Engagiert für Flüchtlinge

Das Notwendige tun!

Zum Beispiel Pfronten: Hier beherbergt die evangelische Kirchengemeinde zwei Syrer, um sie vor Abschiebung zu schützen. Film: Axel Mölkner-Kappl

"Wir können die doch nicht vor der Tür stehen lassen" - nach dieser Überzeugung handeln viele Christen in Bayern. Sie  unterstützen Flüchtlinge und erleichtern ihnen das Einleben in Deutschland.

Die Zahl der Flüchtlinge nach Europa und damit auch nach Deutschland und Bayern ist enorm gestiegen. Bis Mai 2015 wurden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 141.905 Anträge auf Asyl gestellt, im ganzen Jahr 2014 reichten 202.834 Menschen einen Asylantrag ein. Mit dem Zustrom steigt die Hilfsbereitschaft. Menschen schauen nicht mehr gleichgültig weg. Im gleichen Atemzug haben Kirchengemeinden allerorten eine wichtige Aufgabe gefunden: Sie bieten Zuflucht und Beistand.

Der Pfarrer von der Seenplatte, die Vertrauensfrau aus Altdorf, der Geschäftsmann in München - alle haben sie diesen einen Satz auf den Lippen: „Wir können die doch nicht vor der Tür stehen lassen." Eine Welle der Hilfsbereitschaft erwärmt die Atmosphäre. Proteste gegen Flüchtlinge in der Nachbarschaft sind seltener geworden. Dezentrale Einrichtungen liegen für viele gleich um die Ecke. Der Nürnberger Hans-Günther Schramm, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten im Ökumenischen Kirchenasylnetz engagiert, spürt diesen Stimmungswechsel auch. Gleichgültigkeit oder die Ablehnung gegenüber Hungerstreikenden seien einer „Grundeinstellung der Barmherzigkeit“ gewichen, stellt er fest.

Das sieht man auch an der steigenden Bereitschaft, Flüchtlingen Kirchenasyl zu gewähren. Stephan Theo Reichel, Beauftragter der Bayerischen Landeskirche für die Beratung und die Koordination in Fragen des Kirchenasyls, weiß von 70 bis 80 Kirchengemeinden in Bayern, die aktuell Flüchtlinge in kirchlichen Räumen beherbergen, um sie vor der Abschiebung in Länder mit besonders desolaten Bedingungen für Asylsuchende zu schützen. Einige davon sind so genannte stille Kirchenasyle: Die Öffentlichkeit wird nicht informiert, aber die Behörden wissen Bescheid. Allein in diesem Jahr habe es schon weit über 100 Kirchenasylfälle in Bayern gegeben.

Die evangelische Kirchengemeinde in Pfronten im Allgäu ist seit März ein Zuhause für zwei Flüchtlinge. In zwei Zimmern im Kirchturm leben der 28-jährige Muhammed und  der 42-jährige Aiman im Kirchenasyl. Betten und Möbel hat die Gemeinde gestellt, für Unterhalt und Ernährung sorgt ein Unterstützerkreis. Die Hilfsbereitschaft ist groß: Pfarrer Andreas Waßmer und die Kirchengemeinde möchten die beiden Syrer vor einer Abschiebung nach Ungarn schützen und ihnen ein faires Asylverfahren in Deutschland ermöglichen. Es solle in einem "ganz akuten Moment" geholfen werden, erklärt Kirchenvorsteherin Elke Bansa.

Das Lutherzimmer der Kirchengemeinde Gräfensteinbach bei Gunzenhausen war 2011 für Youssuf Muhammad Idriss drei Monate lang ein Unterschlupf. Der Somali, der aus seiner Heimat geflohen war, weil ihn eine militante Gruppe rekrutieren wollte, hatte zunächst in Italien den Boden der EU betreten, dort aber „die Willkür der Straße kennengelernt“, wie es Pfarrer Matthias Knoch ausdrückt. Inzwischen ist Idriss im regulären Asylverfahren und in Treuchtlingen untergebracht, berichtet Knoch. Die Frist, die er laut Dublin-Verordnung in Deutschland verbracht haben musste, um nicht zurück nach Italien geschickt zu werden, war überbrückt. Inzwischen konnte bei einem Gerichtsverfahren ein vorläufiges Bleiberecht für Idriss erwirkt werden.

Gemeinden aktiv

Aussenansicht der Erstaufnahme in Zirndorf,© www.fluechtlingsrat-bayern.de

Nach Deutschland kommen immer mehr Einwanderer aus den Krisengebieten dieser Erde. So viele neue Flüchtlinge sind nicht mehr in wenigen großen Lagern und Gemeinschaftsunterkünften unterzubringen. Sie leben heute dezentral mitten unter uns. In kleinen Gemeinden mit nur 20 Einwohnern ohne Busanschluss ebenso wie in der Großstadt im Lärm einer vierspurigen Schnellstraße.

Spielen Kinder,© www.diakonieneuendettelsau.de

Für Kirchengemeinden in Bayern bedeutet dies zweierlei: Immer mehr engagierte Ehrenamtliche aus den Gemeinden sehen es als ihre christliche Pflicht, den Neuankömmlingen zur Seite zu stehen. Und die Kirchen suchen unter ihren Immobilien nach geeigneten Objekten, die sie Flüchtlingen zur Verfügung stellen können.

