Chöre

"Das ist ein Glück, das sitzt im Herzen"

Chorsänger

Lieder, die von Herzen kommen: In einem Chor zu singen, tut den Menschen gut.

Bild: (c) iStockPhoto / vm

980 evangelische Chöre gibt es in Bayern. In einem Chor mitzusingen empfinden die Menschen als etwas ganz Besonderes.

Es war kühl im Kreuzgang der Augsburger Anna-Kirche, doch Annemarie Schulze-Siebert hatte schweißnasse Hände. Verstohlen wischte die Augsburgerin immer wieder ihre Finger am schwarzen Rock ab, gegen ihr Herzklopfen freilich konnte sie nichts tun. Die Aufregung war nun mal groß, während sie mit den anderen darauf wartete, dass sie dran waren, dass sie endlich in den Kirchenraum einziehen konnten – und Schulze-Siebert ihren allerersten Auftritt als neues Mitglied des Augsburger Madrigalchores haben würde.

Diese Szene ist vier Jahr her. Annemarie Schulze-Siebert, heute 57 Jahre alt, Mathematiklehrerin aus Augsburg, erzählt, wie alles für sie begann als frischgebackene Chorsängerin in St. Anna. „Ich wollte schon immer in einem großen Kirchenchor singen, der die großen Werke der Kirchenmusik aufführt“, sagt sie. Der Madrigalchor von St. Anna mit seinen über 60 Sängern und einer über 90-jährigen Tradition im Augsburger Musikleben erschien ihr da genau richtig.

Zitat

Ich genieße das Gemeinschaftserlebnis"

Annemarie Schulze-Siebert, Chorsängerin, Augsburg

„Ich fragte den Chorleiter Michael Nonnenmacher, und er lud mich zu einem Vorsingen ein“, erinnert sich Schulze-Siebert. „Bei dem Vorsingen ging es nicht darum, zu beweisen, dass man eine Opernstimme hat“, erzählt sie augenzwinkernd, „sondern dass man Töne trifft und vom Blatt singen kann.“ Zehn Minuten, nachdem die singfreudige Ausburgerin ihr Können unter Beweis gestellt hatte, während der Chorleiter sie im Probenraum von St. Anna auf dem Klavier begleitet hatte, war Schulze-Siebert im Chor aufgenommen. „Das war sehr schön – das hat mich sehr glücklich gemacht“, erinnert sie sich.

Einmal pro Woche hat die Augsburgerin seitdem regelmäßig eine rund dreistündige Chorprobe in St. Anna, bei zusätzlichen Kirchenkonzerten, zum Beispiel vor Feiertagen, auch zusätzliche Proben am Wochenende. Schulze-Siebert opfert ihre Freizeit gern für das Singen. „Ich genieße das Gemeinschaftserlebnis, mit anderen musikalisch etwas zu fabrizieren, wobei es auf jeden Einzelnen ankommt, damit es zusammen gut wird. Das macht mich froh, das ist ein Glücksgefühl, das sitzt direkt im Herzen.“

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Der Körper als ganzheitliches Instrument

Diese Entdeckung von Glück teilt die Augsburgerin mit vielen Menschen in Bayern, lauscht man den Informationen von Markus Nickel, 48, Vizepräsident von „Singen in der Kirche“, dem Chorverband der bayerischen Landeskirche: „Insgesamt 980 evangelische Chöre im Freistaat in den unterschiedlichsten musikalischen Stilrichtungen, von der klassischen Kirchenmusik über Pop, Jazz und Gospel bis hin zu Rock und Funk, sind Mitglied im Chorverband der bayerischen Landeskirche.“ Die Leidenschaft für das Singen durchstreife sämtliche Altersklassen, von Kindern und Jugendlichen über Erwachsene bis hin zu Senioren. „In unserem Verband registrieren wir 28000 Sängerinnen und Sänger, die während der Schulzeit rund 45000 Stunden Probenarbeit pro Woche leisten.“

