Krieg und Frieden

„Krieg ist nie gerecht!“

Teddybär

Krieg ist nie gerecht, sondern immer nur zerstörerisch.

Bild: iStockPhoto / MirAgareb

Auch wenn die Lehre vom „gerechten Krieg“ zur Eingrenzung militärischer Konflikte entwickelt wurde – Krieg kann niemals als „gerecht“ bezeichnet werden, sagt Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Bis Ende der 1980er Jahre war die Vorstellung, Krieg überhaupt noch als christlich denkbare Lösung zu sehen, allgemein geächtet. Die Lehre vom gerechten Krieg galt als endgültig überwunden. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes veränderte sich die Lage. Schon der Golfkrieg zu Beginn der 90er Jahre hatte neue Fragen aufgeworfen. Muss man einem brutalen Diktator nicht aus ethischen Motiven heraus entgegentreten, noch dazu, wenn er Israel mit einem neuen Holocaust droht? Die Friedensbewegung war schon damals gespalten. Noch brisanter wurde die Frage nach dem christlich legitimen Gebrauch militärischer Gewalt im Konflikt auf dem Balkan, zunächst in Bosnien und dann im Kosovo. Inzwischen liegen weitere Kriege in Afghanistan und im Irak hinter uns, in denen "christliche Nationen", allen voran die USA, eine zentrale Rolle spielten.

In den friedensethischen Debatten um aktuelle Fälle militärischer Gewaltanwendung stehen sich in der Regel Gegner und Befürworter des in Frage stehenden Militäreinsatzes gegenüber. Dass die inhaltliche Substanz der Debatte mit einer solch groben Gegenüberstellung nur begrenzt wiedergegeben wird, zeigt sich, wenn wir die dabei auftretenden Argumentationstypen etwas genauer betrachten. Folgende vier Positionen bilden den Rahmen der friedensethischen Debatte:

Eine Landkarte der friedensethischen Diskussion

Unbedingter Pazifismus

Er geht davon aus, dass es unbedingte Gesetze gibt, die durch nichts außer Kraft gesetzt werden können. Für diesen Pazifismus scheidet die Anwendung militärischer Gewalt von vornherein aus, weil die unbedingte Pflicht zur Gewaltfreiheit dies ausschließt. Maßgeblich für seinen Lösungsvorschlag ist von daher nicht, welches Ergebnis die Analyse von Vorgeschichte und Verlauf des in Frage stehenden Konfliktes und der damit verbundenen Zielkonflikte ergibt, sondern maßgeblich ist allein die Vorgabe, dass alle aktiven Schritte im Umgang mit diesem Konflikt von Gewaltfreiheit geprägt sein müssen. Sofern der unbedingte Pazifismus sich christlicher Motivation verdankt, verweist er häufig auf biblische Texte, von denen her die Gewaltfreiheit als verbindliche Lebensorientierung angesehen wird. Besonders die Gebote der Bergpredigt Jesu werden hier häufig angeführt.

Argumentativer Pazifismus

Auch er führt im Ergebnis zur Position prinzipieller Gewaltfreiheit. In der Begründung geht er aber durchaus anders vor. Er bezieht nämlich neben biblischen Normen bewusst auch politische Analysen in seine ethischen Begründungen ein. Gewalt – so das zusammenfassende Ergebnis solcher Analysen – hat noch nie zum Frieden geführt, weil sie immer neue Gewalt sät. Deswegen ist die biblische Position der Gewaltfreiheit auch die einzig vernünftige. Die Position des argumentativen Pazifismus lässt jedenfalls die Möglichkeit offen, auf dem Hintergrund neuer historischer Erfahrungen und bei überzeugenden Argumenten Ausnahmen vom Verbot der Gewaltanwendung zuzulassen.

Der Verantwortungspazifismus

Diese Bezeichnung zeigt schon: Auch diese Position nimmt für sich in Anspruch, Frieden zu stiften. Deswegen vertritt sie einen klaren Vorrang der Gewaltfreiheit. Sie geht aber davon aus, dass die Gewaltfreiheit des eigenen Handelns nicht das einzige ethisch bindende Prinzip ist. Da es aber einen besonderen Rang einnimmt, ist die Anwendung von Gewalt eine „unmögliche Möglichkeit“, also etwas, das es eigentlich gar nicht geben darf, das aber in bestimmten Situationen akuter Not nicht ausgeschlossen werden kann. Gewaltanwendung ist auch nach dieser Position nie gerechte Gewalt, sondern immer mit Schuld verbunden, sie kann deswegen nur in Ausnahmefällen ethisch erlaubt sein.

