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Leseprobe

Manuel Ritter, München

Liederschatz-Bayern.de

"22+2" Lieder als Bekanntmachung zur Traditionsbildung im Liedgut

Anrührend war es, mitzuerleben, wie unbeirrt er die erste Strophe von »Macht hoch die Tür« sang. Ohne jede Notenkenntnis, ohne lesen zu können und allenfalls ahnend, wer mit diesem »Herrn der Herrlichkeit« gemeint sein könnte. Dafür aber mit einigen übereifrig verschluckten Endungen, was man dem zweijährigen Knirps in seinem Gitterbett nur zu gerne nachsah.

Zugegeben: Dies beschreibt eine Idylle aus einem Pfarrhaus. Aber sie zeigt doch, was möglich ist, wenn Kinder in natürlicher Weise früh mit Liedern in Kontakt kommen. Sie singen, was ihnen vorgesungen wurde. Sie singen, lange bevor sie verstehen, was sie singen. Sie singen, weil es ihnen Spaß macht und ihnen Teilhabe an Gemeinschaft eröffnet. Soviel verstehen offensichtlich bereits Zweijährige! Dagegen sehen die »Memorierstoffe« für Lieder in der Grundschule »Macht hoch die Tür« schon seit längerem nicht einmal für Zehnjährige vor!

Szenenwechsel: Besuch in einer Partnerschaftsgemeinde in Tansania. Kindergottesdienst in der Kirche. Ich vermisse die von Bayern her gewohnten Liederhefte zum Umhängen, Bilderbücher, Wachsmalkreiden, Ausschneidebögen und Scheren. Nichts von alledem! In den ersten fünf Reihen sitzen rund 80 Kinder zwischen vier und zwölf Jahren. Nach anderthalb Stunden Kindergottesdienst werden sie nichts anderes getan haben als nur zu singen! Ohne Wechsel von Sozialformen und Medien. Ohne Liederhefte, ohne Gitarren- oder Blockflötenbegleitung.
Alles singen sie auswendig, und ihr Gesang klingt nicht gedämpft wie durch ein vorgehaltenes Taschentuch, sondern hell, fröhlich und kräftig. Neben beschwingten einheimischen Liedern höre ich auch getragene Choräle aus der europäischen Tradition, die in Tansania noch immer zur festen Lied-Tradition gehören, möglicherweise dauerhafter als in den Ländern, von wo sie einmal herkamen.

Ein Projektantrag der Landessynode
Unter der etwas missverständlichen Überschrift »Nicht nur für harte Männer« hat Michael Bammessel in den »Nachrichten« 9/2011 kenntnisreich und überzeugend erläutert, was ihn bei der Landessynode 2008 in Straubing zu einem Projektantrag in Richtung eines Konzeptes zur Traditionsbildung im kirchlichen Liedgut veranlasst hat: die Beobachtung, dass trotz der anerkannten Bedeutung des Singens insbesondere für die Kirche der Reformation der Vorrat an Liedern, die noch gemeinsam gesungen werden können, immer weiter schmilzt.

Dabei erscheine der vielfach beklagte Traditionsabbruch im kirchlichen Liedgut weitgehend »hausgemacht«. Denn im Bemühen, jeweils die ganz passenden Lieder zu singen, entstünden oft voneinander separierte Sing-Gemeinden: Kindergartenlieder, Kindergottesdienstlieder, Grundschullieder, Jugendlieder, Erwachsenenlieder.

Wie ließe sich dem scheinbar ungebremst fortschreitenden Traditionsabbruch Einhalt gebieten? Ein Ausschuss bildete sich mit Vertretern aus Landessynode, Kirchenmusikerschaft, Gottesdienstinstitut Nürnberg, »Singen in der Kirche« – Verband evang. Chöre in Bayern e.V., Verband für christliche Popularmusik, Lux-Junge Kirche Nürnberg, Religionspädagogischem Zentrum (Grundschulreferat und Konfirmandenarbeit), Landesverband für Evangelische Kindergottesdienstarbeit, Landesverband Evangelische Kindertagesstätten und Fachabteilung C im Landeskirchenamt.

