Geistliche Musik

Ein besonderes Instrument zur Verkündigung

Tastatur einer Orgel

Gehört in eine Kirche wie der Fangesang ins Fußballstadion: Die Orgel ist die "Königin" unter den Musikinstrumenten.

Bild: iStockPhoto / jzabloski

Im Christentum hat Kirchenmusik eine lange Geschichte. Heute ist sie aus der Kirche nicht wegzudenken. Kirchenmusik trifft die Gottesdienstbesucher ins Herz.

Somit ist Kirchenmusik ein besonderes Werkzeug zur Verkündigung des Evangeliums. Aber: Ist geistliche Musik gleich Kirchenmusik? Nicht zwingend. Der europäischen Musikgeschichte folgend ist geistliche Musik eine eigene Werkgattung - ursprünglich zwar mit christlichem Inhalt, aber zunächst unabhängig vom Spiel innerhalb eines Gottesdienstes.

„Heute“, informiert der bayerische Landeskirchenmusikdirektor Michael Lochner, „hat der Begriff ,geistliche Musik‘ eine erweiterte Bedeutung. Als geistliche Musik kann jede religiöse Musik verstanden werden, kirchliche wie auch die Musik anderer Religionen“ - und deshalb fließen beide Begriffe  im heutigen Musikverständnis ineinander.

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Im Christentum hat Kirchenmusik eine lange Geschichte. Bereits im vierten Jahrhundert erlangte sie in der religiösen Praxis eine hervorgehobene Bedeutung wie zum Beispiel im wechselseitigen Singen von Psalmen. Die „Ursprache“ der europäischen Kirchenmusik ist der einstimmige gregorianische Chorgesang. Ab 900 nach Christi Geburt wurden die Chorgesänge allmählich mehrstimmig. Im 16. Jahrhundert erlebte das Gemeindelied seine erste Blüte, welches zuerst vom Chor, später von der Orgel angeführt wurde.


Musik ist aus der Kirche, aus dem Gottesdienst, nicht mehr wegzudenken – Lochner weiß auch, warum: Das Zusammenwirken von menschlichen Stimmen, Orgeln und Instrumenten erzeuge einen berührenden Klang. Und indem solche Musik die Herzen aller Gottesdienstbesucher treffe, vermöge sie „wesentliche Inhalte christlichen Glaubens und Lebens zu vermitteln“, sagt Lochner. Denn sie transportiere diese Inhalte über das Fühlen, erzeuge Stimmungen – und besitze so eine verkündigende Wirkung.

Fünf berühmte evangelische Komponisten geistlicher Musik

Felix Mendelssohn Bartholdy

In letzter Zeit haben die deutschen Romantiker aufgeholt, wie Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847): seine Oratorien erfreuen sich wieder zunehmender Beliebtheit in den evangelischen Kirchen.

Felix Mendelssohn Bartholdy,© wikipedia gemeinfrei

Bild: wikipedia gemeinfrei

Felix Mendelssohn Bartholdy: "Herr, der Du bist der Gott" (aus Oratorium Paulus)

CD: Felix Mendelssohn Bartholdy: Paulus. Kirchenwerke XI - Carus 83.214/00 // Chor: Kammerchor Stuttgart // Solisten: Maria Cristina Kiehr, Werner Güra, Michael Volle // Orchester: Deutsche Kammerphilharmonie Bremen // Leitung: Frieder Bernius

Heinrich Schütz

Er gilt als wichtigster deutscher Frühbarock-Komponist: Heinrich Schütz (1585-1672). Er komponierte Vokalmusik zu deutschen geistlichen Texten, vorzugsweise Bibeltexten, zum Beispiel vertonte er die „Psalmen Davids“.

Heinrich Schütz,© wikipedia gemeinfrei

Bild: wikipedia gemeinfrei

Heinrich Schütz: "Der Herr sprach zu meinem Herren" (aus den Psalmen Davids)

CD: Heinrich Schütz, Psalmen Davids - Carus 83.255/00 // Chor: Dresdner Kammerchor // Solisten: Birgit Jacobi, Isabel Jantschek, Dorothee Mields, Marie Luise Werneburg, David Erler, Stefan // Kunath, Tobias Mäthger // Orchester: Dresdner Barockorchester /

Hugo Distler

Hugo Distler,© commons.wikimedia gemeinfrei

Der jüngste Komponist geistlicher Musik in dieser Reihe ist Hugo Distler (1908-1942). Distler gilt als bedeutendster Künstler der „Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920“. 

Johann Sebastian Bach

Geistliche Musik war die Spezialität des Barock-Komponisten Johann Sebastian Bach (1685-1750). Sein „Weihnachtsoratorium“ und seine „Passionen“ zählen zu den meistgespielten Werken in Kirchen. 

Johann Sebastian Bach,© Die Werke von Johann Sebastian Bach gehören zu den meistgespielten in Kirchen

Bild: Die Werke von Johann Sebastian Bach gehören zu den meistgespielten in Kirchen

Johann Sebastian Bach: "Singet dem Herrn ein neues Lied" (eine Motette)

CD: Johann Sebastian Bach: Motetten – Carus 83.298 // Chor: Kammerchor Stuttgart // Leitung: Frieder Bernius

Johannes Brahms

Auch Johannes Brahms (1833-1897) schuf Musik zu Ehre Gottes. Die Texte zum „Deutschen Requiem“ stellte er aus der Lutherbibel selbst zusammen, er zauberte Motetten auf Bibelworte und vieles mehr.

Johannes Brahms,© wikipedia gemeinfrei

Bild: wikipedia gemeinfrei

Johannes Brahms: "O Heiland, reiß die Himmel auf", op. 74,2

CD: Johannes Brahms: Warum ist das Licht gegeben - Carus 83.201/00 // Chor: Kammerchor Stuttgart // Orchester: Bläser der Deutschen Kammerphilharmonie // Leitung: Frieder Bernius

Selbst wenn man die geistliche Musik alleine für sich wahrnehme und sie nicht als Element ansehe, welches einen Gottesdienst emotional „funktionieren“ lasse, entfalte sie eine verkündigende Wirkung.

Der riesige Fundus geistlicher Musik enthalte auch Werke aus Geschichte und Gegenwart, die sich nicht unmittelbar  erschlössen, sagt Lochner. Sie bedürften besonderer dramaturgischer Methoden der Vermittlung, die in einem längeren Konzert und im Raum einer Kirche gut umgesetzt werden könnten. „So kommen in die  Kirchenkonzerte viele Menschen, die wir in unseren Gottesdiensten nicht sehen, mit christlichen Glaubensinhalten in Berührung“ – und der Kreis schließe sich wieder.

Kirchenmusik als "Spiegel der Gegenwart"

Zudem verstünden die jungen akademischen Kirchenmusiker zunehmend, „die vielfältigen musikalischen Strömungen einer globalisierten Musikwelt aufzunehmen“ und zu verbinden“, weiß Lochner.

So entstünde Kirchenmusik als Spiegel der Gegenwart. Gestern wie heute übernehme die Kirchenmusik eine wesentliche Aufgabe, resümiert der Landeskirchenmusikdirektor: „Sie weist mir einen Weg zu dem Frieden, den nur Gott schenken kann. Der Weg dorthin mag leicht oder beschwerlich sein. Er ist immer richtig, wenn er zum Ziel führt.“


28.01.2014 / Almut Steinecke