Spiritualität

Geistliche Begleitung

Sonnenuntergang

Zeit für einen anderen Menschen haben, ganz Ohr für ihn sein - das meint Geistliche Begleitung.

Bild: © iStockPhoto / lightpix

„Über Glauben spricht man nicht.“ – Weit gefehlt. Geistliche Begleitung hilft, den eigenen Glauben mit dem liebevollen Blick eines anderen zu sehen – und daran zu reifen.

„Geistliche Begleitung – das ist doch nichts für mich!“ Noch vor einigen Jahren hätte Markus Sieber den Gedanken, mit einem Menschen über sein Glaubensleben zu sprechen, weit von sich gewiesen. Seine Beziehung zu Gott ging doch niemanden etwas an – und war doch auch ganz in Ordnung. Doch auf einer Kur hatte er Zeit zum Nachdenken. „Da ist mir aufgefallen, wie sehr ich mich nach einem klareren Leben und einem tieferen Glauben sehne. Es ging mir nicht schlecht – aber irgendetwas fehlte da noch.“ Wieder zu Hause, suchte er den Kontakt zum Ortspfarrer, und dieser brachte die geistliche Begleitung ins Gespräch. „Das war wie eine Erleichterung“ sagt der 42 jährige. „Ich war nicht krank oder in der Krise – ich wollte einfach nur etwas für meinen Glauben tun."

Zitat

Einfach anhalten im Getriebe des Alltags. Die eigene Lebenssituation bewusst wahrnehmen im Gespräch mit einem Menschen, der mitgeht und dabei bleibt,
der verstehend und wertschätzend da ist. Neu entdecken, was mich leben lässt,
meine Wurzeln, mein Fundament, mein Glück, meine Beziehungen, mein Glaube. Unterscheiden lernen, was dem Leben dient und sich bewusster entscheiden.
Gott und seinen Weg mit mir erspüren. Und so wachsen – immer mehr ins Leben hinein."

Christa Huber, CJ

Dass geistliche Begleitung ganz selbstverständlich sein kann, das hat auch Barbara Valenta erst erfahren müssen. Bevor sie selbst vor drei Jahren mit der Begleitung begann, kannte sie niemanden, der so etwas schon einmal gemacht hatte und der „mir aus eigener Erfahrung erzählen konnte, was mich konkret erwarten würde.“

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So war es für sie ein Sprung ins kalte Wasser, als sie zum ersten Mal Beate Thiessen gegenübersaß, eine geistliche Begleiterin in ihrer Nähe, die ihr von der Christusbruderschaft Selbitz vermittelt worden war. Nach einem ersten Gespräch konnte sie sich eine Begleitung gut vorstellen. Merkwürdig war es trotzdem erst einmal. Denn ihre Vorstellungen waren zunächst etwas diffus: „Ich hatte keine tiefgreifenden Probleme mit Gott oder dem Glauben, aber den Wunsch, näher und tiefer mit Gott zu leben“, erinnert sich die 55-jährige. „Aber wie konnte das konkret aussehen?“

Beate Thiessen kennt diese Suchbewegung aus eigener Erfahrung. Sie hat selbst erfahren, wie bereichernd geistliche Begleitung für den eigenen Glaubens-Weg ist. Katholisch erzogen, fand sie in einem evangelischen Kloster eine spirituelle Heimat. Die geistlichen Begleit-Gespräche mit den Schwestern dort haben ihren Horizont geweitet. Sie spürte, wie wohltuend der liebevolle Blick von außen war. „Das hat mir viel gebracht für mein eigenes Unterwegs-Sein mit Gott.“ Besonders die Ermutigung, mit allem vor Gott da sein zu dürfen, war hilfreich. Zu hören: Alles, was ist, darf sein. Der Glaube an die Liebe Gottes rutschte vom Kopf tiefer ins Herz. „Ich habe erfahren, dass Christus mit mir auch in allen meinen Brüchen an sein Ziel kommt“, sagt Thiessen heute.