Der gerechtigkeitsethische Ansatz

Für diesen Ansatz nimmt das Ziel der Gewaltfreiheit keinen hervorgehobenen Rang ein. Ebenso verbindlich ist für ihn etwa die Option für die Schwachen, das Eintreten für die Würde des Menschen oder der Schutz anderer vor Gewalt. Wenn zwischen diesen Prinzipien Konflikte entstehen, muss die Analyse der Situation ergeben, ob Gewaltanwendung zulässig oder gar geboten ist. Von dem Verantwortungspazifismus unterscheidet sich diese Position vor allem dadurch, dass sie sich nicht scheut, Gewaltanwendung unter Umständen auch zu rechtfertigen. Nach ihr kann in bestimmten Situationen auch und gerade der schuldig werden, der Hilfe mit militärischen Mitteln unterlässt. Diese Position muss als Grenze dessen gesehen werden, was aus der Sicht des christlichen Glaubens überhaupt als legitim erscheinen kann. Dahinter steht eine lange christlich-ethische Tradition, die weit über den Raum der Kirche hinaus Wirksamkeit entfaltet hat: die „Lehre vom gerechten Krieg“.

Die Lehre vom gerechten Krieg

Weil die Lehre vom gerechten Krieg so oft in der Geschichte zu legitimatorischen Zwecken missbraucht worden ist, ist es nicht verwunderlich, dass viele Christinnen und Christen in der Regel allein schon dann Protest anmelden, wenn der Begriff des gerechten Krieges überhaupt nur in den Mund genommen wird. Und in der Tat: Dass ein Krieg jemals „gerecht“ sein soll, wenn er doch immer Zerstörung von Kultur, von Natur und vor allem von menschlichem Leben bedeutet und in jedem Fall viel Leid mit sich bringt, muss bei allen Widerspruch wecken, die sich dem Leben verpflichtet wissen. Deswegen ist es richtig, dass die Kirchen sich nach langen ökumenischen Diskussionen explizit von der Lehre vom gerechten Krieg verabschiedet und sich der Entwicklung einer „Lehre vom gerechten Frieden“ verschrieben haben.

Spätestens die Kriege in Bosnien und im Kosovo haben indessen gezeigt: Eine „Lehre vom gerechten Frieden“ reicht für die Friedensethik nicht aus. Die politisch Verantwortlichen können vor Notsituationen akuter Gewaltanwendung stehen, deren Ende erst wieder den Weg frei macht für die Entwicklung eines gerechten Friedens. Ich plädiere deswegen dafür, zwar die Lehre vom gerechten Krieg aufzugeben, den ethischen Erfahrungsschatz, der hinter den in ihr entwickelten Kriterien steht, aber zu nutzen. Denn eines ist der Lehre vom gerechten Krieg entgegen manchem Vorurteil zuzugestehen: Sie ist nicht entwickelt worden, um Kriege zu rechtfertigen, sondern um die Fälle einzugrenzen, in denen sich kriegführende Herrscher auf legitime Gründe berufen konnten.

Vor allem fünf Kriterien lassen sich in den unterschiedlichen Ausformungen der Lehre vom gerechten Krieg bei Augustin, Thomas von Aquin, Francisco de Vitoria, Martin Luther und Francisco Suarez identifizieren:

„Legitime Macht“

Der Krieg muss von einer legitimen Autorität (früher der Fürst oder der Souverän eines Staates) erklärt werden.

„Gerechter Grund“

Es muss ein gerechter und schwerwiegender Grund vorliegen, zum Beispiel die Störung des Friedens durch äußeren Rechtsbruch und fremde Gewalt.

„Äußerstes Mittel“

Der Krieg darf nur als letztes Mittel eingesetzt werden. Kein Krieg kann gerecht sein, solang noch irgendeine Chance besteht, den Konflikt durch Verhandlungen oder andere nicht-militärische Mittel zu lösen.

„Richtige Absicht“

Der Krieg muss mit einer gerechten Absicht geführt werden. Sein ehrlicher Zweck muss es sein, Frieden und Gerechtigkeit wiederherzustellen. Hier kommt also die tatsächliche Motivation für den Krieg ins Spiel.

„Prinzip der Verhältnismäßigkeit“

Das zu erreichende Gute muss das Schlimme, das zur Herbeiführung des Guten eingesetzt werden muss, klar überwiegen. Wenn die Leiden und Verwüstungen, die der Krieg hervorruft, durch das angestrebte Ziel nicht mehr gerechtfertigt werden können, wird ein ansonsten gerechter Krieg zu einem ungerechten Krieg.

Es entspricht dem Sinn dieser fünf Kriterien, dass sie als kritische Prüfkriterien für jede ins Auge gefasste Anwendung militärischer Gewalt dienen. Anders gesagt: Wenn ihre Erfüllung in Zweifel steht, gilt die Regel „in dubio pro pace“ – im Zweifel für die Gewaltfreiheit. Die Kirche – so sagt Martin Luther – hat unablässig „vom Kriege zum Frieden“ zu raten.

