Gottesdienst

Was passiert in einem Gottesdienst?

Frau schaut in einen Karton

Neugierig? Der Blick in einen Gottesdienst ist eine lohnende Sache.

Bild: cydonna/photocase.de

Ein evangelischer Gottesdienst ist ein komplexes Gesamtkunstwerk. Es folgt einer Dramaturgie, ist quasi ein Wechselspiel der am Gottesdienst Beteiligten.

Es inszeniert die Grundfragen des Glaubens wie Zweifel, Hoffnung, Dank, Klage und Bitte. Es ist Zwiesprache zwischen Gott und den Menschen. Es ist Unterweisung, Lehre und Bibelstudium. Es nimmt traditionelle geschichtliche Ausdrucksformen ebenso auf wie moderne und zeitgenössische.

Um sich in diesem Gesamtkunstwerk gut bewegen zu können, bedarf es nicht nur einer gewissen Übung und Praxis, sondern auch ein wenig Erklärung dessen, was im Gottesdienst geschieht.

Die so genannte Grundform 1 aus dem evangelischen Gesangbuch ist die klassische Form eines Gottesdienstes, wie sie derzeit am häufigsten in den Gemeinden gefeiert wird. Alle modernen Formen orientieren sich gewissermaßen an diesen Grundelementen und gestalten sie je nach Anlass und Zielgruppe weiter.

Eröffnung und Anrufung


Gottesdienst geschieht nicht im luftleeren Raum. Ich komme aus meinem bewegten Leben und bringe meine Welt in die Kirche hinein: das, was mich in den vergangenen Stunden und der zurückliegenden Woche beschäftigt, gefreut oder geärgert hat, meine Sorgen, meine Erfolge, meinen Streit. Dies entfaltet der Eingangsteil des Gottesdienstes in einer Art Dramaturgie. 

Stille zu Beginn

Die Stille zu Beginn lässt mich zu mir selbst kommen und gibt mir Zeit für meine Gedanken und zum Atem holen.

Glockengeläut

Das Glockenläuten macht bewusst: Dies ist ein besonderer Tag in der Woche.

Musik zum Eingang und Eingangslied


Die Musik zum Eingang stimmt ein auf die Begegnung mit Gott. Im Eingangslied komme ich selbst zu Wort. Aber ich singe nicht allein. Im Mitsingen der alten und neuen Texte zeigen sich die Gottesdienstbesucher als Gemeinde, die Gott feiert.

Votum

Erst jetzt tritt der Gottesdienstleiter/die Gottesdienstleiterin in Aktion. Er/sie begrüßt die Gemeinde und macht im Votum deutlich, in wessen Namen sie versammelt ist: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". Gott, keine andere Macht steht über dieser Feier. Die Gemeinde bekräftigt das mit dem hebräischen "Amen", ja, "so ist es /so soll es sein".

Vorbereitungsgebet

Mit einem so genannten Vorbereitungsgebet wendet sich nun die Gemeinde an Gott. In traditionellen Gottesdiensten wird an dieser Stelle das Confiteor gesprochen: Ein knappes, formelhaftes Schuldbekenntnis mit der Bitte um Vergebung ("der allmächtige Gott erbarme sich unser. Er vergebe uns unsere Sünde und führe uns zum ewigen Leben"), gefolgt von einem Zuspruch der Gnade und Liebe Gottes. Der Mensch kann vor Gott nicht bestehen. Er bedarf täglich neu der Vergebung. Dies wird zum Beginn des Gottesdienstes dargestellt: Alles, was belastet und trennt, kann in dieser Stunde vor Gott abgelegt werden.

Modernere Gottesdienste bevorzugen heute oft das Eingangsgebet. In einfacher Sprache und mit Impulsen und Elementen der Stille geben sie dem Einzelnen Gelegenheit, vor Gott zur Besinnung zu kommen. Letztlich geschieht in beiden Formen das Gleiche: Ein Ankommen bei Gott und ein Ablegen dessen, was den Menschen belastet. Manche vergleichen das Eingangsgebet mit der Garderobe in einem Haus: Ohne Gepäck, das mich belastet, kann ich dem Gastgeber viel freier begegnen.

Introitus

Der Introitus, das Psalmgebet, ist seit dem frühen Mittelalter Bestandteil des Gottesdienstes. In Bayern wird er in den meisten Gemeinden sonntäglich im Wechsel gesungen oder gesprochen. Ursprünglich sangen sich die Mönche die Psalmverse von Chorgestühl zu Chorgestühl oder von Empore zu Empore zu. Jedem Sonntag ist ein anderer Psalm zugeordnet, eines jener uralten Lieder aus dem Gottesdienst des Volkes Israel, die die Fülle des Lebens - Lob und Klage, Dank und Zorn, Ermutigung und selbst das Bedürfnis nach Rache - vor Gott bringen.