Man einigte sich auf die Fragestellung: Welchen 20 Liedern sollten Kinder und Jugendliche im Verlauf ihres Erwachsenwerdens möglichst wiederholt begegnen, damit eine Traditionsbildung im Liedgut möglich wird? Denn allen leuchtete ein: Ein Lied, das nur in einzelnen Phasen kirchlicher Sozialisation ein paarmal gesungen wird, kann so kaum je zu einem verlässlichen Lebensbegleiter durch Freud und Leid werden. Ein Lied dagegen, das in der Biographie wie ein »roter Faden« an bestimmten Punkten immer wieder mal begegnet und aufleuchtet, wird viel leichter zu einer Tragfläche und Sprachebene des eigenen Glaubens werden können.

Kriterien zur Liedauswahl
Den Vertretern und Vertreterinnen im Ausschuss verlangte die Auswahl der Lieder allerhand Kompromissbereitschaft ab: Sollten nur die ohnehin beliebtesten Lieder Unterstützung finden oder gerade auch die kurz vorm Vergessen stehenden? Vor allem eingängige Melodien und gefällige Texte mit eher flacher Theologie oder auch sperrige und widerständige Texte? Betont altes oder ausschließlich neueres Liedgut? So bedurfte es zunächst einer Einigung auf einen gemeinsamen Kriterienkatalog: Auszuwählende Lieder sollten die Mehrheit folgender Kriterien für sich geltend machen können.
Sie sollten:
– textliche und theologische Qualität besitzen;
– gut singbar sein, mit einprägsamer Melodie, welche vielleicht mehrfach verwendbar wäre;
– wiederholbar sein (z. B. in unterschiedlichen Altersstufen und Generationen) und generalisierbar (verwendbar für unterschiedliche Zwecke, Anlässe, Kirchenjahrszeiten);
– Bedeutung gewinnen können für Kindergarten, Grundschule, Gottesdienst und Kirchenjahr;
– Mehrere Anlässe abdecken: Kindergarten-Feier/Familiengottesdienst, Schulgottesdienst, öffentliche Trauerfeiern, Einweihungen, open-air-Veranstaltungen, Advent, Weihnachten und Jahreswende, Karfreitag, Ostern, Erntedank, Kasualien;
– emotional ansprechend sein;
– musikalisch wertvoll sein;
– populär bzw. volkstümlich sein (ein »Hit« auch für Menschen, die nicht regelmäßig im Gottesdienst sind).
– ökumenisch verbreitet sein.

Das Ziel von zunächst zehn Liedern war angesichts der Breite der Kriterienvorgabe nicht haltbar. Ergebnis war schließlich eine Liste »22+2« (zwei Kanons und 22 Lieder), die auch vom Landeskirchenrat und vom Landessynodalausschuss zustimmend zur Kenntnis genommen wurde:
Der Liederschatz »22+2«
– Kanon: Lobet und preiset ihr Völker (EG 337)
– Kanon: Vom Aufgang der Sonne (EG 456)
– Macht hoch die Tür (EG 1)
– Vom Himmel hoch, da komm ich her (EG 24)
- O du fröhliche, o du selige (EG 44)
– O Haupt voll Blut und Wunden (EG 85)
– Korn, das in die Erde (EG 98)
– Wir wollen alle fröhlich sein (EG 100)
– Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft (EG 564)
– Komm, Herr, segne uns (EG 170)
– Lobe den Herren, den mächtigen König (EG 317)
– Nun danket alle Gott (EG 321)
– Ich bin getauft auf deinen Namen (EG 200)
– Komm, sag es allen weiter (EG 225)
– Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346)
– Befiehl du deine Wege (EG 361)
– Vertraut den neuen Wegen (EG 395)
– Von guten Mächten (EG 637)
– Ins Wasser fällt ein Stein (EG 645)
– Sonne der Gerechtigkeit (EG 262)
– Die güldne Sonne voll Freud und Wonne (EG 449)
– Danke für diesen guten Morgen (EG 334)
– Der Mond ist aufgegangen (EG 482)
– Geh aus, mein Herz, und suche Freud (EG 503)

Keine abgeschlossene Auswahl
Nun wird die Diskussion (hoffentlich!) erst richtig losgehen: »Warum habt Ihr denn ausgerechnet dies Lied mit rein genommen und jenes links liegen gelassen?«, fragte man schon auf einer Pfarrkonferenz in Bamberg zum Thema. Doch die getroffene Auswahl erhebt keinesfalls den Anspruch einer perfekten und abgeschlossenen Auswahl. Noch viel weniger versteht sie sich als eine »kirchenamtliche« Vorgabe, was ab jetzt in der bayerischen Landeskirche nur noch zu singen sei!

