Gemeinde- und Posaunenchor

Viel mehr als nur singen und spielen

Dieter Ehlers - Kirchenvorsteher, Synodaler und leidenschaftlicher Posaunenspieler - erzählt, warum Posaunenchöre in der Evangelischen Kirche so wichtig sind.

Kirchenmusik bedeutet Musizieren im Gottesdienst, eine Kantate, ein Oratorium? Ja, schon auch. Aber es ist viel mehr: Spaß und eine gute Gemeinschaft. Zum Beispiel im Gemeindechor in Giesing.

„Sind Sie neu hier? Schön!!“ Der Bass bietet Giesinger Kirschen an, Eierschachteln wechseln den Besitzer, man erzählt sich die Ergebnisse des letzten Arztbesuchs, stellt Stühle bereit, begrüßt herzlich die Neuankömmlinge und sortiert Noten. Die Chorleiterin witscht mit dem Roller durch den Altarraum, verteilt Eukalyptusbonbons und packenweise Überweisungsträger, die für den Gemeindebrief zerlegt werden sollen. „Das spart der Gemeinde Geld und finanziert unsern Ausflug!“ Geschäftiges Treiben am Mittwochabend in der Lutherkirche.

Von Mitte zwanzig bis Anfang achtzig

So gegen halb acht kommt kurz Panik auf: „Ist heute irgendein wichtiges Fußballspiel?!“ Nicht, dass noch mehr Leute fehlen und das ausgerechnet bei der Generalprobe vor dem Sommerkonzert am Sonntag. Es gibt schon ohne Fußball-WM so viele Gründe, warum der Chor selten vollzählig ist:: die Arbeit, der Urlaub, private Verpflichtungen… Aber heute findet kein Spiel statt und nach und nach trudeln die restlichen Sängerinnen ein – vor allem Alt und Sopran bestreiten heute die Probe. Der Bass bleibt solo, Tenöre gibt es nicht. „Wir singen dreistimmig“, hat die Dorothea Leberfinger, die Kantorin der Gemeinde, zuvor erklärt. Es sind zwar nicht alle Stimmen besetzt – aber fast alle Altersgruppen zwischen Mitte zwanzig und Anfang achtzig vertreten.

 

Warum sollte ich in Ihrem Chor mitsingen?

Weil jeder mitmachen kann und es einfach eine Bereicherung für das Leben ist!
Hanna, 28

 Weil die Stimmung gut ist! Dagmar, 77

Weil die Freude am gemeinsamen Singen vor der Perfektion steht! Elke, 38

Es macht Spaß und gute Laune; der Einstieg ist ganz leicht, Du wirst freundlich aufgenommen. Ursula, 71

Weil es eine wunderbare Auszeit vom Alltag im Kreise toller Menschen ist. Singen befreit die Seele und bereichert unheimlich! Vanda, 33

 Weil man danach immer gut gelaunt ist! Lisa, 25

 Weil es dann noch schöner klingt! Inge, 73

Endlich sammelt sich die Gruppe unter der schwebenden Christusfigur des Altarraums, mit einem Mal wird es ruhig in der Kirche, ein paar Atem- und Körperübungen, dann erklingen die ersten Töne zum Einsingen – das eben noch wilde Durcheinander der Stimmen wird zu einem Chor. Die Chorleiterin dirigiert und spielt zugleich die Begleitung auf dem Klavier, zuerst ein Stück aus Haydns „Schöpfung“: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament-t-t-t.“ Nein, so soll das nicht klingen, bitte nur ein „t“ am Schluss, nochmal von vorn. Die Probe hat begonnen.

Der Chor ist älter als die Kirche

Eine lange schmale Treppe führt zur Tür, ein Aufkleber warnt: „Achtung! Musiker!“ Dahinter findet man im Chorraum der Kirche Saxophone und Trommeln, ein E-Piano, Flöten und stapelweise Noten. Hier wird normalerweise geprobt, immer mittwochs um halb acht. Der Chor ist älter als die Kirche, seit 1911 singen die Evangelischen in Giesing zusammen im Chor. Repertoire, Chorleiter und Mitglieder haben sich seit damals immer wieder geändert – aber ein Hauptgrund fürs Chorsingen ist gleich geblieben: die Freude an der Gemeinschaft. „Wir sind jetzt keiner der Chöre, die bei der Probe den Bierkrug unterm Stuhl haben“, wehrt Dorothea Leberfinger ein unausgesprochenes Vorurteil über Chöre ab – aber der Zusammenhalt spiele eine wichtige Rolle.

Im Chor wird das Leben der anderen geteilt

Und das, obwohl das Publikum so gemischt ist, wie sonst selten in der Stadt: Mittdreißigerinnen und ältere Damen, gute Sänger und welche, die sich als „eher mittel“ einschätzen, Neuzugänge und Sängerinnen, die dem Chor schon Jahrzehnte die Treue halten, Altenpflegerinnen und Studentinnen, Singles und ganze Familien, die gemeinsam kommen. Schnell wächst man zusammen, weil man im Chor das Leben der anderen teilt: Man weiß, dass jemand nicht mehr so häufig kommen kann, wegen der pflegebedürftigen Eltern. Erinnert sich gerührt, wie der Chor bei der eigenen Hochzeit gesungen hat – „Pet Shop Boys! Die mag mein Mann so!“ Weiß, wer nicht da ist, weil er Urlaub hat oder weil er krank ist. Man fiebert mit und ist dann wahnsinnig stolz, wenn die Kollegin aus dem Alt ihre Promotion mit „summa cum laude“ abgeschlossen hat.

