Kinder erkunden Kirchen

Mit Taschenlampe und Zeichenstift

Mann und Kinder

Kirchenführungen sind ein tolles Erlebnis für Kinder: Kinderkirchenführer Oliver Gußmann im Kreise seiner kleinen Besucher.

Bild: C. Kühlwein

Kirchenführungen sind ein Erlebnis – besonders bei Nacht: Immer mehr Gemeinden bieten Entdeckungsreisen für Kinder in ihren Kirchen an – zum großen Vergnügen der kleinen Besucher und ihrer Eltern.

Wenn es dämmert in der evangelischen Rieter-Kirche in Kalbensteinberg im Fränkischen Seenland, dann öffnet Pfarrer Martin Geisler mit seinem Schlüssel die schweren Türen der gotischen Kirche, die zu den „Schatzkästchen“ des mittelfränkischen Landkreises Weißenburg-Gunzenhausen zählt. „Mit Taschenlampe sieht man die Schätze unserer Kirche noch intensiver“, sagt Geisler und geht mit seinem Licht voran.

Führungen müssen keineswegs langweilig sein, das weiß nicht nur Pfarrer Geisler. Die Vielfalt des Angebots ist kaum zu übersehen: In evangelischen Kirchen in Bayern gibt es Führungen für Kinder und Jugendliche, aber auch für Senioren oder Menschen mit Behinderungen. Zum Angebot gehören Kurzführungen und Musik-Führungen, Nachtführungen und Themenführungen – zu Symbolen oder Farben, Heiligen oder Stiftern.

Für Kinder und ihre Eltern ist die Kirchenführung in der Rieter-Kirche jedenfalls ein großes Vergnügen. Denn hier werden sie nicht mit Zahlen und Daten überfrachtet, sondern entdecken die Kunstschätze im Schein einer Taschenlampe. „Unsere Kirchenführer erzählen kleine Geschichten, die mit unserer Kirche zu tun haben - wie etwa über die Entführung und Rückeroberung unserer wertvollen Palmesel-Skulptur im Mittelalter“, sagt Pfarrer Geisler.

Oft kommen die Familien während ihrer Urlaubszeit, die sie in der hügeligen Landschaft der Jurahöhen zwischen Gunzenhausen und Spalt verbringen. Wenn es regnet, dann geht es statt an die fränkische Seenplatte auch mal in die Kirche. Bei der Führung mit dem Titel „Ritter, Mumien und Drachen“ wird in Glassärgen nach Mumien gesucht, es gibt Ratespiele zu den Heiligenfiguren, oder es wird erklärt, warum die Familie Reiter schon im Mittelalter so reich wurde. Das Konzept geht auf: Jedes Jahr buchen rund 5.000 Gäste eine Führung durch die Rieter-Kirche.

Kirchen entdecken – Schätze finden

In Rothenburg ob der Tauber im mittelfränkischen Landkreis Ansbach hat sich Pfarrer Oliver Gußmann vor allem auf Schulklassen und Jugendgruppen spezialisiert. Zu ihm kommen Kinder jeden Alters. „Ich arbeite viel mit Symbolen und folge dem Interesse der Kinder, denn dann ist die Aufmerksamkeit am höchsten“, erklärt Gußmann.

Gerade stehen knapp zwanzig Jugendliche vor einer Jakobusstatue. „Warum trägt diese Figur wohl einen Hut, einen Stock und eine Muschel“, fragt Gußmann. Dann fordert er einige Jugendliche auf, sich so hinzustellen wie die Figur. „Der läuft ja“, konstatieren die Jugendlichen, und nun können sie sich auch vorstellen, warum der Heilige Jakobus als Schutzpatron für Pilger gilt: Der Hut dient als Sonnenschutz, der Stock als Stütze und die Muschel als Trinkgefäß.

Pfarrer Gußmann orientiert sich bei seinen Schul- und Gruppenführungen vor allem an den Lehrplänen und Unterrichtsinhalten der Schulen. Mal konzentriert er sich in seinen Führungen mehr auf die Architektur, dann wieder auf die Feiertage. Zu ihm kommen nicht nur Religionslehrer. Auch bei Kunstlehrern, Geografie- und Mathematik-Lehrern sind die Führungen beliebt.