Wenn man diese Kriterien auf aktuelle Konfliktsituationen – beispielsweise den Afghanistan-Krieg (siehe ausführlichen Vortrag) anwendet, dann zeigt das, dass selbst bei einem Krieg, der bei der Abstimmung im Bundestag 2001 befürwortet wurde, die Wirksamkeit militärischer Maßnahmen zur Abwehr von Unrecht überschätzt wurden.

Zweitens kann angesichts des Leides, das durch militärische Maßnahmen in jedem Falle verursacht wird, Krieg in keinem Fall als „gerecht“ bezeichnet werden. Das gilt auch dann, wenn im Sinne des Verantwortungspazifismus Gewalt als direkte Nothilfe nicht zu vermeiden ist.

Konsequenzen für die Politik

Systematische Weiterentwicklung gewaltfreier Methoden des Protests gegen Menschenrechtsverletzungen

Die Frage direkter Nothilfe muss unterschieden werden von der Frage, wie die Bedingungen zur Entwicklung von Frieden aussehen können. Frieden schaffen kann man nur ohne Waffen. Die Ansätze zum Aufbau ziviler Friedensdienste auch in der Bundesrepublik sind auszubauen. Die in Kirchen, religiösen Gemeinschaften und Friedensgruppen vorhandene Kompetenz in gewaltfreier Konfliktbearbeitung kann dazu genutzt werden.

Grundlegende Veränderung des fragwürdigen Umgangs mit Geld

Für militärische Interventionen werden innerhalb kürzester Zeit Milliardenbeträge zur Verfügung gestellt. Wenn dieses Geld schon im Vorfeld von militärischen Konflikten aufgebracht würde, könnten viele Menschenleben gerettet und viel Leid verhindert werden. Frieden kann nicht von sozialer Gerechtigkeit getrennt werden.

Anerkennung der Autorität der UNO als Vertretung der Weltgemeinschaft

Zudem muss das Recht als Grundlage des internationalen Zusammenlebens gestärkt und durchsetzungsfähig gemacht werden. Die Handlungsmöglichkeiten und die Ausstattung der UNO müssen so verbessert werden, dass die UNO polizeiliche Aufgaben in Übereinstimmung mit ihrem Statut selbst übernehmen kann, anstatt solche Aufgaben bestimmten Militärbündnissen zu überlassen.

Konsequenzen für die Kirchen

Gebet für den Frieden

Die Kirchen sind der Ort, an dem Erschrecken über das Leid, das Menschen sich antun, Ratlosigkeit im Hinblick auf die Lösungswege und Hoffnung auf den Sieg des Lebens zum Ausdruck gebracht werden können. Wer Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt bekennt, der wird auch das Gebet für den Frieden als aktive Friedensarbeit verstehen. Das Gebet kann auch als gelebter Widerstand gegen die Abstumpfung angesichts der Bilder von Krieg und Gewalt verstanden werden, die im Zeitalter der Massenmedien den Alltag begleiten.

Schärfung des Bewusstseins für Schuld und Vergebung

Jede Kriegsbegeisterung steht im Widerspruch zum Bekenntnis zu Jesus Christus. Die Zufügung von Leid, auch wenn sie zum Schutz des Rechts der Schwachen geschieht, bedeutet Schuld. Der Beitrag der Kirchen zur öffentlichen Debatte ist gerade in dieser Hinsicht unverzichtbar.

Vielfalt und Dialog stärken

Kirche muss in ihrem Innern die Kommunikation zwischen ihren Gliedern aus unterschiedlichen Nationen und ethnischen Gruppen stärken. Ernstzunehmen, dass die Kirche Jesu Christi von ihrem ureigenen Grund her eine ökumenische Kirche ist, zählt zu den wichtigsten Beiträgen, die die Kirchen zu einer Kultur weltweiter Versöhnung und Konfliktprävention leisten können. Das Gleiche gilt für den interreligiösen Dialog. Die Kirche kann helfen, Vorurteile gegen andere Religionen auszuräumen, und gemeinsam mit den Vertretern anderer Religionen nach Wegen für den Frieden suchen und für sie öffentlich eintreten.

Engagement als weltweiter Akteur in der Zivilgesellschaft

Unter den vielen Akteuren, die weltweit an den friedenspolitischen Aufgaben arbeiten, bildet die Kirche eine einzigartige Ressource. Kirche ist ein weltweites Netzwerk mit universalem Horizont und lokaler Verwurzelung. Sie ist die geborene öffentliche Anwältin für ein internationales Recht, das den Frieden zu fördern vermag, denn sie lebt in ihren unterschiedlichen nationalen Ausprägungen gemeinsam aus der Kraft Christi, von dem der Epheserbrief sagt: „Er ist unser Friede“ (Eph 2,14).

Zur Person

Landesbischof Bedford-Strohm, Bild: © ELKB / Poep

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er macht sich stark für Themen wie Soziale Gerechtigkeit, Öffentliche Kirche, Ökumene und Bewahrung der Schöpfung.


02.06.2014 / Landesbischof Bedford-Strohm
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