Bereicherung – Chance und Bereicherung nicht nur für aktuelle Probleme des Arbeitsmarktes, sondern auch für die dynamische Weiterentwicklung unserer Kultur oder auch den Erfolg im Sport.

Zitat

„Aufbruch, Auswanderung, Migration, Flucht und Fremde sind nicht vorübergehende Phänomene unserer Zeit, sondern sind und bleiben Grundgegebenheiten des Lebens in dieser Welt. Sie dürfen nicht einseitig negativ gesehen werden. Migration bedeutet auch Begegnung mit anderen Menschen, mit anderen Sprachen und Kulturen.“

Gemeinsames Wort der Kirchen zu Migration und Flucht, 1997

Wer möchte heute in der deutschen Nationalmannschaft auf die Fußballkünste von Lukas Podolski, Sami Kedira, Miroslav Klose, Jerome Boateng, Ilkay Gündogan, Sidney Sam, Mario Gomez oder Mezud Özil verzichten?

Schritte zur erfolgreichen Integration

Nutzen und Belastungen gleichermaßen tragen

Wenn wir über Zuwanderung sprechen, muss der Nutzen genauso klar benannt werden wie die Belastungen. Und es geht nicht, dass wir dabei nur die ökonomischen Vorteile suchen, die Belastungen aber wenn irgend möglich von uns fernhalten wollen. Dass Zuwanderung in vielen Fällen für das Aufnahmeland ein erheblicher wirtschaftlicher Gewinn und für das Herkunftsland ein entsprechender Verlust ist, gerät häufig aus dem Blick. Der „Braindrain“ aus Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion etwa ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für den Neuaufbau der Länder dort zu einem ernstzunehmenden
Problem geworden. Allein von 1986 bis 1990 haben rund 1,5 Millionen Menschen diese Länder verlassen. 25 bis 30 Prozent von ihnen waren Wissenschaftler und Ingenieure.

Es ist klar, dass es eine Überforderung wäre, wenn wir durch völlig ungeregelten Zugang zu
unseren Sozialleistungen durch die Hintertür eine europäische Sozialunion einführen würden.
So sehr eine solche Sozialunion ein langfristiges Ziel für Europa bleiben muss, so gründlich
muss sie vorbereitet werden. Aber es geht aus meiner Sicht auch nicht, dass wir den Braindrain aus anderen Ländern fördern und davon profitieren wollen, aber uns Sozialleistungen vom Hals zu halten versuchen.

Bleiberecht für integrierte Zuwandererfamilien schaffen

Nicht anerkannte Asylsuchende, die seit vielen Jahren auf der Basis von Kettenduldungen hier leben, müssen ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten. Es widerspricht allem, was ich über eine Ethik der Einfühlung gesagt habe, wenn Kinder solcher Familien, die in den Aufnahmeländern geboren und völlig integriert sind und oft noch nicht einmal mehr die Sprache ihrer Eltern sprechen, in ein Land abgeschoben werden, das ihnen völlig fremd ist. Die Kirchen setzen sich mit allem Nachdruck für ein Bleiberecht ein.

Zuwanderungskonzept entwickeln

Wir müssen endlich ein modernes Zuwanderungskonzept entwickeln. So nötig und wichtig humanitäre Weiterentwicklungen von Recht und Rechtspraxis im Bereich der Asylpolitik und des Asylrechts sind, so klar ist auch, dass dadurch der Mangel des fehlenden Konzeptes für eine humane und weltoffene Migrations- und Zuwanderungspolitik nicht kompensiert werden kann. Das Asylrecht ist für Flüchtlinge da, die vor Verfolgung fliehen und bei uns Schutz suchen. Es ist aber nicht das geeignete Instrument, um Perspektiven und faire Regelungen für die vielen Menschen zu schaffen, die aus anderen Gründen in ihren Herkunftsländern keine Lebensmöglichkeit sehen und deshalb zu uns kommen. Nur durch eine gute und klare Zuwanderungspolitik kann es gelingen, das Unwesen der „Schleuser“ einzudämmen, die Benachteiligung von Frauen bei den Fluchtchancen zu mindern und insgesamt mehr Gerechtigkeit und Verlässlichkeit bei der Beantwortung der Frage zu schaffen, wer unter welchen Voraussetzungen und auf welchen Wegen als Migrant in unserem Land eine Heimat finden kann.

