Popularmusik

Groove mit Gott

Ein Konzertpublikum

Christliche Popmusik trifft den Nerv junger Leute.

Bild: iStockPhoto / Rich Legg

Popularmusik ist die Musiksprache unserer Zeit – auch in unserer Kirche. Glaube verschafft sich so mit christlicher Popularmusik Gehör.

Großer Bahnhof im Gemeindezentrum der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Königsbrunn: Rund um den Bühnenraum hängen Fahrpläne und Wagenschilder aus, Poster mit wuchtigen Dampflokomotiven, die Zeiger der großen Bahnhofsuhr stehen auf fünf vor zwölf. Die Band beginnt zu spielen.

Durch den weiten Raum weht der melancholisch-rockige E-Gitarrenauftakt einer populären Ballade. „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo: Die Frage nach dem Sinn des Lebens“ prangt auf der großformatigen Leinwand. Warm und volltönend legt sich die Stimme des Frontsängers über das Klangbett.

"Viele sind nicht glaubens-, aber kirchenfremd"

Gut 150 Besucher haben sich zum „etwas anderen Gottesdienst“ eingefunden, lauschen andächtig oder singen die auf der Projektionsfläche einlaufenden Textzeilen mit. Behutsam greift Alan Büching mit seiner Geige die Melodie auf, um sie sogleich in seinem Solopart temporeich und virtuos zu variieren.

Seit elf Jahren ist Büching Pfarrer der Königsbrunner Gemeinde. Drei- bis vier Mal jährlich richtet er den `GoSpecial` aus: „So wollen wir Menschen erreichen, die mit einem normalen Gottesdienst nicht viel anfangen können“, erklärt Büching. „Viele sind nicht glaubens-, aber kirchenfremd. Sie verstehen die liturgischen Formen, die alten Choräle und Texte nicht mehr. Das ist eine fremde Welt für sie.“ Das Rezept: ein übergeordnetes Thema, zwei musikalische „Evergreens“ zu Beginn, Sketche, ein Theaterspiel, eine Predigt und: christliche Popmusik.

"Musik transportiert geistliche Dinge stärker als das Wort"

Überdies feiert die Königsbrunner Gemeinde jeden Sonn- und Feiertag einen traditionellen Gottesdienst mit Orgelmusik in der Johanneskirche und anschließend einen kreativen Bandgottesdienst mit Pop-, Rock-, Gospel- und Soulmusik im nahen Martin-Luther-Haus: Schlagzeug, Instrumente, Mikrofone und Monitore, ein Beamer sowie ein digitales Mischpult im einsehbaren Nebenraum sind fest installiert. Über eine Internetseite können die Musiker themenkompatible „Songsheets“ herunterladen und dabei auf rund 300 Lieder zurückgreifen.

Der Verband für christliche Popularmusik in Bayern e.V. fördert diese Entwicklung: Der im Jahr 2000 gegründete und der ELKB angegliederte Verband bietet Bands, Pop- und Gospelchören sowie einzelnen Musikern zahlreiche Aus- und Fortbildungsangebote an.

Dazu berät er Gemeinden, die sich für eine popmusikalische Ausrichtung entscheiden, bei der Konzeption und der technischen Umsetzung. Wer sich für eine fundierte Ausbildung interessiert, dem bietet der Popularmusikverband auch die Fachausbildung für Band- und Gospelchorleiter an. „Damit sollen die Musiker ein semiprofessionelles Level erreichen“, sagt Verbandsreferent Michael Ende; die Attraktivität moderner Musikformen soll so gesteigert werden. Denn eines stellt Ende klar: „Nach wie vor ist Popularmusik in den Gottesdiensten eine Randerscheinung.“

"Das ist halt die normale Sprache von heute"

Gleichwohl eine, die magisch anzieht, hat man sie erst einmal als Alternative fürs klassische Liedgut für sich entdeckt. „Diese Lieder sind einfach aussagekräftiger als unsere alten“, schwärmt Ilse Brixel, 65, Mitglied der Königsbrunner Gemeinde, die mit ihren „etwas anderen Gottesdiensten“ die Massen mitreißt – und zwar nicht nur die jungen: Auch Brixels gleichaltrige Freundin Heidi Bilger zeigt sich vollends: „Wir gehen fast immer in den modernen Gottesdienst, weil uns die Musik dort besser gefällt und viele Jugendliche dort sind. Die Lieder gehen ins Ohr, die Texte sind gut verständlich. Das ist halt die normale Sprache von heute.“

Ganz abgesehen davon. Schon zu Zeiten von Luther und Bach war es selbstverständlich "dem Volk aufs Maul zu schauen“. Für die Musik bedeutete das: der Gassenhauer wurde einfach mit einem geistlichen Text versehen und dann in der Kirche gesungen. Popmusik im besten Sinne. In diesem Sinne sprachfähig zu bleiben ist erklärtes Anliegen der Popularmusik in der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern oder wie es der Popularmusikverband formuliert: „Wir treten dafür ein, dass sich christlicher Glaube in moderner Musik ausdrückt.“


17.03.2014 / Jahresbericht 2012/13 der ELKB/Nowack