Und das alles ehrenamtlich in der raren Freizeit. Aber Nickel findet viele Gründe für dieses große Engagement. „Singen macht glücklich, es fordert den ganzen Körper als ganzheitliches Instrument.“ Überdies sei in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen, wie stark gerade Singen das Gehirn anrege, beide Hirnhälften parallel anspreche und somit das Zentrum für Sprache, Gefühl, Gedächtnis und Kreativität fördere, so Nickel. „Es ist auffällig, dass sich die Leistungen von singenden Kindern in anderen Schulfächern, die gar nichts mit Musik zu tun haben, deutlich verbessert.“

Augsburger Senioren-Kantorei ASK

Die Augsburger Senioren-Kantorei ASK ist seit fast 10 Jahren eine übergemeindliche, interkonfessionelle Gemeinschaft von derzeit ca. 100 sangesfreudigen SeniorInnen (60+); außer Freude an Musik und Spass an fröhlicher Gemeinschaft gibt es keine Voraussetzungen für die Mitgliedschaft. Vorteil bei Senioren: Die Treffen im Vierzehntagerhythmus (mit Zwischenproben für Einzelgruppen) können vormittags stattfinden. Diverse Auftritte in Kirchen, sozialen Einrichtungen, diverse Konzertauftritte (etwa beim Brecht-Festival u.a.), aber auch gemeinsame Festlichkeiten und Ausflüge gehören zum Programm. Seit 2006 leitet der Studiendirektor i.R. Heinz Dannenbauer das Ensemble.

Augsburger Senioren-Kantorei,© ASK

Bild: ASK

Augsburger Senioren-Kantorei

Ein Klangbeispiel der Augsburger Senioren-Kantorei

Junge Stimmen Schweinfurt

Der überregionale Mädchenchor Junge Stimmen Schweinfurt unter Leitung von Dekanatskantorin Andrea Balzer besitzt ein breites Repertoire von geistlicher und weltlicher Chormusik. Konzerte und die Mitwirkung in Gottesdiensten stehen im Mittelpunkt der fundierten Chorarbeit.
Weitere Informationen finden Sie unter www.junge-stimmen-schweinfurt.de

Junge Stimmen Schweinfurt,© www.junge-stimmen-schweinfurt.de

Bild: www.junge-stimmen-schweinfurt.de

Laudate Pueri

Ein Klangbeispiel des Stückes Laudate Pueri von Felix Mendelssohn-Bartholdy gesungen von den Jungen Stimmen.

Kinderchor Bad Neustadt

Das Kirchenmusikerehepaar Karin und Thomas Riegler leitet drei Kinderchorgruppen mit insgesamt ca. 70 Kindern an der Evang. Kirchengemeinde in Bad Neustadt. Die Chöre singen regelmäßig in den Gottesdiensten und einmal im Jahr wird ein Musical über eine biblische Geschichte aufwändig inszeniert. Ein Team von Eltern hilft beim Bau von Kulissen und Anfertigen von Kostümen. Einige der Musicals hat Thomas Riegler selbst komponiert und veröffentlicht. Seit fast 25 Jahren legt das Musikerehepaar einen großen Schwerpunkt auf das Singen mit Kindern. Durch den Chor finden die Familien Anschluss an die Kirchengemeinde.

Kinderchor Bad Neustadt,© Katrin und Thomas Riegler

Bild: Katrin und Thomas Riegler

König David

Ein Klangbeispiel aus einer Aufführung in der Stadthalle Bad Neustadt.

Madrigalchor Augsburg

Der Madrigalchor bei St. Anna kann mittlerweile auf eine über 90 jährige Tradition im Augsburger Musikleben zurückblicken. Im Wesentlichen wird der Chor von der Kirchengemeinde St. Anna und der evangelisch-lutherischen Gesamtkirchengemeinde Augsburg finanziell getragen. Die Gründung des Chores geht auf eine Initiative von Siegfried Walter-Choinanus aus dem Jahre 1919 zurück, der die Chorarbeit der Evangelischen Kirche in Augsburg intensivieren und fördern wollte. Die Leitung des Chores übernimmt immer der jeweilige Kantor bzw. Kantorin von St. Anna.

