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Armut und Reichtum

Ein abgetretener und ein eleganter Herrenschuh

In Deutschland verfügen die reichsten zehn Prozent über 60 Prozent des Vermögens - dementsprechend hoch ist die Quote armutsgefährdeter Menschen.

Bild: iStockPhoto /Enrique Ramos Lopez

„Vermögen in Deutschland besonders ungleich verteilt“, so titelte die ZEIT am 21. Mai 2015 in ihrer Online-Ausgabe zur OECD-Studie, nach der die reichsten zehn Prozent in Deutschland über 60 Prozent des Vermögens verfügen. Auf der anderen Seite stieg die Quote der armutsgefährdeten Menschen zwischen 2005 und 2014 laut Statistischem Bundesamt von 14,7% auf 16,7 %. Und das obwohl so viele Menschen wie nie zuvor sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren.

Zitat

Solange es Menschen gibt, die in Armut leben, bleibt ein Überfluss auf der anderen Seite eine permanente Anfrage an eine Gesellschaft. Die zentrale, immer wieder neu zu thematisierende Frage lautet daher: Welche Spreizung zwischen Armut und Reichtum ist in einer Gesellschaft noch angemessen, die sich am Maßstab der gerechten Teilhabe ausrichten möchte?“

EKD-Denkschrift „Gerechte Teilhabe“ Ziffer 19, S. 24

13,3 Millionen Menschen oder jede sechste Person in Deutschland war von Armut bedroht. (Quelle: Statistisches Bundesamt) Die Zahl derjenigen, die von der Minimalsicherung „Hartz IV" leben müssen, ist seit deren Einführung im Jahr 2005 oberhalb der Marke von sechs Millionen Menschen geblieben. Für einzelne Bevölkerungsgruppen belegt zum Beispiel der Sozialbericht der bayerischen Staatsregierung ein zum Teil gravierend erhöhtes Armutsrisiko: So sind etwa Geschiedene (24,7 Prozent ) und dauernd getrennt Lebende (25,1 Prozent), Erwerbslose (68 Prozent) oder Alleinerziehenden-Haushalte (42 Prozent) besonders gefährdet.

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Stichwort: Armutsgefährdung

Die Armutsgefährdungsquote ist nach EU-Definition der Anteil der Personen, die mit weniger als 60 % des mittleren Einkommens der gesamten Bevölkerung auskommen müssen. Die Armutsgefährdungsschwelle ist der Betrag, ab dem man als armutsgefährdet gilt. Er lag Ende 2014 in Bayern für allein lebende Personen bei einem Nettoeinkommen von 998 Euro im Monat, für einen Mehrpersonenhaushalt (2 Erwachsene, 2 Kinder) bei 2096 Euro.

Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (kda) nimmt die „Option für die Armen“ aus der Perspektive der strukturellen Ursachen wahr. Da der Arbeitsmarkt für die weitaus meisten Haushalte der wichtigste Zugang zu eigener Lebensvorsorge darstellt, sind die Verteilung und die Bedingungen von Erwerbsarbeit zentrale Fragen der Armutsdebatte.Neben das Problem der Arbeitslosigkeit, die eine Hauptursache für Armut bleibt, ist in den vergangenen Jahren die zunehmende Lohnspreizung und Ausweitung prekärer Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor als Armutsursache getreten.

 Fast ein Viertel der abhängig Beschäftigten in Deutschland arbeiten für einen Stundenlohn unterhalb der Niedriglohnschwelle von 9,30 € pro Stunde. Das sind rund 8,1 Millionen Menschen, die im Schnitt 6,72 € in der Stunde verdienen. Ein besonders hohes Risiko geringer Stundenlöhne haben Minijobber/innen, unter 25-Jährige, gering Qualifizierte sowie befristet Beschäftigte. (Quelle: IAQ; Niedriglohnbeschäftigung 2013) Der momentan festgelegte Mindestlohn liegt mit 8.50 Euro unter der Niedriglohnschwelle und kann deshalb nicht als armutsfest gelten.

In Deutschland bezogen 2013 rund 1,3 Millionen Erwerbstätige zusätzlich zu ihrem Erwerbseinkommen aufstockende Sozialleistungen. In Bayern lag die Zahl dieser sogenannten „Aufstocker“ im April 2015 bei rund 87.000 Menschen. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit).

Der Einzelhandel zeigt als Beispiel die Zuspitzung dieser Entwicklung: Nach Daten der Bundesregierung gelang in dieser Branche im letzten Jahrzehnt in etwa eine Verdopplung der Gewinne, während die Lohnzuwächse in diesem Zeitraum mit etwa 16 % nur die Inflation ausglichen. Gut jede/r fünfte Verkäufer/in verdient brutto nicht einmal 8,50 Euro pro Stunde, 130.000 Beschäftigte im Einzelhandel sind „Aufstocker''. Die Steuerzahler subventionierten die Niedriglöhne dieser hochprofitablen Branche im Jahr 2011 mit 1,5 Milliarden Euro Sozialleistungen. (Initiative gegen Armutshandel)