Integration als Zweibahnstraße verstehen

Integration ist eine Zweibahnstraße. Damit verschiedene Kulturen nicht wie abgeschlossene Inseln nebeneinander existieren, sondern gemeinsam und im Austausch miteinander zum sozialen Zusammenhalt beitragen können, müssen die kulturellen Traditionen von Zuwanderern auch einen Platz im öffentlichen Leben des Aufnahmelandes finden können. Bloße Assimilation kann nicht erwartet werden. Ziel muss eine Kultur der Toleranz und des Miteinanders sein, in der sich Mehrheits- und Minderheitskulturen begegnen und wechselseitig respektieren. Wechselseitige Anerkennung braucht Kommunikation. Das dafür zentrale Medium ist die Sprache. Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, müssen die Möglichkeit bekommen, die deutsche Sprache zu erlernen. Deswegen ist die öffentliche Finanzierung von Sprachkursen, aber auch das große Engagement vieler Ehrenamtlicher in Deutschland in der Vermittlung der deutschen Sprache so wichtig.

Europäisches Asylrecht reformieren

Das Europäische Asylrecht krankt daran, dass es nach wie vor keine einheitlichen Standards gibt und bei der Erstaufnahme einseitig die Länder belastet werden, die an den Außengrenzen Europas liegen. Dass das nun genau die Länder sind, die selbst die größten wirtschaftlichen Probleme haben, hilft nicht dabei, den ankommenden Flüchtlingen die menschenwürdige Behandlung zukommen zu lassen, die ihnen nach den europarechtlichen Vorgaben auch zusteht. Es müssen faire Regelungen unter anderen auch im Sinn eines gesamteuropäischen Lastenausgleichs geschaffen werden, so dass es nicht dem Zufall überlassen wird, ob die Flüchtlinge eine angemessene Behandlung erfahren. Die Evangelische Kirche setzt sich für eine Reform der Verteilung von Schutzsuchenden innerhalb der Europäischen Union ein.

Die Wurzeln der Migrationsbewegungen liegen neben den unmittelbaren Bedrohungen in Kriegsgebieten und durch Menschenrechtsverletzungen vor allem in den extremen sozialen Unterschieden in der Welt. Auch wenn es um Armut geht, beruht Migration in den meisten Fällen nicht auf frei getroffenen Entscheidungen, sondern ist Konsequenz einer akuten Notsituation.

Weltweites Gerechtigkeitsproblem beherzt angehen

Niemand verlässt gern sein Heimatland. Deswegen sind alle Bemühungen zur ökologisch-sozialen Transformation der Weltwirtschaft auch Schritte zur Bewältigung der Herausforderungen von Migration. Auch Klimaflüchtlinge werden in der Zukunft zunehmend Teil dieser Herausforderung sein. Die Kirchen sind überall auf der Welt lokal verwurzelt und teilen gleichzeitig eine weltweite Perspektive. Sie haben daher die besondere Verantwortung, die Migrationsursache „wirtschaftliche Ungerechtigkeit“ immer wieder ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu rufen, wie ich es in meinem Vortrag beim Empfang für bayerischen Mitglieder des Bundestages im Januar 2014 in Berlin forderte.

Zur Person

Landesbischof Bedford-Strohm, Bild: © ELKB / Poep

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er macht sich stark für Themen wie Soziale Gerechtigkeit, Öffentliche Kirche, Ökumene und Bewahrung der Schöpfung.


02.06.2014 / Landesbischof Bedford-Strohm
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