Religionsunterricht

"Eine gute Begleitung"

Schüler für den christlichen Glauben begeistern? Religionspädagogen können es. Hier die Szene einer Einsegnung in das besondere schulische Amt.

„Religion – Deutsch – Englisch“ bei der klassischen Aufzählung im Zeugnis gehört der evangelische Religionsunterricht wie selbstverständlich dazu. Doch was lernen die Kinder eigentlich in diesem Fach?

An ihren eigenen Religionsunterricht erinnert sich Simone H. noch sehr gut. An die vielen spannenden Geschichten in der Grundschule und die hitzigen Diskussionen in der Oberstufe über Abtreibung und gerechten Krieg beispielsweise. Der Religionslehrer war der einzige, bei dem sie ganz frei ihre Meinung gesagt hat. Seinetwegen ist sie heute noch evangelisch, denn er hat ihr eine offene, weitherzige Kirche gezeigt. Nun soll Simone H. für ihren Sohn Manuel entscheiden, ob er in den Religions- oder Ethikunterricht gehen soll. Ethik? Lernt er da nicht auch Werte, die sie ihm vermitteln will? Die Mutter ist unentschlossen.

Für Michaela Pelz aus Kirchseeon, einem Markt im oberbayerischen Landkreis Ebersberg, ist es selbstverständlich, dass ihre beiden Kinder – Sohn Konstantin, 15, und Tochter Alexandra, 12 – im städtischen Gymnasium aktiv am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen. Und, so glaubt die heute 51-jährige Mutter, viel daraus ziehen.

„Der Religionsunterricht“, sagt Michaela Pelz, „ist der Ort, an dem meine Kinder lernen, was es heißt, sich und andere willkommen zu heißen.“ Dass Schülerinnen und Schüler anderen Menschen mit Offenheit und Respekt begegneten, sei in unserer Zeit besonders notwendig: „Gerade mit Blick auf die tragischen Bootsunglücke in Italien vor der Insel Lampedusa und vor Sizilien, bei denen mehr als 100 Flüchtlinge gestorben sind, finde ich es wichtiger denn je, dass Kinder so früh wie möglich lernen, was Respekt und Toleranz anderen Menschen gegenüber bedeuten.“

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"Viele denken, dass Glaube ,anti-intellektuell' ist"

Auch Matthias Lohmann aus München schätzt die aktive Auseinandersetzung mit alltäglichen Situationen, die im Religionsunterricht stattfindet. Meist ziehe gerade dies ein religiöses Fragen nach sich. Der 40-Jährige hat eine kleine Tochter namens Anna Maria, die die zweite Klasse der evangelischen Lukasschule in München besucht. „In diesem Unterrichtsfach wird meine Tochter dazu ermuntert, dem Thema Glauben nicht blind zu begegnen, sondern es zu durchdenken.“

„Viele denken, dass Glaube ‚anti-intellektuell‘ ist, sich also gegen den denkenden Menschen richtet, “ fährt Lohmann fort. Er kann einem solchen Vorwurf mit Ruhe begegnen: „Selbständiges Denken wird im Religionsunterricht nicht nur nicht ausgeschlossen, das ist sogar erwünscht. Es passiert dort lediglich in einem Rahmen gegenseitiger Annahme.“

Wertschätzung für die Persönlichkeit der Schüler

Für diese Atmosphäre des Respekts und der Offenheit sorgen die knapp 6500 Religionslehrerinnen und Religionspädagogen, Katecheten und Pfarrerinnen, die in Bayern evangelische Religionslehre unterrichten. Neben einem fundierten Wissen über Religionen – nicht nur die christliche – und ethische Themen bringen sie viel Engagement und Begeisterung sowie eine Vielfalt an Methoden mit, um den Kindern Geschichten und Fragestellungen des Glaubens nahezubringen.

Und natürlich einen Blick und Wertschätzung für die Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen: Dort, wo bei Leistungsdruck der Einzelne manchmal zu kurz kommt, bietet der Religionsunterricht einen Freiraum zum Aufschnaufen und zum Nachdenken über Themen, die im Schulalltag manchmal auf der Strecke bleiben. „Ich mag am Religionsunterricht, dass alles etwas lockerer ist, man aber trotzdem etwas lernt“, meint der 13jährige Nils. „Wir reden oft über Dinge, worüber man sonst nicht so viel weiß. Das ist interessant.“

Die Themenvielfalt der Lehrpläne reicht von klassischen biblischen und theologischen Themen über grundlegende Fragen des menschlichen Zusammenlebens, Wissen über andere Religionen bis hin zu aktuell diskutierten Fragestellungen.