Der Madrigalchor bei St. Anna führt anspruchsvolle geistliche Chormusik aus unterschiedlichen Epochen in Konzerten auf. In diesem Zusammenhang hat sich der Chor durch die Uraufführungen zahlreicher Werke international renommierter Komponisten einen bedeutenden Platz in der Augsburger Kirchenmusik erlangt. Zu den weiteren Aufgaben gehört die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste an den kirchlichen Festtagen und besonderen Veranstaltungen des Dekanats Augsburg sowie die Mitgestaltung von Rundfunk- oder Fernsehgottesdiensten aus St. Anna. Reisen haben den Chor bis heute ins In- und Ausland geführt, darunter Italien und die Niederlande. Ein wichtiger Bestandteil des Chores ist die Chorgemeinschaft, die bei regelmäßigen Treffen oder Chorfahrten intensiv gepflegt wird. 

Madrigalchor bei St. Anna, Augsburg,© Madrigalchor bei St. Anna, Augsburg

Bild: Madrigalchor bei St. Anna, Augsburg

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Windsbacher Knabenchor

Geistliche Musik auf internationalem Niveau - das ist das Markenzeichen des Windsbacher Knabenchors. Das Ensemble unter der Leitung von Martin Lehmann nimmt jährlich 30 Nachwuchssänger auf. 

Klangbespiel:
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)
Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für
Motette für achtstimmigen Chor aus: "Sechs Sprüche" op. 79
Windsbacher Knabenchor, Leitung: Karl-Friedrich Beringer (heute: Martin Lehmann)
Aus: "Unergründliches Geheimnis" - Geistliche Vokalwerke von Mendelssohn, Brahms, Bruckner und Reger
Rheingau Musik Festival 2008 live/Hessischer Rundfunk

Windsbacher Knabenchor,© Mila Pavan

Bild: Mila Pavan

"Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für", Motette für achtstimmigen Chor aus: "Sechs Sprüche" op. 79

Windsbacher Knabenchor, Leitung: Karl-Friedrich Beringer (im Bild der aktuelle Leiter: Martin Lehmann)

Plötzlich fällt die Schule leichter

Ein Phänomen, das Elke Storch aus Unsleben bestätigt. Drei Kinder der insgesamt sechsfachen Mutter aus der Gemeinde im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld besuchen den Kinderchor im benachbarten Bad Neustadt, der von den dortigen Kirchenmusikdirektoren Karin und Thomas Riegler geleitet wird. Seit ihre Kinder, zurzeit die beiden Söhne Laurenz (7) und Vincent (9) sowie Tochter Louise (11) im Chor singen, hat Mutter Storch das Gefühl, dass sich das Singen ihrer Kinder auf die Leistungen in der Schule wirkt.

Gedichte und Vokabeln zu lernen fiele ihren Kindern jedenfalls viel leichter. Auch habe sie den Eindruck, dass ihre Schützlinge durch die Chorarbeit eine ganz bestimmte Form der Selbstsicherheit bekommen, so Storch.

"Das ist Balsam für die Seele"

„Sie lernen, in der Gruppe aufzutreten, was sich positiv auf ihr alleiniges Auftreten auswirkt.“ Speziell ihr jüngster Sohn Laurenz habe Berührungsängste verloren. „Seit er im Chor singt, traut er sich, fremde Menschen anzusprechen.“

Das Wichtigste aber, sagt die Mutter, sei diese besondere Wohlfühl-Atmosphäre. „Durch das Singen lernen meine Kinder, Gefühle auszudrücken, und das ist Balsam für die Seele. Wenn meine Kinder singen, geht es ihnen gut. Manchmal höre ich sie, wie sie lauthals in unserem Garten singen. Dann kriege ich eine Gänsehaut vor Freude, wie lebensfroh sie sind.“


28.01.2014 / Almut Steinecke