Kyrie und Gloria

Meist unmittelbar daran schließen sich Kyrie und Gloria an – ebenfalls Wechselgesänge zwischen dem Liturgen/der Liturgin und der Gemeinde.

Kyrie eleison – Herr erbarme dich

Christe eleison - Christus erbarme dich

Kyrie eleison – Herr erbarm dich über uns.

Mit diesem Huldigungsruf, der in der Antike weltlichen Herrschern galt, bekennen die Christen, dass allein Gott die Anbetung gebührt. Seine Herrschaft steht über aller weltlichen Macht und relativiert die Absolutheitsansprüche totalitärer Staaten. Der dreimalige Ruf erinnert daran, dass sich Gott in drei Personen offenbart hat: als Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Das Gloria (Ehre sei Gott in der Höhe – und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen) und das nachfolgende Lied bestärken diese Aussage: Allein Gott in der Höh sei Ehr'. 

Tagesgebet oder Kollektengebet


Nach dem Ankommen und Ablegen vor Gott, nach dem Lob seiner Herrlichkeit und dem Bekenntnis zu seiner Macht ist der Gottesdienstbesucher eingestimmt auf die Begegnung mit Gottes Wort. Im Tagesgebet oder Kollektengebet, das nichts mit der später eingesammelten Kollekte, sondern mit seinem zusammenfassenden Charakter zu tun hat, wird das Thema des Gottesdienstes benannt und auf die Lesungstexte hingeführt. Kennzeichnend für dieses Gebet ist seine strenge, altertümlich anmutende Form. Jahrhundertelang wurde es vom Liturgen auf einem Ton gesungen.

Verkündigung und Bekenntnis


Nach langer Vorbereitung steuert der Evangelische Gottesdienst auf seine Mitte zu: die Lesung und Auslegung der Heiligen Schrift. Auch der Verkündigungsteil geschieht im Wechsel zwischen Gottesdienstleitung und Gemeinde. 

Lesungen

Bis zu drei Bibeltexte, für jeden Sonntag im Kirchenjahr festgelegt, werden im Gottesdienst verlesen: eine Stelle aus dem Alten Testament oder den Briefen des Neuen Testaments (Epistel), eine Evangeliumslesung und der Predigttext. Oft ersetzt jedoch der Predigttext eine der beiden anderen Lesungen. 

Bekenntnis

Auf die Lesungen antworten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem gesungenen oder gesprochenen Bekenntnis. Sie nehmen damit ganz aktiv an der Verkündigung teil und sagen ihr „ja“ dazu. Aus amerikanischen Gottesdiensten kennen wir die enthusiastischen Amen- und Hallelujarufe – im deutschen Gottesdienst geschieht das geregelter: mit dem gesungenen Halleluja-Ruf und dem Wochenlied (für diesen Sonntag im Kirchenjahr festgelegtes Lied) nach der Epistel, mit dem Ruf „Ehre sei dir Herr“, dem Glaubensbekenntnis und einer Liedstrophe nach dem Evangelium.

Predigt

Worauf darf ich hoffen? Was hat mein Glaube an Jesus Christus mir heute noch zu sagen? Und: Wonach kann ich mein Tun und Handeln ausrichten? Auf diese und ähnliche Fragen versucht die Predigt Antwort zu geben. Sie orientiert sich dabei an einem Abschnitt aus der Bibel. Diese so genannten Perikopen sind für jeden Sonntag im Kirchenjahr festgelegt und in Perikopenreihen angeordnet, die sich alle sechs Jahre wiederholen. Andere Kirchen, zum Beispiel die Reformierte, kennen diese Tradition nicht. Hier kann es auch einmal vorkommen, dass Sonntag für Sonntag ein ganzes biblisches Buch gepredigt wird. Die Predigt, die Auslegung der Heiligen Schrift, ist ein Herzstück des Gottesdienstes. In vielfältiger Form nimmt sie Bezug zur Gegenwart und versucht die Bedeutung des Glaubens für heute zu verdeutlichen.

Predigtlied und Kollekte

Das Predigtlied schließt die Kanzelrede ab. Während eines dieser Lieder wird meist der Klingelbeutel (benannt nach dem Glöckchen, das früher an diesem Sammelbehälter angebracht war und in manchen Gemeinden noch ist) herumgereicht. Über den Tellerrand hinauszusehen, sein Herz und seinen Geldbeutel für die Not und die Bedürfnisse anderer zu öffnen, gehört zum christlichen Leben dazu. Deshalb hat auch das Teilen und Geben im Gottesdienst einen wichtigen Platz. 