Nein, es geht um einen ersten Beitrag zur Traditionsbildung im Liedgut. Diese Traditionsbildung muss dann freilich jeweils vor Ort geschehen in Kirchengemeinde, Kindergarten, Kindergottesdienst, Schulen und Konfirmandenunterricht. So möchte die Liste als Einladung verstanden werden, nachzudenken: Müssen bei uns aus Originalitätsdruck dauernd neue »altersgerechte« Lieder für jede Altersstufe gesucht und neu eingeübt werden? Wäre es nicht sinnvoller, zu einem gemeinsamen Schatz von Liedern zu gelangen, der dann von klein bis groß, von Jung und Alt gemeinsam gesungen werden kann?

Materialien und Hilfen zu den Liedern des Liederschatzes
Das Gottesdienstinstitut gibt ein kleines Liederheft mit dem Liederschatz der »22+2« Lieder heraus. Es soll vor allem im Bereich Kinderkirche, Kindergarten, Grundschule, Kirchengemeinde und Konfirmandenunterricht kostenlos verbreitet werden. Fortbildungen können Mut machen zur Anleitung im Singen.

In Kooperation des Landesverbandes für Evangelische Kindergottesdienstarbeit mit der Kinderkirche gibt es eine Doppel-CD für den Bereich Kinderkirche, Kindertagesstätten und Grundschule. Denn in diesem Bereich wird noch relativ viel mit dem Medium CD gearbeitet. Jedes Lied wird zweimal dargeboten: einmal als Kinderchorfassung und einmal nur mit Melodie zum Mitsingen.

Das Religionspädagogische Zentrum Heilsbronn erstellt eine Arbeitshilfe zu den 22+2 Liedern des Liederschatzes für die Schule mit Erschließungshilfen zum Lied und Informationen sowohl zum Autor wie zum Text. Außerdem entsteht eine website www.liederschatz-bayern.de. Auf ihr sind alle 22+2 Lieder zu finden mit einer Möglichkeit zum Anhören, außerdem die Liedtexte, Grundinformationen zu den Liedern sowie Links zu verschiedenen Klangversionen (»klassisch«, »Chor-Version« und »song-Version«). Hiermit sollen vor allem größere Schüler und Konfirmanden angesprochen werden.
Vor Pfingsten sollen die Materialien verfügbar sein, um gerade im Jahr 2012 als dem Jahr der Musik einen Beitrag zum Singen in der Kirche zu leisten.

»Strohfeuer« oder nachhaltiger Impuls?
Freilich zeigen ähnliche Projekte: Fruchten können diese Vorschläge nur, wenn sie in Kirchengemeinden, Kindertagesstätten, Kindergottesdienst-Teams, in Schulunterricht und Konfirmandenunterricht auch umgesetzt werden! Jedes Gemeindeaufbau-Konzept ließe sich einmal dahingehend überprüfen, ob in der Verwendung des Liedgutes lauter getrennte Altersgruppen-Gemeinden entstehen, die »nebeneinander her singen und leben« oder ob hier integrative Momente verstärkt werden können? Pfarrkonferenzen könnten sich gemeinsam mit Kirchenmusikern und Kirchenmusikerinnen auf geeignete Maßnahmen einigen.
Unzweifelhaft hatte die Reformation mit einem maßgeblich aufs Singen gegründeten Gottesdienst- und Gemeindekonzept durchschlagenden Erfolg. Das macht Mut. 

Manuel Ritter ist Referent für Spiritualität und Kirchenmusik im Landeskirchenamt