Die Orgel

Königin der Instrumente

Eine Orgel ist aus einer Kirche nicht wegzudenken. Ab dem 9. Jahrhundert nach Christi Geburt zog die Orgel allmählich in Deutschlands Gotteshäuser ein und erhielt dort einen festen Platz.

Doch so sehr die Orgel die Menschen der Gegenwart auch begeistert, so skeptisch stand ihr so manch ein Mensch früher gegenüber. Martin Luther zum Beispiel, der große evangelische Reformator, betrachtete das Instrument mit Argwohn. „Die Orgel stammt nämlich aus dem römisch-byzantinischen Bereich und hatte vor allem weltlichen Charakter“, erklärt Ulrich Knörr, Kirchenmusikdirektor aus Rothenburg ob der Tauber.

„Luther hatte Bedenken, dass eine Orgel demagogische Kräfte besitzt“, fügt der 53-jährige Kantor hinzu. Denn eine Orgel hat die Menschen früher nicht beim Singen begleitet, sondern den Chor stets unterbrochen. „Luther hatte Angst, dass die Verkündigung der Heiligen Schrift so behindert würde“, blickt Knörr noch einmal in die Vergangenheit zurück.

Heute ist das anders. Heute bereitet die Orgel (neben anderen Instrumenten wie Klavier oder Gitarre) für jedes gesungene Lied den passenden musikalischen Rahmen, und der Kantor als Spieler an der Orgel ist ein angesehener und beliebter Beruf im kirchlichen Bereich.

Heute ist das anders. Heute bereitet die Orgel (neben anderen Instrumenten wie Klavier oder Gitarre) für jedes gesungene Lied den passenden musikalischen Rahmen, und der Kantor als Spieler an der Orgel ist ein angesehener und beliebter Beruf im kirchlichen Bereich.

Die Ausbildung als Kantor kann man beginnen, „sobald man mit den Füßen im Sitzen die Pedalen einer Orgel berühren kann“, bemerkt Knörr augenzwinkernd. Die Ausbildung zum Kirchenmusiker, in der man meistens erst das Klavier- und dann das Orgelspiel erlernt, kann praktisch jedermann beim Dekanatskantor absolvieren. „Nach drei Jahren macht man dann die so genannte Kleine Prüfung (D-Prüfung) und nach Möglichkeit die große Prüfung (C-Prüfung), und ist fortan nebenamtlicher Kirchenmusiker und darf in Gottesdiensten spielen“, erklärt Knörr.

Pfeifen einer Kirchenorgel,© iStockphoto/© suzyco

Bild: iStockphoto/© suzyco

Hochzeit, Edition VS 3372CD von Karl-Peter Chilla

Orgelmedley aus der CD "Hochzeit", Edition VS 3372CD von Karl-Peter Chilla, mit der freundlichen Genehmigung der Strube Verlag GmbH München

Tastenspiel mit Feingefühl

Nach dem Abitur kann man ein Studium der Kirchenmusik an einer kirchlichen Hochschule für Kirchenmusik oder an einer staatlichen Hochschule für Musik belegen. „Nach vier Jahren erfolgt die Bachelor-Prüfung und nach weiteren zwei Jahren die Master-Prüfung, mit der man sich für den hauptamtlichen Dienst in der Kirche qualifiziert.“

Nach der Hochschulzeit folgt ein einjähriges "Praxisjahr zur Berufseinführung" bei einem Dekanatskantor, „um dessen Alltag richtig kennenzulernen“, so Knörr. „Danach darf man sich schließlich selbst auf eine ausgeschriebene Stelle als Kantor einer Gemeinde bewerben.“

Einen guten Kantor macht aber nicht nur die Kenntnis der Orgelliteratur in ihrer ganzen Bandbreite aus und das Tastenspiel mit Feingefühl, sondern auch das Wissen darüber, wie die Orgel als Instrument funktioniert.

Zitat

Keine Orgel gleicht der anderen"

Andreas Lechner, Orgelbauer aus Grafing

Und diese Funktionen sind sehr komplex, unterstreicht Andreas Lechner, Orgelbauer aus Grafing bei München. „Keine Orgel gleicht der anderen, weshalb es schwierig ist, die Funktionsweise in eine Allgemeingültigkeit zu pressen.“

Jede Orgel, erklärt der 47-Jährige, verfüge aber über vier Basiselemente: den Spieltisch, die Traktur, die Windlade und die (Pfeifen-)Register. Der Spieltisch macht seinem Namen alle Ehre: Hier sind die Klaviaturen untergebracht, auf welchen der Kantor seine Tasten anschlägt.

Oberhalb der Klaviaturen, häufig in die Orgelfront eingelassen, sind sogenannte Registerzüge in Form von kleinen Holzknäufen angebracht. An diesen zieht der Kantor vor oder während seines Spiels mit den Händen, um so die Klangfarbe und die Lautstärke des von ihm angeschlagenen Tons zu bestimmen. „Jedes Register“, erklärt Lechner, „hat eine bestimmte Tonhöhe, einen charakteristischen Klang und eine dazu passende Lautstärke. Dies wird vom Orgelbauer durch die Bauweise, die Materialien und den Klang vorher fest eingestellt und kann vom Organisten nicht beeinflusst werden.“

Drückt der Organist eine Taste, strömt in der Windlade über das Tonventil der Wind in all die Pfeifen, deren Register vorher gezogen wurde. Je mehr Register gezogen sind, desto mehr Töne erklingen. „Die Klangfarben der Register teilen sich in sogenannte Registerfamilien auf“, erläutert Lechner, „die ,Prinzipale‘, die ,Flöten‘, die ,Streicher‘ und die ,Zungenregister‘.“

Verinnerlichung der Verkündigung, wie sie nur die Orgel kann

Weiß man das alles, kann man sich auf das Orgelspiel einlassen. „Aber nicht, indem man dem Instrument seine Vorstellungen aufdrückt“, sagt Kantor Knörr. „Sondern, indem man aus dem Instrument das herausholt, was es einem anbietet.“ Laut, leise, mit kräftigen und zarten Klangfarben, beschreibt der Kantor, „und manchmal nur mit dem Hauch eines Klanges, den man im Raume stehen lässt, dass es einem das Herz erschüttert“.

Mit vier Jahren hat Knörr als kleiner Junge zum ersten Mal eine Orgel in einem Gottesdienst gehört. „Ich wollte am nächsten Sonntag sofort wieder mit meinen Eltern in die Kirche“, erzählt Knörr, „weil mich der Klang so berührt hat.“

Idealerweise schafft man dies später auch als Kantor: Menschen zu berühren, „mit der Sprache der Orgelmusik das voranzutreiben, was der Pfarrer mit Worten macht und so die Verkündigung forcieren“, sagt Knörr. „Denn so manch einer merkt sich eine Bibelstelle über die passende Musik.“ Und nicht wenige bleiben nach Ende des Orgelspiels noch ein paar Minuten sitzen auf der Kirchenbank, obwohl der letzte Ton schon verklungen ist. „Das zeigt mir eine Verinnerlichung der Verkündigung, wie sie nur eine Orgel bewirken kann.“


28.01.2014 / Almut Steinecke