Christ sein

Authentische Existenz im Glauben

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern

Anfang April jährt sich der Todestag Dietrich Bonhoeffers zum 70. Mal.

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-R0211-316 / CC-BY-SA Bundesarchiv, Bild 183-R0211-316 / CC-BY-SA

In einer aktuellen Position zu Ehren Dietrich Bonhoeffers begründet Landesbischof Bedford-Strohm, "warum es für Jugendliche heute lohnend sein kann, sich mit Bonhoeffer zu befassen".

Dietrich Bonhoeffer ist ein Phänomen. Kaum ein anderer Theologe der jüngeren Kirchengeschichte inspiriert die Menschen, gerade auch junge Menschen, bis heute so sehr wie Bonhoeffer. Er ist der wahrscheinlich weltweit am meisten gelesene deutsche Theologe des 20. Jahrhunderts. Und seine Gedanken faszinieren die Menschen in ganz unterschiedlichen Teilen der Welt. In Südafrika waren seine Schriften Kraftquelle vieler Menschen, die sich gegen das rassistische Apartheid-Regime engagierten. Seine authentische Existenz im Glauben und sein christliches Zeugnis im Widerstand gegen den Nationalsozialismus bis zur Hingabe seines Lebens bedeuteten für Menschen überall auf der Welt Inspiration, die sich in Situationen der Unterdrückung für die Menschenwürde einsetzten.

Die prophetische Klarheit seiner Gedanken

Und noch etwas ist erstaunlich: Bonhoeffer beeindruckt die Menschen jenseits der Frömmigkeitsstile. Evangelikale, die beeindruckt sind von der Authentizität seiner Frömmigkeit, beziehen sich genauso auf ihn wie politisch engagierte Christinnen und Christen, die angezogen sind von seiner Weltzugewandtheit. Und sie haben Recht: Es ist genau die Verbindung dieser beiden Aspekte, die Bonhoeffer so besonders macht. Gerade weil die Frömmigkeit für ihn so bestimmend war, engagierte er sich so leidenschaftlich in der Welt.

Als Grund für Bonhoeffers große Wirkung kann also beides gelten: die prophetische Klarheit seiner Gedanken und das daraus erwachsende politische Engagement genauso wie die Authentizität seines Glaubenszeugnisses. Das will ich anhand von fünf Aspekten exemplarisch deutlich machen.

Der erste Aspekt ist seine authentische Frömmigkeit. Sie zeigt sich in einem Brief an eine Freundin vom 27. Januar 1937 über seine eigene innere Entwicklung zu Beginn der dreißiger Jahre. Bonhoeffer schreibt: „Ich stürzte mich in die Arbeit in sehr unchristlicher und undemütiger Weise. Ein wahnsinniger Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer... Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute verändert hat und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Das ist auch wieder sehr schlimm zu sagen. Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und geschrieben – und ich war noch kein Christ geworden, sondern ganz wild und ungebändigt mein eigener Herr. Ich weiß, ich habe damals aus der Sache Jesu Christi einen Vorteil für mich selbst ... gemacht. Ich bitte Gott, dass das nie wieder so kommt...“ (DBW 14, 112).

Man staunt immer wieder über Bonhoeffers nüchterne Selbstwahrnehmung und schonungslose Selbstkritik, die nur aus seinem tiefen Glauben heraus verständlich wird. Er konnte sich so nüchtern selbst wahrnehmen, weil er sich in Christus unbedingt angenommen und getragen wusste.

"Aus allem Gutes entstehen lassen"

Konsequenz aus dieser authentischen Frömmigkeit ist etwas Zweites: die inspirierende Zuversicht, die in vielen seiner Texte zum Ausdruck kommt und die uns heute umso mehr beeindruckt, als sie sich auch und gerade in Situationen persönlicher Bedrängnis und persönlichen Leidens ausdrückt. Aus dem Gefängnis heraus schreibt er zur Jahreswende 1943:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf Ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf richtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Kraft für öffentliches Engagement

Und ebenfalls aus dem Gefängnis heraus bringt er auf den Punkt, was für ihn Zuversicht bedeutet: „Wenn morgen der jüngste Tag anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen. Vorher aber nicht.“

Diese aus dem Glauben kommende Zuversicht – das ist das Dritte – versteht er nicht im Sinne einer geistlichen Innerlichkeit, sondern als Kraft für öffentliches Engagement. Glaube hat nie nur Konsequenzen für die persönliche Moral, sondern immer auch für verantwortliches Handeln in der Welt. In seiner Ethik schreibt er: „Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach seinen Kräften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf Öffentlichkeit weiß er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetruges kann er seine private Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten.“

Schon früh hat Bonhoeffer entsprechend gehandelt. Besonders zeigt sich das in seinem friedensethischen Engagement in der Ökumene, das ich als vierten Aspekt nennen möchte. Berühmt geworden sind seine Worte bei der ökumenischen Friedenskonferenz von Fanö 1934:

