Ökumene und Religionen

Juden und Christen

Zwei menschliche Köpfe

Christlich-jüdischer Dialog: Aufs Ganze gesehen stehen wir erst am Anfang des Weges.

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Das christlich-jüdische Verhältnis ist eine einzigartige Beziehung, so Axel Töllner, Beauftragter für christlich-jüdischen Dialog.

Die Achtung vor ihren religiösen Überzeugungen sind wir allen Menschen schuldig. Das christlich-jüdische Verhältnis ist einzigartig: Wenn wir als Christen zu Gott als „Unser Vater“ beten, dann meinen wir den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, zu dem auch Juden beten. Wenn wir uns als Christen zu Jesus bekennen, dann bekennen wir uns dazu, dass er als Jude geboren ist, jüdisch lebte und als Jude gestorben ist. Wenn wir uns als Christen auf unsere Bibel berufen, dann meinen wir zu einem großen Teil dieselben Schriften, die auch Juden bis heute mit ihrer Tradition heilig halten.

Zitat

Es geht uns Christen etwas an, dass jüdische Einrichtungen in Bayern bisher nur hinter Panzerglas und unter Polizeischutz existieren können. Es geht uns Christen etwas an, dass Synagogen bei uns nicht so offen stehen können wie unsere Kirchen."

Axel Töllner

Das christlich-jüdische Verhältnis gehört für uns also ins Zentrum unseres Glaubens, es ist eine „zentrale Lebensfrage“ für unsere Kirche und unsere Theologie. Zur Wahrheit unserer Geschichte gehört es auch, dass unsere christliche Tradition diese Lebensfrage Jahrhunderte lang weithin vergessen, umgedeutet oder sogar zurückgewiesen hat. Zu einem Umdenken kam es erst nach der Vernichtung der europäischen Juden im 20. Jahrhundert. Das hat die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern 1998 in ihrer Erklärung „Christen und Juden“ zum Ausdruck gebracht. Dem trägt auch die Ergänzung des Grundartikels im Jahr 2012 Rechnung.

Wie wir den christlich-jüdischen Dialog verstehen:

Seit 1945 sind zahlreiche Kontakte auf verschiedenen Ebenen unserer Landeskirche gewachsen. Von Anfang an gab es Juden, die bereit waren für die Begegnung mit Christen. Trotz aller schlechten Erfahrungen ebneten sie seitdem den Weg für einen Neuanfang. Heute besuchen viele Konfi-Gruppen, Schulklassen, Studierende oder andere Gemeindegruppen die jüdischen Gemeinden in Bayern. Oft ist das Interesse größer als sie es bewältigen können.

Kirchengemeinden kümmern sich um die jüdische Geschichte und das Gedenken vor Ort. Evangelische Bildungswerke veranstalten Vortragsabende und Exkursionen. Der Verein Begegnung von Christen und Juden fördert den theologischen Austausch und unterstützt Begegnungen organisatorisch und finanziell. Die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit arbeiten oft eng mit unseren Dekanaten, Kirchengemeinden und Bildungswerken zusammen. Seit 2014 gibt es die Stelle eines Landeskirchlichen Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog beim Institut für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.

Der christlich-jüdische Dialog ist zu oft ein Gebiet für einige Spezialisten. Aufs Ganze gesehen stehen wir erst am Anfang des Wegs. Manchen scheint anderes wichtiger: Es gibt ja nicht so viele Juden bei uns – von 12,5 Millionen Menschen in Bayern sind rund 20.000 jüdisch. Doch die Bedeutung des christlich-jüdischen Verhältnisses hängt nicht ab von der Zahl jüdischer Menschen. Sie geht alle Christen etwas an, weil dieses Verhältnis den Kern ihres Glaubens betrifft. Dabei geht nicht darum, nach dem Holocaust unseren Glauben in eine politisch korrekte Sprache zu kleiden. Es geht vielmehr darum, neu zu entdecken, was unseren christlichen Glauben wirklich trägt. Wir glauben, dass wir unsere christlichen Überzeugungen ausdrücken können, ohne das Judentum herabzusetzen. Wir glauben, dass Christen mehr über ihren Glauben erfahren, wenn sie wahrnehmen, was sie mit dem Judentum verbindet und was sie von ihm trennt.

Welche Stolpersteine auf dem Weg liegen:

Alte Vorurteile tauchen in neuem Gewand auf. Auch unter evangelischen Christen in Bayern wirken nach wie vor judenfeindliche Vorstellungen nach. Juden treffen bei Veranstaltungen in Kirchengemeinden auf Vorbehalte und Klischees, die sie schon überwunden glaubten. Gerade die Verschärfung des Konflikts im Mittleren Osten bringt auch bei engagierten Gemeindegliedern einseitige Schuldzuweisungen zutage. Juden sehen sich wieder einer neuen Spielart des Jahrhunderte alten Vorwurfs ausgesetzt, dass sie an allem schuld sind.

Es geht uns Christen etwas an, dass jüdische Einrichtungen in Bayern bisher nur hinter Panzerglas und unter Polizeischutz existieren können. Es geht uns Christen etwas an, dass Synagogen bei uns nicht so offen stehen können wie unsere Kirchen.

All das zeigt, dass wir erst am Beginn des Neuanfangs stehen. Jüdische Gesprächspartner registrieren anerkennend, wenn wir Christen uns ernsthaft um ein neues christlich-jüdisches Verhältnis bemühen. Sie nehmen auch aufmerksam wahr, wenn sich das Klima ändert.

Zur Person

Axel Töllner, Bild: © bcj Bayern

Dr. Axel Töllner

ist landeskirchlicher Beauftragter für christlich-jüdischen Dialog in der ELKB und Geschäftsführer des An-Instituts für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.


20.04.2015 / Axel Töllner
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