Jonas, 11 Jahre, 6. Klasse Evangelische Lukasschule München,© (c) Privat

Jonas, 11 Jahre, 6. Klasse Evangelische Lukasschule München

Ich find’s gut, dass man im Religionsunterricht Zeit hat, über Fragen zu sprechen. Wir haben zum Beispiel viel darüber diskutiert, was Schöpfung und Evolution bedeuten. Außerdem werden die Themen ganz unterschiedlich behandelt, mal gibt es einen Film, mal ein Quiz.

 

"Für die Mütter fühlt sich sonst nicht alles stimmig an"

Etwa 400.000 Schülerinnen und Schüler besuchen in Bayern den evangelischen Religionsunterricht – bei weitem nicht alle davon sind evangelisch. Mehr als ein Zehntel gehört einer anderen oder gar keiner Konfession oder Religion an. Und doch treten etliche Mütter wieder in die Kirche ein, weil sie möchten, dass ihr Kind eine konfessionelle Heimat hat – auch im Religionsunterricht. Das erfährt Sandra Zeidler, Pfarrerin an der Evangelischen Kircheneintrittsstelle München, immer wieder.

„Für die Mütter fühlt sich sonst nicht alles stimmig an: wenn ihr Kind keine richtige konfessionelle Heimat hat und wenn sie selbst nicht in der Kirche sind, sich aber gleichzeitig wünschen, dass ihr Kind sich in der Schule im Religionsunterricht mit Glaubensfragen auseinandersetzen soll.“ Dann erinnerten sie sich daran, dass ihnen speziell der Religionsunterricht in ihrer Kindheit einmal eine gute Begleitung war, und wollten ihrem Kind diese Begleitung auch vermitteln.

Wie Simone H, die nach kurzem Überlegen entschieden „evangelische Religionslehre“ für ihren Sohn Manuel ankreuzt. Das fühlt sich deutlich stimmiger an. Ihr Sohn soll seinen eigenen Weg im Leben suchen und finden können. Der Religionsunterricht wird ihm dabei helfen.

FAQs zum Religionsunterricht

Für welche Christengemeinschaften gibt es in Deutschland Religionsunterricht?

 In Deutschland gibt es den Religionsunterricht für die evangelische, die katholische, die orthodoxe und die neuapostolische Kirche. Freikirchen erkennen den evangelischen Unterricht an, haben also keine eigene Unterweisungsform. In einigen Bundesländern – zum Beispiel auch in Bayern - gibt es auch noch die islamische Unterweisung in deutscher und türkischer Sprache, der Islam ist nach dem Christentum die zweitgrößte Weltreligion.

Kann jeder Religionsunterricht an einer staatlichen Schule geben?

Nein, er braucht natürlich die fachlichen Voraussetzungen. Wer an einer bayerischen Schule Religion unterrichtet, hat eine fundierte wissenschaftliche und unterrichtspraktische Ausbildung absolviert. Nach einem Theologiestudium an der Universität können etwa Pfarrer und Fachlehrer für Religion an allen Schularten Religion unterrichten. Religionspädagogen werden in Bayern an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg ausgebildet. Mit ihren Fähigkeiten werden sie an Grund-, Haupt-, Förderschulen und Berufsschulen gebraucht. Religionspädagogen sind zudem oft auch in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit sowie in der Erwachsenenbildung beschäftigt. Personen, die evangelischer Konfession sind und keine akademische Vorbildung haben, können nach einem erfolgreich absolvierten Grundkurs für Katecheten und Katechetinnen am Religionspädagogischen Zentrum in Heilsbronn Religionsunterricht in Grund-, Haupt- und Förderschulen erteilen.

Kann jeder Religionsunterricht an einer evangelischen Schule geben?

Nein. Um Religionsunterricht erteilen zu können muss man bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Zum Einen muss man in einem kirchlichen Dienstverhältnis stehen, zum Beispiel als Pfarrer, deren Ausbildung obligatorisch die Religionspädagogik beinhaltet. Lehrkräfte für den evangelischen Religionsunterricht, die nicht in einem solchen kirchlichen Dienstverhältnis stehen, benötigen für die Aufnahme ihres Dienstes eine kirchliche Bevollmächtigung, auch „Vocatio“ genannt. Während für die Zeit der Lehrerausbildung eine befristete „Vocatio“ erteilt wird, erhält der Religionslehrer bzw. die Religionslehrerin nach Abschluss der Ausbildung zum Lehramt mit der Lehrbefähigung im Fach Evangelische Religionslehre eine endgültige „Vocatio“ vom Landeskirchenrat, die in der Regel im Rahmen eines Gottesdienstes verliehen wird. Zurzeit erteilt der Landeskirchenrat rund 200 Bevollmächtigungen pro Jahr. Auch die katholische Kirche hat eine entsprechende kirchliche Bevollmächtigung für angehende Religionspädagogen ihrer Konfession, die nicht in einem kirchlichen Dienstverhältnis stehen; hierheißt diese Bevollmächtigung aber nicht „Vocatio“ sondern „Missio“.