Das Abendmahl


Im gemeinsamen Essen und Trinken wird die Gegenwart Jesu Christi in der versammelten Gemeinde besonders sinnfällig. In diesem von Jesus selbst eingesetzten Ritus ist Gott den Christen besonders nahe. Während man in früheren Jahrhunderten das Abendmahl in der lutherischen Kirche auf wenige Hochfeste im Jahr beschränkte, wird es heute in den meisten Gemeinden ein- bis zweimal im Monat gefeiert. Den Charakter des Besonderen hat es nicht verloren. Davon zeugt auch die feierliche liturgische Form, die in Teilen von Gemeinde zu Gemeinde variieren kann.

Gabenbereitung

In machen Traditionen führt eine Gabenbereitung auf das Mahl hin. Brot und Wein werden herein getragen. Ein altkirchliches Gabengebet knüpft die Verbindung zwischen dem aus vielen Körnern gewonnenen Brot und der (gegenwärtigen und endzeitlichen) Versammlung der Gemeinde. Es setzt das Abendmahl damit in einen zeit- und weltumspannenden Bezug und verweist auf die Gemeinschaft der Glaubenden: So wie das Brot Christi Leib ist, so sind auch die, die sich im Glauben an Jesus Christus zusammenfinden, Glieder an seinem Leib.  

Präfation

Die Präfation, der Vorspruch zum Großen Lobgebet, hat uralte Wurzeln. Mit diesem Wechselgesang aus dem dritten Jahrhundert erhebt der Gläubige seine Seele zu Gott und erkennt ihn als den Herren an:

Der Herr sei mit euch – und mit deinem Geist

Die Herzen in die Höhe – wir erheben sie zum Herrn
Lasst uns Dank sagen dem Herren unserm Gotte – Das ist würdig und recht.

Päfations- oder Großes Lobgebet


Das Präfations- oder Große Lobgebet entfaltet das Lob, es erzählt von dem Heil, das Jesus Christus den Menschen gebracht hat und reiht die Christen ein in den himmlischen Jubel, das Sanctus (Heilig).

Sanctus

Heilig heilig heilig ist der Herre Zebaoth,

alle Land sind seiner Ehre voll, Hosianna in der Höhe.

Gebenedeit sei der da kommt, im Namen des Herrn, Hosianna in der Höhe.

Dieser Liedruf der Gemeinde erinnert sowohl an den Lobgesang der Engel (Jes 6,3) im Himmel als auch an den Einzug Jesu in Jerusalem: Derjenige, dem die Mächte des Himmels singen, ist kein anderer als Jesus. 

Einsetzungsworte

Nach der Bitte um den Heiligen Geist (Epiklese), folgt das Heiligste des Abendmahls: In den meist gesungenen Einsetzungsworten (link), erinnert der Liturg an das letzte Abendmahl Jesu und vergegenwärtigt die Stiftung des Sakraments. Oft antwortet die Gemeinde darauf mit dem "Geheimnis des Glaubens":

Deinen Tod o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Vater unser

Mit der Feier des Abendmahls geben Christen diese Tradition weiter und hört nicht auf, auf die Wiederkunft Christi zu hoffen. Nach einem Gebet, das noch einmal das Heilsgeschehen beschreibt (Anamnese), wird das Gebet Jesu, das Vaterunser gesprochen. 

Friedensgruß

Dass das Abendmahl nicht nur ein Geschehen zwischen Mensch und Gott ist, sondern dass auch das Verhältnis zwischen den Menschen nicht unberührt bleiben soll, zeigt der Friedensgruß. Der gesungene Wunsch des Liturgen/ der Liturgin oder auch ein persönliches Zeichen zwischen den Gottesdienstbesuchern macht deutlich: Wer gemeinsam am Altar das Abendmahl empfängt, kann nicht in Feindschaft leben. 

Agnus dei und Austeilung des Abendmahls

Mit dem Agnus dei beginnt die Austeilung des Abendmahls. Gott benötigt keine Opfer mehr, besagt dieser etwas sperrige Gesang. Seit Jesus Christus ist kein Opfer mehr nötig, um sich Gottes Gnade sicher zu sein. Deshalb befehlen sich die Christen seinem Erbarmen, seiner Güte an. Evangelische Christen empfangen das Abendmahl in "beiderlei Gestalt" in Brot und Wein (Saft) unter der Zusage: Christi Leib für dich gegeben/Christi Blut für dich vergossen, oder: das Brot des Lebens/der Kelch des Heils für dich. In den meisten Gemeinden bilden die Gottesdienstbesucher einen Kreis um den Altar, essen Brot und trinken Wein. Aber auch die Wandelkommunion (Hostie und Wein werden im Gehen empfangen) oder die Intinctio (Eintauchen des Brotes in den Wein) sind häufig praktizierte Formen. Hier hat jede Gemeinde ihre eigene Tradition. Seit einigen Jahren sind in vielen Regionen Kinder beim Abendmahl willkommen. Andere knüpfen die Zulassung zum Abendmahl an die Konfirmation.