Betriebsausflüge und Jubiläen

In der Nürnberger St. Lorenzkirche brummt der Führungsbetrieb: In den Sommermonaten tummeln sich im kühlen Raum Touristen aus aller Welt. Jedes Jahr strömen 750.000 Besucher in die hochgotische Basilika, die zwischen 1243 und 1315 begonnen wurde und berühmte Kunstwerke besitzt – wie den spektakulären „Engelsgruß“ von Veit Stoß, der hoch oben in der Luft schwebt. Das ganze Jahr über gibt es spezielle Führungsprogramme – im Sommer, zur Passionszeit, zur Advents- und Weihnachtszeit, aber auch zu Ereignissen wir der internationalen Spielwarenmesse. Da ist es nur logisch, dass die Führungen längst auch in englischer, spanischer und polnischer Sprache angeboten werden.

Touristenpfarrerin Susanne Bammessel und das Team der Kirchenführer gehen auf die Wünsche der Gruppen ein: Bei einem Gespräch werden die Bedürfnisse geklärt und die Inhalte vorbesprochen. So bekommen Schulklassen, Betriebsausflüge oder kleinere Gruppen gezielt die Information, die sie sich wünschen. Besonders beliebt ist der exklusiven Blick hinter die Kulissen: Wer möchte, kann als Gruppe eine Chorprobe besuchen, auf Turm und Dachboden steigen oder sich unter dem Motto „Pfeifen, Tasten, Apparate“ mit der Funktionsweise einer Orgel vertraut machen.

Für ein solches Führungsprogramm ist einiges Personal nötig: Derzeit sind 40 Kirchenführer und 20 Turmführer sowie weitere 15 Personen für die Präsenz in der Kirche tätig. „Ohne deren Mitarbeit wäre das Programm nicht zu schaffen“, erklärt Pfarrerin Bammessel, die für die Aus- und Fortbildung der Ehrenamtlichen zuständig ist.

Die Lorenzkirche hat so viele Kunstschätze, dass sich trefflich über theologische, aber auch sozialethische oder lebenspraktische Fragen diskutieren lässt: „Beim Verweilen und Schauen entstehen immer neue Anknüpfungspunkte zwischen den Kultgegenständen früherer Generationen und dem eigenen Leben“, sagt Bammessel. Oft käme man ins Gespräch mit den Gästen. Leben, Glaube, Schwierigkeiten mit dem Glauben – all diese Themen hätten einen Platz in der großen Kirche.

Schreiben lernen wie ein Mönch

In das Mittelalter zurückversetzen können sich Kinder in Augsburg. Dort hat die Lehrerin Ute Pätzel seit 1999 unter dem Motto „Erlebnispädagogik in der Kirche“ spezielle Führungen für Kinder im Grundschulalter entwickelt. Das Besondere: Die Führungen orientieren sich thematisch an dem Unterricht in der Grundschule. Die Angebote sind geeignet für die Fächer Mathematik, Deutsch, Religionslehre, Heimat und Sachkunde.

„In einem Kirchenraum wird Lernen zum emotionalen Erlebnis, das alle Sinne anspricht“, erklärt Pätzel das Konzept. Statt nur etwas erklärt zu bekommen, schlüpfen die Schülerinnen und Schüler in die Rolle eines Mönches. Sie lernen mit einer Feder schreiben oder messen mit Luftballons die Höhe der St. Ulrichs-Kirche aus. In der Annakirche entdecken die Schüler Symmetrieachsen und geometrische Körper, lernen römische Zahlen kennen und errechnen die Zahl der Sitzplätze.

Damit die Schüler sich in frühere Zeiten zurückversetzen können, wird mit Gegenständen und Werkzeugen gearbeitet, die der jeweiligen Epoche nachempfunden wurden. Für die Zeit um 1555, als der Augsburger Religionsfriede geschlossen wurde, tragen die Schüler als Druckergesellen Lederschürzen und arbeiten als Mönche mit Mörser und Stößel. Auch das 40-köpfige ehrenamtliche Team verkleidet sich, etwa als Magd oder als Stadtknecht.

Das Konzept ist bundesweit einmalig – und wurde mit dem Ehrenamtspreis der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche geehrt. 3.000 Kinder pro Jahr nehmen an den Führungen der "Erlebnispädagogik in der Kirche" teil. Mittlerweile sind die Unterrichtssequenzen bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Ute Pätzel freut sich über den Erfolg. "Die Kinder wollen nach der Führung meistens gar nicht nach Hause gehen".

Die Pädagogin ist überzeugt: Mit den Führungen „pflanzen wir kleine kulturelle Samenkörner".


23.09.2014 / Rieke C. Harmsen
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