Was sind die Ziele des Religionsunterrichts?

Der Religionsunterricht möchte die eigene Religionszugehörigkeit in einen selbstverständlichen Bezug zum Leben bringen. Der Unterricht möchte Fragen und Herausforderungen unserer Zeit in eine Auseinandersetzung mit den Grundüberzeugungen des christlichen Glaubens bringen. Er möchte Lebenshilfe leisten und so dazu beitragen, dass die Menschen unserer Gesellschaft lebensfähig werden. Und er möchte Informationen über die christliche Tradition und das Wissen über ihre Werte vertiefen. Er möchte die Menschen befähigen, über ihren eigenen Glauben kommunizieren zu können und sie so dialogfähig mit anderen Religionen zu machen. Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die Vertiefung von christlichem Wissen und die Begleitung und Hilfe bei der Orientierung im Leben sind die Grundpfeiler des Religionsunterrichts.

Ist Religion etwas Gutes oder gefährlich?

Die Zugehörigkeit zu einer Religion bietet eine Hilfestellung, um sich in einer komplexen, multioptionalen Gesellschaft zurechtzufinden. Sie will Kraft geben, um das Leben zu bewältigen und die Persönlichkeit zu stärken. Im evangelischen Religionsunterricht wird diese Stärkung als „Resilienzförderung“ bezeichnet – das Wort „Resilienz“ kommt vom englischen Wort „resilience“, das mit „Widerstandsfähigkeit“ übersetzt werden kann. Dass der evangelische Religionsunterricht einen guten Ruf genießt, sieht man auch an den Zahlen. Allein in Bayern besuchen ihn insgesamt mehr als 400 000 Schüler (die staatlichen Schulen eingerechnet), und über zehn Prozent davon sind auch noch konfessionslos, könnten sich also anderweitig orientieren. Tun sie aber nicht. 

Warum gibt es bisher nur konfessionell getrennten Religionsunterricht?

Um Menschen wirklich für eine Religion zu interessieren, ihnen also die Kernbotschaften von Religion nicht nur als theoretisches Wissen einzutrichtern, sondern sie dabei auch zu berühren, also ihr Herz zu erreichen, ist es wichtig, dass Glaube und Religion authentisch vermittelt werden. Die Grundsätze der evangelischen und der katholischen Religionsgemeinschaft unterscheiden sich aber zu sehr voneinander, als dass ein konfessionell gemeinsamer Unterricht authentisch vermittelt werden könnte. In diesem Tenor wird die konfessionelle Trennung auch im bayerischen Schulgesetz begründet. Was aber nicht gleichbedeutend damit ist, dass ein Grundsatz einer Konfession besser oder schlechter ist als der jeweils andere.

Darf Kirche im Religionsunterricht missionieren?

Es kommt darauf an, was man unter „Missionieren“ versteht. Wenn „Missionieren“ gleichgesetzt wird mit „Bevormunden“, „Vereinnahmen“ oder „Überstülpen“, dann darf Kirche im Religionsunterricht nicht missionieren. Wenn „Missionieren“ aber so verstanden wird, dass man die frohe Botschaft einer Religion mitteilt, immer mit der Möglichkeit, dass der Angesprochene ablehnend reagiert, dann darf Kirche im Religionsunterricht missionieren. 

Wie sieht die Zukunft des Religionsunterrichtes aus?

Der Religionsunterricht wird sich künftig noch stärker darauf konzentrieren, die Persönlichkeit der Schüler zu stärken und ihnen bei der Suche nach sich selbst und ihrem Platz im Leben und der Welt zu helfen. Auch wird die Gestaltung von Religionsunterricht immer pragmatischer werden, um den jungen Menschen den Zugang zu Glaube und Religion immer einfacher zu machen, zum Beispiel durch den Ausbau der sogenannten „performativen Religionspädagogik“. „Performativ“ bedeutet, Sprechen und Handeln in einen besonderen, einen neuen Zusammenhang zu bringen. Übersetzt auf den Religionsunterricht heißt das: die „Performative Religionspädagogik“ versucht, Schülern Angebote im Religionsunterricht zu machen, mit denen sie Gott mit den einfachsten Mitteln begegnen können. Indem sie gemeinsam mit ihrem Religionslehrer im Unterricht das Innere einer Kirche erkunden zum Beispiel oder sich mit einer flackernden Kerze auf eine Kirchenbank setzen und ihren Gefühlen dabei nachspüren. Ermöglicht werden sollen so möglichst niederschwellige Begegnungen mit Gott.


28.11.2013 / Almut Steinecke