Ökumene vor Ort

Wallfahrt und Weltgebetstag der Frauen

Ökumene

Ökumene ist heute vielerorts selbstverständlich geworden - wie hier bei einem Berggottesdienst.

Bild: ELKB/Tourismus

Wie evangelische und katholische Christen gemeinsam Glauben leben, wird am Beispiel der Kirchengemeinde Tann vorgestellt. Die Besonderheit: Nur fünf Prozent der Ortsansässigen sind evangelisch.

Wer sich auf den Weg in die niederbayerische Marktgemeinde Tann macht, wird schon durch die braunen Schilder entlang der Autobahn darauf hingewiesen: Es geht in eine katholische Gegend. Eine sehr katholische Gegend. Zuerst passiert man „Altötting – Shrine of Europe“, dann „Marktl – Geburtsort von Papst Benedikt XVI.“ Bald darauf ist man am Ziel, mitten im Landkreis Rottal-Inn, wo einen auf dem großen Marktplatz die Mutter Gottes empfängt, daneben ein Wallfahrtsbrunnen.

"Doch, doch! Uns gibt's!"

Die katholische Kirche St. Peter und Paul, wegen eines wundertätigen Kreuzes ebenfalls ein Wallfahrtsziel, ist weithin sichtbar. Der Zettel mit der Gottesdienstordnung zeigt, dass freitags gelegentlich die Messe auf Latein gefeiert wird. Die Frage nach der Ökumene tritt spätestens zu diesem Zeitpunkt in den Hintergrund, weil sich eine ganz andere aufdrängt: Gibt es hier überhaupt Evangelische? „Doch, doch! Uns gibt’s!“, lacht Pfarrerin Stephanie Kastner, die mit leicht schwäbischem Zungenschlag spricht. „Aber natürlich – das hier ist wirkliche Diaspora, unser Anteil im Ort liegt bei etwa fünf Prozent.“

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Ökumene

Das griechische Wort bedeutet ursprünglich so viel wie „der bewohnte Erdkreis“. Mit der Ausbreitung des Christentums verschob sich die Bedeutung in Richtung „Gesamtheit der Christen“. Heute wird der Begriff in erster Linie durch die Ökumenische Bewegung bestimmt und bezieht sich auf den Dialog und die Zusammenarbeit der christlichen Konfessionen.

Die ersten Evangelischen kamen in großer Zahl als Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg ins Rottal, später gab es Zuzug, weil der Baugrund billig war und das Chemiedreieck mit seinen Arbeitsplätzen in der Nähe liegt; nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs zogen evangelische Rumänien- und Russlanddeutsche in die Gegend. Es waren also immer die Fremden, die Zugezogenen, die Neuankömmlinge, die hier evangelisch waren. Die Anfänge des Zusammenlebens zwischen Evangelischen und Katholischen waren nach dem Krieg von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt. „Manche erzählen, dass sie von katholischen Priestern damals schlimm behandelt wurden. In einem Ort in der Nähe, der heute auch zur Gemeinde gehört, mussten die Flüchtlingskinder im Winter vor der Schule warten, bis der katholische Religionsunterricht vorbei war,und evangelische Tote durften nicht auf dem Leichenwagen transportiert werden“, erzählt die junge Pfarrerin.

"Die Bande zwischen den Konfessionen werden stärker"

Aber in Tann selbst stellte die katholische Gemeinde den Evangelischen das Kirchlein St. Leonhard für ihre Gottesdienste zur Verfügung, über zehn Jahre lang, bevor sich die kleine Gemeinde eine eigene Kirche bauen konnte. Nächstenliebe als Anfang der Ökumene.

Die Unterschiede im Umgang erklärt die Seelsorgerin ganz ohne Theologie: „Das hing ganz stark an Personen – vor allem an den katholischen Priestern. Die hatten damals in den Ortschaften noch eine unheimliche Macht und konnten das Verhalten der Bevölkerung da ganz entscheidend beeinflussen.“
Über die Jahre werden die evangelischen Flüchtlinge zu Tannern. Und die Bande zwischen den Konfessionen werden stärker: Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule, irgendwann heiratet man untereinander, viele engagieren sich in den zahlreichen Vereinen zusammen für den Ort. Aus diesem gemeinsamen Alltagsleben entspringt auch der Wunsch nach einem gemeinsamen geistlichen Leben.

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Diaspora

Das Wort mit griechischem Ursprung bedeutet so viel wie „Verstreutheit“ und geht auf die Situation des jüdischen Volkes zurück. Es bezeichnet Religions- oder Volksgruppen, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und über weite Teile der Welt verstreut sind. Man kann es auch allgemeiner für das Leben als Minderheit verwenden.

In einem Ort mit 4000 Einwohnern liegt es zum Beispiel nahe, gemeinsam der Verstorbenen zu gedenken, schließlich kennt man sich unabhängig von der Konfession. Und bei Ehepaaren mit unterschiedlichem Bekenntnis wird vielleicht der Wunsch nach einer „ökumenischen“ Hochzeit laut. „Das heißt“, erklärt Stephanie Kastner, „dass beispielsweise bei einer evangelischen Trauung ein katholischer Geistlicher beteiligt wird und die Predigt hält.“

Man besucht sich bei den Gemeinde- und Pfarrfesten, geht gemeinsam in der Passionszeit den Kreuzweg, liest in der Gebetswoche zur Einheit der Christen zusammen in der Bibel, katholischer Frauenbund und evangelische Frauen begehen den traditionell ökumenischen Weltgebetstag der Frauen, die Vertriebenen feiern eine ökumenische Andacht – eigentlich findet jeden Monat irgendeine gemeinsame Veranstaltung statt.