Paul-Gerhardt-Haus in Neuendettelsau,© www.diakonieneuendettelsau.de

Die Landeskirche konnte unlängst dem bayerischen Innenministerium eine Liste von Gebäuden zur Verfügung stellen, in denen Flüchtlinge unterkommen können. Ähnlich haben auch die Diakonien in Rummelsberg und Neuendettelsau in ihren Immobilien Wohnraum für Flüchtlinge geschaffen. Jeweils 100 Menschen können dort unterkommen.

Logo Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland,© http://www.oekumene-ack.de

Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Bayern (ACK) rief im Februar 2014 in einem Brief die Kirchengemeinden auf, Flüchtlinge als Geschwister zu sehen „die uns bereichern und für die wir Verantwortung tragen“. Diesem Aufruf folgen derzeit noch nicht gezählte Gemeinden von Hof bis Kempten und von Aschaffenburg bis Passau.

Cafe International,© www.zirndorf-evangelisch.de

Es bilden sich viele Unterstützerkreise. Ein solcher ist in Altdorf bei Nürnberg entstanden, der den afghanischen Gäste, die in einem ehemaligen Gasthof untergebracht sind, bei Ämtergängen hilft, in medizinischen Fragen unterstützt oder Deutschkurse abhält, wie die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, Bärbel Reuter, berichtet. Ein mehrfach ausgezeichneter Asyl-Unterstützerkreis mit jahrelanger Erfahrung ist die Gruppe St. Rochus in Zirndorf.

Pfarrer Matthias Knoch hat bei einem Treffen des ökumenischen Kirchenasylnetzes in Bayern beschrieben, vor welcher Gewissenentscheidung er stand, als man ihn um Hilfe bat: „Er war mein Nächster geworden. Einer aus den vielen unbekannten Gesichtern hatte einen Namen und eine Geschichte bekommen.“ Zugleich aber war Knoch bewusst, dass er nun im Begriff war, etwas zu tun „was gegen die vorgegebene staatliche Vorgehensweiser spricht“.

Für eine stärkere Willkommenskultur

Wie kann Flüchtlingen am wirkungsvollsten geholfen werden? Der Film von Axel Mölkner-Kappl lässt Asylsuchende und Hellfende zu Wort kommen.

Es sind manchmal große, manchmal kleine Gesten, die aus den Kirchengemeinden kommen, um den Flüchtlingen und vor allem auch ihren Kindern das Eingewöhnen leichter zu machen. Konrad Tzeschtke geht drei Mal in der Woche in den ehemaligen Landgasthof in Hubmersberg, einem Ortsteil von Pommelsbrunn (Landkreis Nürnberger Land), um jungen Leuten aus dem Iran oder Somalia Deutschunterricht zu erteilen. Marianne Ermann aus Hersbruck fährt die Flüchtlinge, die dezentral im kleinen Gersdorf (Landkreis Nürnberger Land) untergebracht sind, zum Arzt oder versorgt junge Mütter aus Tschetschenien mit Babykleidung. Oder „Mister Peter“: Er ist ein Zimmerermeister, der junge Asylbewerber aus dem Iran oder Äthiopien als Praktikanten beschäftigt, die sonst nicht arbeiten dürften.

Einer von ihnen ist Yonas Gebretsiane, ein ausgebildeter Agraringenieur aus Addis Abbeba. Stolz zeigt der junge Mann ein Passfoto, auf dem er den Doktorhut der Universität trägt. Er legt Mr. Peter einen kräftigen Arm um die Schultern. Die beiden sitzen an einem Tisch bei einer „Begegnung der Kulturen“ in Lauf an der Pegnitz, veranstaltet von der evangelischen Dekanatsjugend Hersbruck. Die Jugend hat Flüchtlinge und ansässige Bürger eingeladen. Hier trifft Tzeschtke auch Zazira aus Äthiopien wieder, die in der Berufsschule inzwischen in die Köche-Klasse geht und zuvor von dem Pensionär etwas Deutsch gelernt hat. Ein wenig schüchtern in einer Ecke der großen Aula der Laufer Schuler haben zwei Männer und eine Frau mit einem Kleinkind aus Syrien Platz genommen. „Wir sind jetzt zwei Wochen hier“, erzählt Sayyar. Derzeit können sich er und sein Schwager, der mit hohlen Wangen neben ihm sitzt, eine Rückkehr in die Heimat nicht vorstellen. „Hier fangen wir bei null an“, meint der Schwager, „in Syrien war ich unter null.“ Auf seinem Handy, das er nicht aus der Hand legt, hat er die Fotos der Leichname seiner zwei Brüder gespeichert, die bei Anschlägen auf ihre Wohnviertel in Damaskus ums Leben kamen.

Es sind diese schrecklichen Bilder und die Berichte von Giftgasangriffen, von ertrunkenen Flüchtlingen vor der Mittelmeerinsel Lampedusa, der Aufruf von Papst Franziskus, die Konvente zu öffnen, die den Menschen in Europa in den vergangenen Monaten klar gemacht haben: Leichtfertig verlässt keiner seine Heimat.


17.06.2015 / Harmsen/epv/poep
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