Die Kirchengemeinde

„Hier herrscht ein guter Geist“

Hand mit Konfetti gefüllt

Kirchen als lebendige Orte der vielfältigen Begegnungen.

Bild: edwinsmom / photocase.de

Kirchengemeinden sind Orte gelebter Gemeinschaft. Hier sammeln sich Menschen aller Generationen, um gemeinsam zu feiern, zu beten und etwas zu verändern. Zusammen glaubt es sich einfach leichter.

Zunächst hat sie sich gewundert, als die ältere Frau aus der Kirchengemeinde vor der Tür stand und sie zum Neuzugezogenentreff einlud. Dann hat sie sich gefreut. Denn eigentlich kannte sie noch niemanden in der neuen Stadt. Und warum sollte man dieses Angebot nicht einmal nützen? Dort lernte sie gleich drei Leute kennen, die ihre Freude an der Musik teilen. Jetzt spielen sie Kammermusik und reden ab und zu auch über Religion.

Es war eher Zufall, dass er zur örtlichen Kirchengemeinde stieß. Ein Freund hatte ihn gebeten, beim Gemeindefest den Grill zu übernehmen. Er war überrascht, wie viele der Menschen auf dem Fest er kannte. Eigentlich ein ganz netter Kreis, der ihn an seine Zeit bei der Evangelischen Jugend erinnerte. Sie hatten viel Spaß gehabt damals. Als sich der Pfarrer in ein Gespräch über Fracking erstaunlich informiert und kritisch zeigte, war das Eis gebrochen: Das war wie früher, da steckte Sinn drin. Das war etwas anderes als der Berufsalltag. Irgendwie hatte ihm das gefehlt.

"Christsein heißt für mich..."

Judith Wüllerich, Kirchenvorsteherin in St. Jobst, Nürnberg,© Privat

„Zum gelebten Glauben gehört Gemeinschaft. Gemeinschaft, wie ich sie hier kennengelernt habe. Die Gemeinschaft der Christen wird in der Ortsgemeinde erlebbar. Christsein heißt für mich auch, Verantwortung für die uns anvertraute Schöpfung zu übernehmen. Darum bringe ich mich in der Gemeinde ein.“

Judith Wüllerich, Kirchenvorsteherin in St. Jobst, Nürnberg

Siegfried Laugsch, Diakon in St. Jobst, Nürnberg,© (c) Privat

„Um die frohe Botschaft des Evangeliums wirksam leben und gestalten zu können, bedarf es der Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern – das ist weit mehr als ein reiner Freundeskreis. Auch benötige ich die Solidarität von Gleichgesinnten in der Umsetzung gemeinsamer Überzeugungen. In der Kirchengemeinde finde ich dafür vielfältige Gelegenheiten, wofür ich dankbar bin.“

Siegfried Laugsch, Diakon in St. Jobst, Nürnberg

Dieter Prechtl, Gemeindemitglied St. Jobst, Nürnberg,© (c) Privat

„Ich bin Kirchenmitglied, weil ich aus meinem Glauben heraus schon so viele positive und stärkende Erlebnisse hatte. Deshalb kann ich mir ein Leben ohne die Gemeinschaft mit anderen Christen nicht vorstellen. Mein Engagement in der Kirchengemeinde prägt mein Konfirmationsspruch: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch solches alles zufallen.“

Dieter Prechtl, Gemeinde St. Jobst, Nürnberg

„Mit 14 begann ich in der Jungschar meiner Heimatgemeinde mitzuarbeiten. Kirche ist für mich gelebter Glaube, nicht immer einfach, aber stets erfüllend. Hier gehöre ich hin. Kirche ist meine Heimat.“

Michael Richter, Kirchengemeinde St. Jobst, Nürnberg

„Ich engagiere mich gern freiwillig besonders für Menschen, die allein sind, die sich freuen, wenn jemand da ist, der Zeit für sie hat, ihnen zuhört und sie etwas von ihrer Einsamkeit ablenkt. Deswegen besuche ich Menschen im Pflegeheim und gehe mit Senioren spazieren.“

Heidemarie Börnke, Kirchengemeinde St. Jobst, Nürnberg

Vielfalt Bayerischer Gemeinden

Kirchenmitgliedschaft bedeutet immer auch Zugehörigkeit zu einer Kirchengemeinde. Insgesamt 1538 evangelische Kirchengemeinden gibt es in Bayern. Die ältesten datieren sich auf die Reformation zurück, die jüngsten – wie beispielsweise das oberbayerische Poing - sind nicht einmal zehn Jahre alt. Große Stadtkirchengemeinden wie die Münchner Erlöserkirche mit ihren über 8000 Mitgliedern sind darunter und Gemeinden, die gerade einmal 500 Menschen zählen. Sowohl in Ballungsräumen wie in den ländlichen Gebieten, aus denen immer mehr Menschen fortziehen, bleibt die Evangelische Kirche mit ihren Gemeinden präsent – Menschen die sich um das Evangelium versammeln, weil sie spüren: Die Gemeinschaft hilft ihnen, in ihrem Alltag ihren Glauben zu leben.

Ekklesia (griechisch: Versammlung), und koinonia (Gemeinschaft) – diese Worte gebrauchte schon der Apostel Paulus, um die Urkirche zu beschreiben. Und auch das lateinische „communio“ und deutsche „Gemeinde“ zeigen, dass Gemeinschaft in der Kirche von Anbeginn eine zentrale Rolle gespielt hat und immer noch spielt: Die Gemeinschaft mit Jesus Christus, die sich auf das Zusammenleben unter den Christen auswirkt. „Seht wie lieb sie einander haben“, sollen laut Apostelgeschichte Außenstehende von den ersten Christen gesagt haben – eine Gemeinschaft von sehr ungleichen Menschen: Reichen und Armen, Sklaven und Freien, Frauen und Männern, Jungen und Alten. Das ging schon damals nicht ganz ohne Spannungen ab, aber man muss ihnen doch angesehen haben, dass sie ernsthaft aneinander Anteil nahmen und in Gemeinschaft lebten.

Über das Leben nachdenken

Auch heute ist in vielen Kirchengemeinden ein besonderer Geist spürbar. „Hier treffe ich Leute, die ticken so wie ich“, sagt Anna aus der Evangelischen Jugend in Lauf. Hier kann ich über Dinge sprechen, über die ich in der Schule nie sprechen würde.“ Über ihre Anfragen an Gott beispielsweise. Oder über das Leben. Nicht nur Jugendliche schätzen diese Gemeinschaft. Hier entstehen Kontakte über Berufsgruppen und Generationen hinweg: bei Gemeindefesten, beim Chorgesang und natürlich immer wieder bei Gebet und Gottesdienst. Oder im gemeinsamen Einsatz für andere: für die Kinder, für Allein stehende oder für Flüchtlinge in der Stadt.

Auch wenn nur ein Viertel der Kirchenmitglieder sich in ihrer Kirchengemeinde engagiert – verbunden fühlen sich viele. Zumindest an Weihnachten. Weil es ein gutes Gefühl der Zugehörigkeit gibt. Weil die Gemeinde denen hilft, die es brauchen. Weil man kommen – und auch wieder gehen kann. Und weil der Glauben einen Rückhalt braucht in lebendiger Gemeinschaft.


14.07.2014 / Anne Lüters