Gastfreundschaft zurückgeben

Und obwohl die Zahl der evangelischen Schüler und Schülerinnen in Grund- und Mittelschule fast einstellig ist: Die Schulgottesdienste sind ökumenisch. Auch die einst erfahrene Gastfreundschaft können die Evangelischen gerade zurückgeben: Weil das katholische Vereinsheim einsturzgefährdet ist, treffen sich die KAB (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung) und der Frauenbund in den kleinen Gemeinderäumen der evangelischen Gemeinde.

Pfarrerin Kastner, die vor vier Jahren ihren Dienst in Niederbayern antrat, war jedenfalls überrascht von dem, was sie antraf: „Die Ökumene ist hier fast besser als in meiner letzten Gemeinde in der schwäbischen Diaspora.“ Dort soll es wohl noch gelegentlich vorkommen, dass man von einem katholischen Kollegen für die Beerdigung eines Evangelischen nicht in die Kirche gelassen wird.

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Konfession

Die lateinische Ursprungsbedeutung lautet „Geständnis“ oder „Bekenntnis“ und meint heute vor allem die Untergruppe einer Religion, die sich durch Lehre, Praxis oder Organisation unterscheidet. Im Christentum bezeichnet man mit „Konfession“ die unterschiedlichen Kirchen und Gruppierungen, zum Beispiel die römisch-katholische Kirche oder die unterschiedlichen evangelischen oder orthodoxen Kirchen.

Und trotzdem: Eine ökumenische Zusammenarbeit auf Augenhöhe sähe für Stephanie Kastner anders aus – nicht nur, weil der katholische Priester sie um gut zwei Köpfe überrage, wie sie schmunzelnd ergänzt. „Die Priester und Kapläne hier sind in ihren großen Pfarrverbänden natürlich arg beansprucht. Aber manchmal fragt man sich schon, ob es immer daran liegt, dass sie ausgerechnet für gemeinsame Gottesdienste keine Zeit haben und das dann der Pastoralreferent macht.“

"Begegnungen von Freundlichkeit geprägt"

Augenhöhe? „Wir sind manchmal ja gar nicht im Blickfeld…“ Und übersehen kann man sie ja auch leicht, die evangelische Gemeinde, nicht nur, weil sie zahlenmäßig kaum ins Gewicht fällt: Die Kirche ist klein, die Pfarrerin wohnt nicht in einem Pfarrhaus nebenan, sondern in einer Mietwohnung über dem Edeka, und die Gemeinderäume wurden im Anbau eines Privathauses angemietet – im Ortsbild gibt es da tatsächlich erst einmal nicht viel zu sehen. „Aber auch inhaltlich werden wir nicht wirklich wahrgenommen“, meint die Pfarrerin.

So feiert der Markt seine Jubiläen und Ereignisse zwar gern mit einem Gottesdienst – aber das heißt dann: mit einer katholischen Messe. Nicht mit diskriminierender Absicht, sondern eher aus alter Gewohnheit. „Aber wenn man sich sieht – dann sind die Begegnungen oft sehr herzlich und von Freundlichkeit geprägt!“

Die Evangelischen sind also doch noch ein wenig die Fremden geblieben. Die, die manchmal gefragt werden: „Gibt’s bei Euch eigentlich auch eine Taufe?“ Die mit den Frauen als Pfarrerinnen. Die, bei denen Pfarrer auch eine Familie haben dürfen. Und die, bei denen alles nicht so streng ist, vor allem die Hierarchie. Die letzten Punkte finden viele der Katholiken gut, als Kontrapunkt zu ihrer eigenen Kirche, den sie immer wieder betonen, auch die, die sich mit der Taufe bei den Evangelischen nicht so sicher sind. „Andere Unterschiede, gerade die, die theologisch diskutiert werden, sind ja kaum vermittelbar. Die lebenspraktischen Dinge, die finden die Leute interessant. Ansonsten herrscht die Meinung: Wir haben doch alle einen Herrgott“, gibt Stephanie Kastner die Meinung der Menschen wieder. Themen wie die gemeinsame Feier des Abendmahls hingegen werden vielleicht kurz relevant, wenn eine evangelische Mutter ihren katholischen Sohn zur Erstkommunion begleitet – aber daraus entsteht kein brennender Wunsch nach mehr Ökumene.

Amtsträger geben nicht mehr unbedingt Richtung vor

Auf die Frage, ob sie in ihrer Zeit in Tann ein besonderes Erlebnis mit den katholischen „Geschwistern“ gehabt habe, erzählt die Gemeindepfarrerin von einem Ereignis, das beide Seiten der Medaille abbildet: Nach einer langen Sanierung wird der Marktplatz eingeweiht, mit einem langen Festzug durch den halben Ort, zwei katholische Priester, die evangelische Pfarrerin, alle im vollen Ornat und gleichermaßen an der Einsegnung beteiligt.

Im Anschluss habe dann aber ein Priester aus Altötting im Gespräch herablassend geäußert: „Die Evangelischen sind ja keine Kirche, die sind gar nichts!“ Aber als sehr tröstlich habe sie es empfunden, dass sich im Nachhinein viele Katholiken bei ihr für diesen Priester entschuldigt hätten. Vielleicht ist es ja heute anders in der Ökumene als nach dem Krieg: Zwar kommt es immer noch auf die Personen an –aber es sind nicht mehr unbedingt die Amtsträger, die in allem die Richtung vorgeben.


03.07.2014 / Elke Schnabel
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