Bild und Bibel

Kunst als ReFormatio

Menschen zwischen Kirchenbänken

Kunstprojekt "12 (W)Orte": Benjamin Zuber zeigt Videostills, in denen sich Raum und Liturgie strukturell vermischen.

Bild: (c) Kunstprojekt "12(W)Orte" / Benjamin Zuber

Zum Themenjahr 2015 der Lutherdekade "Reformation - Bild und Bibel" setzt sich ELKB-Kunstreferent Helmut Braun mit der Kunst im Spiegel Luthers auseinander - passend auch zum Reformationstag. 

„Wollte ich als Maler ein Bildnis Gottes schaffen, müsste ich es jeden Monat neu tun. Nach zwölf Monaten [...] würde ich es aufgeben, weil sich Sinnlosigkeit offenbart, weil nach zwölf Monaten ein monochromes ,bildloses' Gemälde entstünde, alle Bilder in einem einzigen verdichtet, das eine qualifizierte Leere zum Ausdruck brächte. Ich würde es wegstellen, weil ich diese Leere in mir selbst geschaffen hätte,als eine Empfänglichkeit, für die Wirksamkeit dessen, was wir als Gott bezeichnen."

Wenn man Jean Christoph Ammann, dem gefragten Kunsthistoriker und Kunstkenner, in diese visionäre Geschichte folgt und sie weiterdenkt, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die gestalterisch kreative Beschäftigung mit Gott zu einer Leere führt, die nur Gott zu füllen in der Lage ist. Muss diese Leere nicht immer wieder neu geschaffen werden, damit sich seine Wirksamkeit voll und für unser Leben bereichernd entfalten kann?

"Kunst ist nicht heilsnotwendig"

Vielleicht kann man mit Luther antworten: Du kannst die Kunst haben – du kannst sie auch nicht haben. Luthers „Adiaphora“ Position ist ein Freibrief für den Beginn der Moderne, stellt der Kunsthistoriker Werner Hofmann fest. Seine „Abwertung der Bilder schlug in deren Aufwertung um, die Beschränkung erwies sich als Befreiung“.

Kunst ist nicht heilsnotwendig, sagt Luther – aber sie macht dich nachdenklich. Du stellst Fragen – Kunst wirft Fragen auf. Wenn du schon auf diesem Weg bist, dann bleibe nicht stehen bei der ersten Frage. Frage weiter! Frage immer weiter, bis du etwas von dem erahnst, was in Kunst alles stecken kann. Und wenn du es immer wieder tust, entwickelt sich ein Ritual, eine Systematik. „Kunst ist Methode aus Freiheit“ meint der viel zu früh verstorbene Künstler Thomas Lehnerer. Seit 500 Jahren ist es Anliegen der Reformation, Kirche nach dem Wort der Schrift zu gestalten. Dabei geht es um ständige Reformation bei zeitgleicher Suche nach einer gegenwärtigen Gestalt. Reformation ist gleichsam der durchaus experimentelle Kreislauf vom Wort zur Gestalt und wieder zurück zum Wort.

Kunst ist erfahrbare Sinnfrage

Denn die reformatorische Botschaft von der Gnade Gottes und dem gerechtfertigten Menschen ist es wert, immer wieder neu erinnert und damit gebildet und abgebildet zu werden. Zu dieser ReFormatio kann Kunst etwas beitragen, ja selbst eine ReFormatio sein. Eine Begegnung von Kirche und gegenwärtiger Kunst heißt auch, am Kreativen, am Schöpferischen, an prozessualer Veränderung des Lebens teilzuhaben. Kunst ist erfahrbare Sinnfrage.

Im Kirchenkreis Bayreuth entsteht derzeit das Projekt „12 [W]ORTE“, das im ganzen Themenjahr zu sehen sein wird. Zwölf ausgewählte Bibelworte werden von zwölf Künstlerinnen und Künstlern interpretiert und situativ auf je eine Gemeinde und deren Kirchengebäude bezogen – als Raum, Klang oder Videoinstallationen, in Gestalt klassischer Malerei und Bildhauerei. Geschichten aus der Bibel sollen nicht einfach illustriert, sondern für unsere Zeit neu interpretiert werden.

Kreativ einen Raum für Gott schaffen

Die biblischen Texte wurden von einer breiten Öffentlichkeit im Kirchenkreis ausgewählt, die via Zeitungen, Internet, Radio und Fernsehen dazu ein geladen war. Eine Fachjury suchte die Künstler und Künstlerinnen aus. Die Kirchengemeinden, die sich beworben haben, freuen sich darauf, sich mit dem biblischen Text, mit den Künstlern und ihrem Kunstwerk in vielfältiger Weise auseinanderzusetzen. Konzeptkunst als Weg, kreativ einen Raum für Gott zu schaffen.

In Schweinfurt findet das „Projekt 16 19 21“ statt. Es will die Wurzeln der Reformation im 16. Jahrhundert gestalterisch aufgreifen (Museum Otto Schäfer), ihrer Rezeption durch die Jahrhunderte und insbesondere im 19. Jahrhundert nachspüren (Museum Georg Schäfer) und der Frage nachgehen, wie es in unserer Zeit (Kunsthalle Schweinfurt) und in Zukunft mit der Nähe von Gott und Welt aussieht. Unter dem Thema „Gott und die Welt“ zeigt die Kunsthalle Schweinfurt von Oktober 2015 bis März 2016 die Triennale III der zeitgenössischen Kunst.

Die Ausstellung, in die auch die Schweinfurter Johanniskirche eingebunden ist, leitet zugleich zum Jahresthema 2016 der Lutherdekade über. – Wie berühren, verbinden oder durchdringen sich Gott und die Welt? Ein sinnlich wahrnehmbarer Denkraum gegenwärtiger künstlerischer Positionen zu den Begriffen Differenz oder Nähe zu Gott soll entstehen. Ein Experiment. Die Chance, einen Raum der „Empfänglichkeit für die Wirksamkeit dessen, was wir als Gott bezeichnen“ (Jean Christophe Ammann) bereitzustellen.

Zur Person

Helmut Braun, Kunstreferent der ELKB, Bild: © (c) ELKB

Helmut Braun

Helmut Braun ist Vorsitzender des Arbeitskreises Kirche und Kunst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB). Der Arbeitskreis ist u.a. zuständig für die Verleihung des Kunstpreises der Landeskirche und wirkt mit bei der Ausrichtung des Kunstempfangs des Landesbischofs.


30.10.2014 / Helmut Braun / Kunstreferent ELKB
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