Leben in der Einen Welt

Teilhabe am weltweiten Ressourcenreichtum

Globus

Wir haben es in der Hand, die gerechte Teilhabe am weltweiten Ressourcenreichtum zu fördern.

Bild: iStockPhoto / jaminwell

Eine neue Vision macht sich breit: von einem Wohlstand, der andere nicht arm macht. Und bei dem es um Glück geht – so Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Warum beschäftigen sich die Kirchen mit ökonomischen Fragen? Warum mischen sie sich in die von großer fachlicher Komplexität gekennzeichneten Diskussionen um Energiewende, Umgang mit dem Klimawandel oder ökologische Umstellung von Produktionsvorgängen ein?

Die Antwort ist ziemlich einfach und wenig überraschend: Weil Christen die Welt als Schöpfung Gottes verstehen und sich aufgrund ihrer Gottesbeziehung für Gottes Schöpfung mitverantwortlich fühlen. Wer die außermenschliche Natur als Schöpfung Gottes versteht, der kann sie nicht nur als Sache behandeln. Und wer jeden Menschen als Geschöpf Gottes sieht und ihm deswegen gleiche Rechte zubilligt, der sucht nach einem fairen Ausgleich der eigenen Lebensmöglichkeiten mit den Lebensmöglichkeiten zukünftiger Generationen.

Die globale ökologische Herausforderung

Verschiedene wissenschaftliche Expertisen haben in den verganenen Jahren die Dringlichkeit der Wahrnehmung dieser fortgesetzten Zerstörung unterstrichen, vom neuen Bericht des Club of Rome (2052. Der neue Bericht an den Club of Rome: Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre) über das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) von 2011 mit dem Titel „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ bis hin zur entsprechenden Studie des World Wild Life Funds (Living Planet Report) sind sie übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass es einer grundlegenden ökologischen Umorientierung der Wirtschaft bedarf, wenn wir auch in Zukunft gut leben wollen.

Zitat

Die ethischen Grundlagen des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung finden im Schöpfungsglauben sowie in der biblischen Vision der Gerechtigkeit eine tiefe Verankerung. … Für eine zukunftsgerechte Gesellschaftsgestaltung müssen ökonomische Prozesse sozial und ökologisch verträglich gestaltet werden.“

Gemeinsame Erklärung des Rats der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zu Rio plus 20, Juni 2012

Neben notwendigen Veränderungen in Politik und Wirtschaft stehen wir auch als Einzelne vor der großen Aufgabe, neu zu definieren, was wir unter „Wohlstand“ verstehen wollen. Ist es Wohlstand, wenn wir uns die große Fernreise leisten können? Ist es Wohlstand, wenn wir neue Möbel kaufen, obwohl die alten eigentlich noch gut sind, oder neue Kleider, obwohl der Schrank schon voll ist? Oder ist es viel mehr Wohlstand, wenn wir wieder Zeit haben füreinander, wenn wir am Wochenende nicht arbeiten müssen, sondern mit Freunden einen Ausflug machen können?

Das alles sind offene Fragen, die jeder und jede, je nach Vorlieben, vielleicht auch unterschiedlich beantworten wird. Und wir werden dabei an allen Ecken und Enden auf Spannungen und Widersprüche im eigenen Leben stoßen, die nur schwer aufzulösen sind. Die Widersprüche wahrzunehmen, könnte indessen schon der erste Schritt zum Annehmen der Herausforderungen sein. Wir stehen vor der Aufgabe, den Wohlstand so neu zu definieren und die wirtschaftlichen Mechanismen so zu verändern, dass unser gutes Leben nicht länger auf der Zerstörung der Erde beruht.

Um eine Verständigung über Leitplanken des Umsteuerns in der Weltwirtschaft zu gewinnen, die sowohl die ökologische Herausforderungen annehmen als auch das Thema soziale Gerechtigkeit einbeziehen, trafen sich im Februar 2013 Repräsentantinnen und Repräsentanten der EKD-Sozialkammer und der Kirchen in Südafrika sowie Ökonomen und Vertreter anderer Professionen aus beiden Ländern – zu ihnen gehörte auch der deutsche „Wirtschaftsweise“ Prof. Dr. Peter Bofinger - zu einer Konsultation in Stellenbosch/Südafrika.

Der „Zweite Stellenbosch-Konsens“ –
ein Korridor für die Zukunft

Der nach einer früheren Konsultation zur Globalisierung nun als „Zweiter Stellenbosch-Konsens“ bezeichnete Abschlusstext benennt das, was aus der Sicht der Kirchen trotz der völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontexte und über die politischen Lager hinweg gemeinsam gesagt werden kann.

„Jeder Mensch auf dieser Erde“ - so heißt es da - „hat das gleiche Recht auf Teilhabe an dem weltweiten Reichtum natürlicher Ressourcen. Das gegenwärtige Ausmaß an Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist unvereinbar mit diesem gleichen Recht. Dieses Recht setzt dem privaten Eigentum an natürlichen Ressourcen und dem Handel mit ihnen Grenzen.“ Das Dokument fordert eine grundlegende Transformation unserer globalen Wirtschaft hin zu einer kohlenstoffarmen Entwicklung und einem neuen ressourcenverbrauchsarmen Wohlstandsmodell. Da die Kosten für unseren gegenwärtigen Lebensstil nicht einfach auf die Menschen in ärmeren Ländern oder auf zukünftige Generationen verschoben werden könnten, sei es die Verantwortung der Reichen, die Armen in jeder Hinsicht in dem notwendigen Transformationsprozess zu unterstützen. Diejenigen, die Schaden an der Umwelt oder an anderen Menschen verursachten, müssten auch die Kosten tragen.

Ausdrücklich wird den Kirchen die Aufgabe zugeschrieben, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen: „Als Kirchen verpflichten wir uns durch konkretes Handeln wie der bewussten Veränderung unserer Konsummuster, unserem Umgang mit Mobilität oder dem Energieverbrauch in unseren Gebäuden zu dem notwendigen Wandel beizutragen. Durch Wort und Tat verpflichten wir uns zu einer Vision erfüllten Lebens, die ein Leben in Würde für alle Menschen und ein Verhältnis zur Natur einschließt, das ihren Charakter als Schöpfung Gottes widerspiegelt.“

Zur Person

Landesbischof Bedford-Strohm, Bild: © ELKB / Poep

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Er macht sich stark für Themen wie Soziale Gerechtigkeit, Öffentliche Kirche, Ökumene und Bewahrung der Schöpfung.


02.06.2014 / Landesbischof Bedford-Strohm
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