 

Sendung und Segen


Findet kein Abendmahl statt, so schließt der Sendungsteil direkt an das Predigtlied an.
Die Bekanntmachungen aus dem Gemeindeleben sind fester Bestandteil des Gottesdienstes. Kirche hört ja nicht an der Pforte auf, sie setzt sich in den Alltag fort: Christliches Leben, Gruppen, Gebetskreise, Geben und das Mitfühlen mit dem Leid und der Freude von Mitchristen, ist Gottesdienst in weiterer Form. 

Abkündigungen

So bildet sich in den Abkündigungen die Gemeinde als feiernde, lobende und trauernde Gemeinschaft selbst ab.

Fürbitten (und Vaterunser, wenn kein Abendmahl)


Spätestens in den Fürbitten öffnet sich der Gottesdienst der Welt. Er nimmt die Anliegen der Gemeinde, Einzelner und aktuelle Notlagen wahr und wendet sie an Gott. In den Fürbitten macht die Gemeinde ernst damit, dass kein Bereich des Lebens von Gott unberührt bleibt. In dem Gebet für andere schulen wir unseren Blick für die Not anderer und vertrauen Gott, dass er sich ihrer annimmt. In Gottesdiensten ohne Abendmahl schließen die Fürbitten mit dem Vaterunser.

Segen und Sendung


Nach einer freien oder geprägten Entlassung (Sendung) und dem Segen gehen die Gottesdienstbesucher begleitet von Orgelklängen in ihren Alltag zurück. Der Schutz und der freundliche Blick Gottes begleiten sie. Denn Gottes Zuspruch gilt:
Der Herr segnet dich und behütet dich.
Der Herr lässt sein Angesicht leuchten über dir und ist dir gnädig.
 Der Herr erhebt sein Angesicht auf dich und gibt dir Frieden. Amen.

Die Beichte


Eine Sonderform des evangelischen Gottesdienstes ist der Beichtgottesdienst. Er findet an besonderen Feiertagen (Buß- und Bettag) und Kirchenjahreszeiten (Passionszeit), in manchen Gemeinden aber auch öfter statt. In der Beichte wenden sich Christen mit dem, was sie belastet, an Gott; sie erkennen, dass sie im Widerspruch zu Gott und in der Trennung von ihm leben. Sie bekennen, dass sie an Gott schuldig geworden sind und bitten um Vergebung ihrer Sünden. Sie empfangen Gottes Freispruch und erfahren darin Entlastung für ihr Gewissen. 

Beichte im Gottesdienst

Innerhalb des lutherischen Hauptgottesdienstes wird die Beichte meist im Zusammenhang des Abendmahls, im Eröffnungsteil oder nach der Predigt verortet. Lieder, Schriftlesungen und Predigt schaffen Raum für die persönliche Besinnung. Diese Gewissensprüfung, meist anhand eines Beichtspiegels, geht meist den zehn Geboten entlang und formuliert Fragen, zum Beispiel: Welcher Mensch oder welche Sache ist dir wichtiger als Gott? Wer oder was beeinflusst dich am stärksten? Nimmst du dir bei deinen Planungen und Entscheidungen genügend Zeit zum Hören auf Gottes Wort? Fliehst du in Arbeit und Vergnügen? Mit welchen Menschen lebst du in Spannung? 

Die innere Beichte

Im eigenen Beten setzen sich Christen mit dem Anspruch Gottes auseinander und nehmen die eigene Schuld wahr. In der Stille, mit sich und Gott allein, nennen sie Gott ihre Verfehlungen. Sie machen sich bewusst, dass "vor den Engeln Gottes Freude sein wird über einen Sünder, der Buße tut" (Lukas 15,10). In der Erinnerung an Gottes Liebe können die Betenden zu der Gewissheit gelangen, dass Gott sie von ihrer Schuld lossagt. 

Die Einzelbeichte

Manches lässt sich nicht im stillen Beten bereinigen. Manche Schuld belastet die Seele so, dass erst das Reden darüber weiterhilft. Die Einzelbeichte gibt dafür Raum. Sie ist ein Gesprächsangebot, über erkannte eigene Schuld zu sprechen und Gottes Vergebung im persönlichen Zuspruch zu erfahren. Ein solches Gespräch steht immer unter dem Siegel der Verschwiegenheit. 


01.07.2014 / Anne Lüters