Welt der Menschen in Bewegung gebracht

„Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist, dass alle Völker darüber froh werden müssen? Der einzelne Christ kann das nicht – er kann wohl, wo alle schweigen, die Stimme erheben und Zeugnis ablegen, aber die Mächtigen der Welt können wortlos über ihn hinwegschreiten. Die einzelne Kirche kann auch wohl zeugen und leiden – ach wenn sie es nur täte – aber auch sie wird erdrückt von der Gewalt des Hasses. Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.“

Die Worte Bonhoeffers spielten eine zentrale Rolle, als der Weltkirchenrat 1983 bei seiner Vollversammlung in Vancouver zu einem „konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“ aufrief und damit an vielen Orten der Welt Menschen in Bewegung brachte und zum Engagement in der Welt motivierte. Die dabei verfolgten Anliegen bleiben bis heute hochrelevant.

Viel zu wenig bekannt ist, und das ist der fünfte Aspekt, dass Bonhoeffer schon zu seiner Zeit nicht nur das Friedensthema intensiv verfolgte, sondern auch das Thema sozialer Gerechtigkeit.

Eintreten für Friede und soziale Gerechtigkeit

Besonders deutlich wird das in einer Passage aus dem Brief an seinen Bruder Karl Friedrich vom 14. Januar 1935, die zwar immer wieder zitiert worden, aber in ihrer Tragweite möglicherweise noch gar nicht verstanden ist. „Ich glaube zu wissen“ – sagt Bonhoeffer in diesem Brief – „dass ich eigentlich erst innerlich klar und wirklich aufrichtig sein würde, wenn ich mit der Bergpredigt wirklich anfinge, Ernst zu machen.“ Und wenig später fährt er fort: „Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzutreten. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich
Christus sei so etwas.“

„…der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus“ – eine stärkere Verknüpfung des Gerechtigkeitsthemas mit Christus als dem Eckstein der christlichen Existenz ist kaum vorstellbar. In diesen Worten blitzt eine Radikalität auf, die die Beunruhigung durch die biblischen Texte nicht, wie wir das immer wieder versuchen, weginterpretiert, sondern sich ihr aussetzt. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das hat ihr mir getan…“ (Mt 25,40) – dieser biblische Atem ist es, der Bonhoeffer zum kompromisslosen Eintreten für soziale Gerechtigkeit als integraler Teil des Christuszeugnisses inspiriert.

Christenheit entschiedener auf Seite der Schwachen

Und in einer Predigt in London über 2. Kor 12,9 fordert er die Gemeinde schon 1934 auf, den Blick von unten einzunehmen, der in den Gefängnisbriefen dann noch einmal so explizit zur Sprache kommen sollte. Das Leben – so prognostiziert er - wird ein anderes werden. Es wird uns unlösbar mit den Armen und Unterdrückten verbinden. Das Christentum – so formuliert er - „steht oder fällt mit seinem revolutionären Protest gegen Gewalt, Willkür und Machtstolz und mit seiner Verteidigung der Schwachen. Ich glaube, dass die Christenheit eher zu wenig tut, dies klarzumachen als zuviel. Die Christenheit hat sich viel zu leicht der Anbetung der Macht angepaßt. Sie sollte vielmehr Ärgernis erregen, die Welt viel stärker schockieren als sie es jetzt tut. Die Christenheit sollte sich viel entschiedener auf die Seite der Schwachen stellen, als auf das eventuelle moralische Recht der Starken Rücksicht zu nehmen.“

Die genannten fünf Aspekte im Denken und Handeln Dietrich Bonhoeffers zeigen, warum er insbesondere für Jugendliche bis heute so relevant ist. Authentische Frömmigkeit, eine im Glauben gegründete Zuversicht, das daraus erwachsende Engagement für die Welt und das damit verbundene leidenschaftliche Eintreten für Frieden und soziale Gerechtigkeit sind alle miteinander Motive christlicher Existenz, die gerade junge Leute anziehen. Wer die Jahresprogramme der Evangelischen Jugend verfolgt, kann das sehr genau erkennen.

"Eine Inspiration für uns heute"

Unsere Kirche kann sich nur freuen, wenn junge Leute heute die Radikalität und gleichzeitige verantwortungsethische Besonnenheit, die das Leben und die Theologie Dietrich Bonhoeffers so sehr auszeichnen, neu aufnehmen und für heute fruchtbar machen. Dietrich Bonhoeffer bleibt eine Inspiration für uns heute. Und hoffentlich setzt er uns in Bewegung!

Zur Person

Heinrich Bedford-Strohm, Bild: © (c) ELKB / Poep

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm begründet, warum es für Jugendliche lohnend ist, sich mit der
Person Dietrich Bonhoeffers und seinem kompromisslosem Handeln zu befassen.

08.04.2015 / Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm