Vesperkirchen

Überwältigender Erfolg in Schweinfurt

Ein Mittag in der Vesperkirche Schweinfurt: Axel Mölkner-Kappl hat Gastgeber und Gäste mit der Kamera begleitet.

Damit hätten die Organisatorinnen nie gerechnet: Deutlich mehr als 10.000 Gäste besuchten an 22 Tagen die erste Schweinfurter Vesperkirche. 2016 soll es wieder eine Vesperkirche geben.

Geschirr klappert, Menschen unterhalten sich, ein paar feixen und lachen - in der evangelischen Schweinfurter St. Johanniskirche herrschte jeden Mittag reges Leben. An 22 Tagen - bis zum 8. Februar 2015 - fand dort die erste bayerische Vesperkirche statt.

Diakon Norbert Holzheid ist sprachlos. "Ich hatte schon mit Zuspruch gerechnet, aber dass so viele Menschen kommen, das ist wirklich toll", sagt der Schweinfurter hörbar überrascht. Das Organisations-Team um Norbert Holzheid hatte zunächst "mit etwa 200 Essen für das Wochenende" kalkuliert. "Am Freitag haben wir dann auf 250 erhöht, weil wir so viele positive Rückmeldungen bekommen haben, und heute mussten wir dann noch mal 20 Essen nachbestellen", erzählt er.

"Die Menschen wollen wiederkommen"

In Schweinfurt geht es - wie auch in Württemberg, wo es Vesperkirchen seit mehr als 20 Jahren gibt - um gemeinsames Essen und Begegnung. Dazu wurden Tische und Stühle in St. Johannis aufgestellt. An den 22 Tagen war täglich zwischen 11.30 Uhr und 14.30 Uhr jeder eingeladen, in die Kirche zu kommen: zum Essen, zum Reden, auch mit Seelsorgern.

 

Um 13 Uhr fand jeden Tag eine fünfminütige geistliche Besinnung statt. Damit es sich jeder leisten kann, gab es Vorspeise, Hauptgericht sowie Kaffee und Kuchen für einen symbolischen Preis von 1,50 Euro. 20 soziale Dienste aus der Region waren präsent, jeden Tag gab es das Angebot der persönlichen Seelsorge und der Sozialberatung.

Holzheid ist begeistert, dass schon bei der offiziellen Eröffnung das Publikum aus einer "typischen Vesperkichen-Mischung besteht". Gut Situierte säßen neben Hartz-IV-Empfängern, Junge neben Alten, treue Kirchgänger neben völlig unbekannten Gesichtern. "Das Schöne ist: Es sind auch Leute gekommen, die total gegen unser Projekt Vesperkirche waren", erläutert der Diakon. Einigen Schweinfurtern sei es zuerst nicht recht gewesen, dass im Kirchenraum gegessen wird. "Einige waren heute da, waren begeistert und wollen sogar wiederkommen", sagt er.

Stimmen zur Vesperkirche

Jeder darf kommen

"An der Vesperkirche finde ich gut, dass jedermann hinkommen darf"

Unverbindlicher Kontakt

"Mir gefällt die Vesperkirche, weil die verschiedensten Menschen die Möglichkeit haben, ganz unverbindlich in einem angenehmen Umfeld in Kontakt zu kommen." 

Für Menschen aller Religionen

"An der Vesperkirche finde ich gut, dass hier verschiedene Menschen aller Glaubensrichtungen (und auch Nichtgläubige) zwanglos ins Gespräch kommen!" 

Große Herzlichkeit

"Gäbe es überall so viel Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, würde es vielleicht keine Kriege mehr geben!" 

Wärme mit nach Hause nehmen

"Mir gefällt die Vesperkirche, weil ich mir wünsche, dass die Menschen ganz viel von der Wärme und Freundlichkeit mit nach Hause nehmen und weiterpraktizieren."

Nicht nur Tischgemeinschaft, sondern auch Information und Kultur wurde in den drei Wochen Vesperkirche groß geschrieben. So berichteten Flüchtlinge von ihren Erlebnissen, von Verfolgung und Heimatlosigkeit. Daneben gab es Benefizkonzerte von Pfarrerinnen und Pfarrern und von einer Inklusionsband "Mosaik".

Gesamtkosten liegen bei rund 90 000 Euro

Der bayerische Diakonie-Präsident Michael Bammessel hatte zuvor im Gottesdienst eine Öffnung der Kirche gefordert: "Wir haben oft eine einseitige Prägung als Mittelschichtgemeinde." In Vesperkirchen fänden aber auch Leute den Weg, die beim üblichen Angebot der Kirche "eher abwinken". Er betonte den Unterschied des Projektes zu Wärmestuben. Die Vesperkirche sei auch für Leute, die sich "keinen Restaurantbesuch leisten können", aber sie sei "keine Armenspeisung, wo man mit einer Kelle Suppe imBlechnapf mal schnell den ärgsten Hunger stillt".

Gerade deshalb sei es auch wichtig, dass das Angebot in einem als solchen erkennbaren Kirchenraum stattfinde und nicht etwa in einem Gemeindezentrum, auch wenn dort praktischerweise eine große Küche vorhanden sei, sagte Bammessel: "Damit jeder sofort erkennt, dass eben alles zusammengehört: Kirche und soziales Engagement, christliche Überzeugung und praktische Hilfe." Die Diakonie Bayern hat gemeinsam mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 45.000 Euro in das Pilotprojekt investiert. Die Gesamtkosten liegen bei etwa 90.000 Euro.

Großes ehrenamtliches Engagement

Dass das Konzept Vesperkirche "aufgegangen" ist, wie Keßler-Rosa und Bruckmann resümieren, ist den vielen Ehrenamtlichen zu verdanken, die sich für die Vesperkirche engagiert haben. Über 250 Frauen und Männer haben regelmäßig an dem Projekt mitgearbeitet und waren mit ihrer Freundlichkeit und Herzlichkeit für die gute Atmosphäre maßgeblich verantwortlich. 4.500 Stunden ehrenamtlichen Engagements sind im Laufe der 22 Tage zusammengekommen. Zusätzlich haben 210 Frauen und Männer mit insgesamt über 500 selbstgebackenen Kuchen dazu beigetragen, dass die Gäste täglich auch mit Süßem gut versorgt waren.

Keßler-Rosa und Bruckmann hoffen, dass die noch erforderlichen Spenden zur Finanzierung der Aktion in den nächsten Wochen noch eingehen werden. „Es ist spürbar, wie die Menschen in Schweinfurt hinter der Vesperkirche stehen. Dann tragen sie das Projekt auch finanziell mit“, so Bruckmann.

Modell zum Nachmachen

Pfarrer Martin Dorner betreute das Vesperkirchenprojekt im Diakonischen Werk Bayern und hatte viele Impulse für die Premiere in Schweinfurt gegeben. "Feiern", so betont er, "ist Kennzeichen menschlicher Kultur. Feiern unterbricht die Alltagsroutine, leitet unsere Gedanken über das Banale hinaus, nimmt das Wesentliche in Augenschein." Rückblickend stellte er fest, dass die Vesperkirche in Schweinfurth schnell zum Stadtgespräch geworden und eben keine Pflichtveranstaltung oder Routine gewesen sei. Dorner erinnerte sich vor allem an „die unglaubliche Fülle an Essen“ und an „den unglaublichen Ausdruck an Wärme, Zuneigung, Offenheit, an Lachen und Ideen.“

„Was ist Vesperkirche für mich?“ fragte er abschließend und antwortete summarisch: „Fest und Gottesdienst gleichzeitig, ein Vorgeschmack auf das Reich Gottes, eine Unterbrechung des Alltags, soziales Handeln und zweckfreie religiöse Feier.“

Nächste Vesperkirche: Anfang 2016

Für 2016 ist wieder eine Vesperkirche geplant. Die Kirchengemeinde und das Diakonische Werk Schweinfurt wollen die zweite Vesperkirche zwischen dem 17. Januar und 8. Februar wieder gemeinsam stemmen. Man rechne während der 22 Tage wieder mit rund 10.000 Gästen in der Innenstadtkirche am Martin-Luther-Platz. Dann sollen in den kalten Wochen Anfang des Jahres die Türen der Johanneskirche wieder für drei Wochen offen stehen.


08.10.2015 / Anne Lüters
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