„Ganz hoffnungslose Fälle sind selten“

Nicht, dass das Singen zweitrangig wäre! Dorothea Leberfinger versucht, ein möglichst vielfältiges Repertoire anzubieten, inzwischen gibt es viele Werke und Bearbeitungen für drei Stimmen. Von Klassikern der Chormusik wie Haydn und Mendelssohn über Gospel bis hin zu neuen Kompositionen für Kirchenchöre wird alles gesungen, was zum Chor passt. Und etwa alle zwei Monate gibt es dann einen „Auftritt“: die musikalische Gestaltung eines Gottesdienstes oder, wie jetzt im Sommer, ein Konzert. „Wir brauchen schon immer ein Ziel! Sonst lässt die Probenmoral nach…“, meint die studierte Kirchenmusikerin. Dass man kommt, ist ihr wichtig. Wer kommt, nicht so sehr: „Bei uns gibt es kein Vorsingen. Jeder kann kommen, niemand muss vorher sein Können unter Beweis stellen.“ Und das, obwohl Dorothea Leberfinger nicht sagen würde: „Jeder kann singen!“ Aber sie sagt auch: „Ganz hoffnungslose Fälle sind wirklich selten.“

„Create in me a clean heart, o God!”, in der Chorprobe hat man sich zum nächsten Stück vorgearbeitet. „Wunderschön…!“ lobt die Dirigentin „…aber ich habe das Gefühl, das sollten wir nochmal machen.“ Und so fleht der Chor noch einmal um ein reines Herz. Irgendwas passt nicht, die Chorleiterin versucht, den Rhythmus zu erklären. Alle zählen konzentriert, trotzdem: es hakt. Nicht hörbar, aber so gehört es halt nicht. Deshalb ein Vorschlag aus dem Chor: „Und wenn wir es so lassen? Dann machen es alle richtig. Also falsch. Aber falsch, richtig gemeinsam.“ Alle lachen, aber Dorothea Leberfinger ist nicht überzeugt. Nochmal. Und dann platzt der Knoten und es geht weiter mit dem „Jubilate“, einer zeitgenössischen, swingenden Komposition zum alten Text. Es kommt Bewegung in den Chor, blau Turnschuhe wippen abwechselnd auf die Fliesen, Finger tippen auf Noten, Hüften schwingen, Köpfe nicken – fast wie ein Tanz im Stehen.

Eine Auszeit für die Seele

Deutsch, Englisch, Latein, Gott loben, jubeln, bitten, lachen, kurz verzweifeln, tanzen – in einer Stunde Chorarbeit sind ganze Zeit- und Kulturreisen sowie ein Wechselbad der Gefühle integriert. Kein Wunder, dass man da wenig Raum für andere Gedanken hat. „Singen ist eine Auszeit für die Seele“, sagt eine Altistin, die deshalb selbst in den stressigsten Zeiten versucht zu kommen. „Weil es mir guttut.“ Spielt es für sie eine Rolle, dass es ausgerechnet ein Kirchenchor ist? „Ja, doch, mir geht es schon um die Verbundenheit zu Gott.“ Bei anderen stehen andere Dinge im Vordergrund, die Nähe zum Wohnort, die gute Stimmung, dass man einfach mal vorbeikommen kann. Und doch: die Gestaltung von Gottesdiensten, der Bezug zum eigenen Glauben, die Melodien und Text der geistlichen Stücke sind vielen nicht ganz unwichtig. Und die Chorleiterin meint ganz trocken: „Was gibt es denn sonst überhaupt noch für Chöre?“

Nachwuchssorgen

Vereinschöre, Werkschöre, Männergesangsvereine – viele Traditionen sind in den Vergangenheit abgebrochen, auch wenn in Deutschland immer noch gut über eine Million Menschen in Chören singen. Dorothea Leberfinger weiß nicht, wie es weitergehen wird, mit dem Chorgesang. Wenn zu Hause nicht mehr gesungen wird, wenn neben der Schule keine Zeit mehr bleibt – wo soll dann die Freude am gemeinsamen Singen herkommen? Und wo das gemeinsame Liedgut?

Sonntagabend, seit dreiviertel Fünf ist der Chor in der Kirche, letzte Probe vor dem Konzert. Um sieben geht es dann los: Alle Musikgruppen der Gemeinde machen mit, die Blockflötenensembles, eine Gruppe mit Klarinetten und Saxophonen und der Chor. Und obwohl an diesem Abend ein Fußballspiel ist, sind deutlich mehr Sänger und Sängerinnen anwesend, als in der Generalprobe. Gespannte Stille vor dem ersten Einsatz. Haydn. Nur ein „t“ am Firmament. Und auch die anderen Stücke lassen vergessen, in welch mühsamem Kleinklein sie in den Proben erarbeitet wurden. „Wir brauchen immer ein Ziel, sonst kommt ja keiner mehr!“, hat Dorothea Leberfinger zuvor ihre Taktik verraten. Und als der Chor sich verbeugt, merkt man, wie alle sich freuen, dieses Ziel an diesem Abend gemeinsam erreicht zu haben. Aber eigentlich kommen sie mittwochs eher wegen des Weges. 


12.07.2014 / Elke Schnabel
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