Eine Erfahrung, die sie auch anderen ermöglichen wollte. So begann sie 2011 mit der Ausbildung zur geistlichen Begleiterin. „Du bist mein Gott, den ich suche“, dieser Vers aus dem 63. Psalm ist ihr dabei immer wichtiger geworden.

So begleitet sie jetzt Barbara Valenta bei ihrer Suche. Alle sechs bis sieben Wochen hört sie in meist 60minütigen Gesprächen aktiv zu, gibt Impulse und so manche Anregung für den spirituellen Weg. Denn es ist notwendig, dass Barbara Valenta ihren eigenen Weg geht. Beate Thiessen lässt das in großer Offenheit zu. Und doch ist Barbara Valenta beeindruckt davon, wie schnell sich im Gespräch zeigt, was in ihrem Leben gerade ansteht – und wie hinter scheinbar aktuellen Fragestellungen und Gefühlen oft ein tiefes Lebensthema steckt. Die geistliche Begleiterin eröffnet Vorschläge, wie man mit dieser Erkenntnis in den nächsten Wochen geistlich umgehen kann - durch die Meditation von Bibelstellen, bei bestimmter Literatur oder in der Stille vor Gott.

Das Bild zeigt einen Steg, der an einem See ins Weite führt

Geistliche Begleitung gibt auf dem Glaubensweg Halt und führt ins Weite

Bild: Dorothea Jacob/ pixelio

Gott in der Sehnsucht begegnen

Das Wirken Gottes im eigenen Leben zu entdecken und zu bejahen – dabei soll die Geistliche Begleitung Menschen unterstützen. Sie vertraut darauf, dass Gott alle Menschen beim Namen gerufen hat und seinen eigenen Weg mit ihnen geht. Dabei stehen ihnen Menschen an der Seite, die sie auf diesem spirituellen Weg begleiten: Bayernweit haben sich weit über 80 Personen zu Geistlichen Begleiterinnen und Begleitern ausbilden lassen - wahrnehmungsfähige Menschen, die, wie Beate Thiessen sagt, „wach sind für die Nöte von Kirche und Welt und die einüben, barmherzig zu sein.“ Denn Geistliche Begleitung, da ist Thiessen überzeugt, „kann Menschen befähigen, wacher, sensibler und klarer zu erkennen und zu handeln.“

Die Suche nach dem, was sie antreibt, schreckt Barbara Valenta heute nicht mehr. Sie hat erfahren, dass Gott ihr gerade in ihrer Sehnsucht begegnet. „Das öffnet einen ganz weiten Raum! Was für ein liebevoller Gott, der meine Sehnsucht so ernst nimmt!“ Ihr Verhältnis zu Gott hat sich in den drei Jahren geistlicher Begleitung vertieft. „Ich habe immer mehr Freude daran gefunden, Zeit bei und mit Gott zu verbringen“, erzählt sie. Exerzitien im Alltag, das kontemplative Gebet, der Segen – all das hat einen wichtigen Platz in ihrem Leben erhalten. Weil es ihr gut tut und weil sie erfährt, dass die Beziehung zu Gott sie freier leben lässt.

Aufmerksamer und achtsamer

„Ich glaube ich kann jetzt mehr ich selbst sein vor Gott“, sagt Barbara Valenta heute, nach drei Jahren Geistlicher Begleitung. Sie ist aufmerksamer und achtsamer geworden – und spürt das auch in Familie und Beruf. Seit sie erlebt hat, wie barmherzig Gott mit ihren Schwächen umgeht, fällt es ihr leichter, auch mit anderen barmherzig zu sein. „Ich möchte das tiefe Ja, das Gott mir im Herzen zuspricht, den Menschen ohne Wertung zugestehen“, sagt Valenta. Möglichst viele Menschen sollen diese Erfahrung machen können – deswegen fängt auch sie bald mit der Ausbildung zur geistlichen Begleiterin an.


12.02.2015 / Anne Lüters