Armutsrisiko Alter

Auch die Absenkung des Rentenniveaus wird zur Armutsursache. Insbesondere für Frauen ist das Rentenalter mit einem höheren Armutsrisiko verbunden als für Männer. So galten 2013 in Bayern 25 Prozent der Frauen ab 65 Jahren als armutsgefährdet, bei den gleichaltrigen Männern waren es knapp 19 Prozent. Die Bestandrenten wegen Alters betrugen 2013 in Bayern im Durchschnitt 539 für Frauen und 1.035 für Männer. Ursachen hierfür sind Unterschiede in der Rentenvorsorge. Da Frauen häufiger wegen Care-Aufgaben wie Kindererziehung und Pflege von Angehörigen ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder unterbrechen, häufiger in Teilzeit, in Minijobs und im Niedriglohnbereich arbeiten sowie generell schlechter entlohnt werden (Gender Pay Gap), erwerben sie durchschnittlich deutlich weniger Rentenansprüche als Männer. (Quelle: Destatis, Sozialbericht Bayern)

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Armut aus biblischer Perspektive

Die Bibel legt Christen das Schicksal der Armen ans Herz. Gott selbst ist auf der Seite der Armen: "Der Herr ist des Armen Schutz, ein Schutz in Zeiten der Not" (Ps 9,10) Kirchliches Handeln folgt der biblischen „Option für die Armen“. Diese zielt ab auf eine Gesellschaft, in der Menschen miteinander teilen: „Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande." (5. Mose 15,7ff.)Eine Haltung der Solidarität mit den Armen prägt biblisches Rechtsempfinden. "Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht den Elenden und Armen." (Spr 31,9)  Von Anfang an gehört die Armenfürsorge untrennbar zum christlichen Glauben dazu. Man denke nur an Jesu Rede vor dem Weltgericht: "Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." (Mt. 25,35;40)

Als problematisch erweist sich außerdem, dass die monatlichen Unterhaltssätze für Langzeitarbeitslose deutliche Versorgungslücken aufweisen. Nicht nur die Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand oder am sozialen und kulturellen Leben, sondern auch die Basisversorgung mit gesundem Essen, mit Haushaltsenergie, medizinischen Dienstleistungen oder Kleidung erscheint heute für viele Menschen im sog. Hartz-IV – Bezug gefährdet. Ein Ausdruck dieser Entwicklung ist die rasante Zunahme von Hilfsangeboten wie Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern oder Sozialkaufhäusern, auf die ein wachsender Kreis von Arbeitslosen, Erwerbstätigen, Alleinerziehenden, Kindern und Rentnern dauerhaft angewiesen ist.

Nicht zuletzt belasten steigende Mieten und Wohnungsnot überproportional Haushalte von Gering- und Mittelverdienern. Vor allem in den größeren Städten fehlt bezahlbarer Wohnraum für einkommensschwache Familien. Bis zu 50 Prozent ihres Einkommens müssen Haushalte mit geringem Einkommen für Wohnen zum Beispiel in München ausgeben. Dies hat zur Folge, dass einkommensarme Haushalte aus bestimmten Wohnbezirken verdrängt werden und die Miete in vielen Fällen Armut mit verursacht.

Schlussfolgerungen:

Um Armut zu vermeiden und zu überwinden, gilt es, …
• … den Niedriglohnsektor stark eingrenzen, damit Lohnsubvention nicht mehr nötig ist. Dazu sollte auch der Betrag für den gesetzlichen Mindestlohn auf ein armutsfestes Niveau, mindestens jedoch auf 10 Euro angehoben werden.
•… die Rentenabsenkungen zu stoppen und die Rentenversicherung als erste Säule der Alterssicherung zu stärken. Die Rente nach einem längeren Erwerbsleben muss deutlich über dem Niveau der Grundsicherung liegen. Die Kosten von Lebensrisiken wie Krankheit oder Pflegebedürftigkeit dürfen nicht immer weiter auf den Einzelnen verlagert werden.
• … die Grundsicherung auf ein bedarfsgerechtes Niveau, mindestens jedoch auf 500 Euro pro Person und Monat anzuheben.
• … den trotz Krisenzeiten wachsenden Reichtum stärker an den sozialen Aufgaben zu beteiligen und zur Lösung der Armutsproblematik heranzuziehen zum Beispiel durch die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die Erhebung einer Vermögensabgabe, höhere Spitzensteuersätze sowie Anpassungen bei Erbschafts- und Schenkungssteuer.
• … den sozialen Wohnungsbau wesentlich stärker zu fördern und voranzutreiben. Für den Bestandserhalt günstiger Wohnungen z.B. im Besitz der städtischen Wohnungsbaugesellschaften zu sorgen.

Zur Person

Dr. Johannes Rehm, Bild: © ELKB

Dr. Johannes Rehm

Dr. Johannes Rehm ist Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (kda) und Mitglied der Landessynode der ELKB. Die biblisch-theologische und wirtschaftsethische Grundlagenarbeit ist ihm besonders wichtig. Der kda hält Kontakt zu Organisationen und Verbänden in Arbeit, Wirtschaft und sozialer Sicherung. Er berät und unterstützt Gemeinden, Dekanate und gesamtkirchliche Dienste bei der Auseinandersetzung mit Arbeits- und Wirtschaftsfragen sowie bei sozialen Fragen. Sonntagsschutz sowie gerechte Löhne und Arbeitsbedingungen sind nur drei der zahlreichen Themen des kda.

09.03.2016 / ELKB