Artionale

Tage für neue Musik und Gegenwartskunst

Installation 'Get Through IV' von Anja Buchheister

Die Installation "Get Through IV" von Anja Buchheister ist anlässlich der Artionale 2014 in der Münchner Kirche St. Markus zu sehen.

Bild: (c) Evangelisch-Lutherisches Dekanat München

Noch bis zum 5. November sind in 12 Münchner Kirchen Videoinstallationen und zeitgenössische Kunst zu sehen. Die "artionale 2014" schließt mit einem Konzert in der Erlöserkirche.

Alle drei Jahre präsentieren die evangelischen Kirchen des Münchner Dekanatsbezirks zeitgenössische Kunst und Neue Musik. Mehrere Tage erstrahlen Kirchenräume dann im Glanz einer Lichterprojektion, es wird getanzt und musiziert, diskutiert und gefeiert. 15 Gemeinden und Einrichtungen nehmen an der „artionale 2014“ teil, zwölf davon stellen zeitgenössische Kunst aus. Im Jahr 2014 beschäftigt sich die Artionale thematisch mit dem Satz "…was du nicht siehst". Neben den Kunstausstellungen und Konzerten stehen Vernissagen, Kunstgottesdienste, Diskussionsrunden sowie eine Kinderartionale auf dem Programm.

Dialog zwischen Kirche, Kunst, Musik

"Mit der Artionale möchten wir den Dialog zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst und Musik fördern", erklärt Klaus von Gaffron, Vorsitzender des Berufsverbandes Bildender Künstler und einer der Kuratoren der Artionale. Gaffron zählt zu den Haupt- und Ehrenamtlichen, die das Projekt aktiv unterstützen. Dazu gehören die Kirchenmusikdirektoren Michael Grill und Gerd Kötter ebenso wie ein vielköpfiges Organisationsteam, das sich regelmäßig trifft.

Eines ist klar: Ohne die Ideen und das Engagement von Gemeindemitgliedern, Kirchenvorständen, Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Mesnerinnen und Mesnern wären die Ausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen kaum denkbar. Mal rücken sie Stühle oder hängen Bilder auf, dann schleppen sie Musikinstrumente herbei, oder sie suchen nach Sponsoren, füllen Sektgläser und erledigen die tausend kleinen Dinge, die für eine gelungene Veranstaltung wichtig sind.

"Ein sehr bereichernder Prozess"

Zeitgenössische Kunst und Neue Musik sind nicht immer leicht zugänglich. Doch aus den Projekten zur Artionale profitieren alle: Die Kunstschaffenden erfahren, was Gemeindeleben und Spiritualität bedeuten, und die Gemeinden lernen etwas über die Entstehung eines Kunstwerks. "Das ist ein sehr bereichernder Prozess", erklärt Kirchenmusikdirektor Gerd Kötter, der an der Kulturkirche St. Lukas zur Artionale verschiedene Musikprojekte realisiert hat. Oft entstünden aus der Zusammenarbeit auch Freundschaften - oder neue Projekte.

Informationen zum Thema

Artionale

Die sechste Artionale findet von 1. Oktober bis 5. November 2014 statt. Rund 15 Gemeinden und kirchliche Einrichtungen werden an dem Projekt teilnehmen. Das Thema lautet „…was du nicht siehst“. Neben Kunstausstellungen und Konzerten sind Vernissagen, Kunstgottesdienste, Diskussionsrunden sowie die Teilnahme an der „Langen Nacht der Museen“ geplant. Im Rahmen der Artionale wurde der Kunstpreis 2014 der bayerischen Landeskirche verliehen.

Die erste „Artionale – Tage für neue Musik und Gegenwartskunst“ wurde 1998 vom „Arbeitskreis kunstbewegt – Ereignisse im evangelischen Raum“ unter Leitung des landeskirchlichen Kunstbeauftragten Andreas Hildmann ins Leben gerufen. Der Andrang war groß: Mehr als 5.000 Besucher stürmten in die Kirchen.

Aufgrund des Erfolgs beschloss der Dekanatsbezirk München, die Veranstaltungsreihe zu wiederholen. Inzwischen findet die Artionale alle drei Jahre statt, und die Liste der Kunstschaffenden, die daran teilgenommen haben, liest sich wie ein Who’s Who der Kreativen in München.

Dreidimensionale Kunst in St. Lukas

Heidi Mühlschlegel zeigt in der Sophienkirche mehrere Textilobjekte, die formal und stilistisch von barocken Eindrücken und vorreformatorischem Kirchenschmuck geprägt sind. Eine moderne Form des klassischen Altarbildes gibt es in der Kreuzkirche zu sehen. Herbert Nauderer aus Fürstenfeldbruck thematisiert auf zwei Videomonitoren, die an der Altarwand angebracht sind, unsere Existenz, Dasein, Werden, Entstehen und Vergehen. Die Videoinstallation "La Mer" ist eine Videoarbeit zu Hugo von Hofmannstahls "Terzinen über Vergänglichkeit". Ebenfalls unter den Ausstellern ist die Münchner Künstlerin Brigitte Schwacke. In St. Lukas wird Schwacke sogenannte "dreidimensionale Raumzeichnungen" anfertigen: aus dünnen Drähten formt sie dazu feine, zarte Plastiken. Schwackes Performance trägt den Titel "Beyond the Line".

Ein Kulturevent wie die Artionale wächst und gedeiht. Im Lauf der Jahre wurde das Programm immer vielfältiger und bunter. 2011 gab es erstmals eine „Kinder-Artionale“ mit Malworkshops, Theaterprojekten und Kindergottesdiensten. Zunehmend weitet sich die Formensprache aus: Mal wird getanzt, mal gibt es eine Performance, oder es werden neue technische Möglichkeiten ausgelotet mit interaktiven Projekten und Internet-Aktivitäten.      

"Wahrnehmung auf verborgene Strukturen lenken"

Auch im Bereich Musik geht die Artionale neue Wege. Bei der Klanginstallation „Palimpsest“ von Petra Dahlemann und Gerhard Detzer aus dem Jahr 2004 ertönte elektroakustische Musik in der Himmelfahrtskirche. Im Jahr 2007 erklang in der St. Lukaskirche die "Genom-Passion nach Worten des Evangelisten Matthäus und Sarah Kane“ von Michael Grill. In der Andreaskirche wurde John Cages legendärer Vortrag "Silence" aufgeführt, und bei der Konzertaufführung der "Missa tempestatis" von Johannes Brunner und Raimund Ritz in der St. Matthäuskirche donnerte und rauschte es gewaltig. Immer wieder kam es zu Neukompositionen: 2011 ergänzte der zeitgenössische Komponist Georg Friedrich Haas beispielsweise die Fragmente des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozart für Chor und Orchester mit eigenen "Klangräumen".

Bei dieser Artionale soll es musikalisch um "klangliche Ereignisse gehen, die auf den ersten Blick nicht sichtbar und hörbar sind", erklärt Kirchenmusikdirektor Gerd Kötter. Ziel sei es, "die Wahrnehmung auf verborgene Strukturen zu lenken und unsere Hörgewohnheiten neu zu beleben". Musik des 20. und 21. Jahrhunderts mit Komponisten wie Sofia Gubaidulina, John Cage oder Nikolaus Brass steht neben Uraufführungen von Michael Grill und Felix Leuschner. Kinder können bei Workshops ihre Stimme besser kennenlernen und bekommen einen Einblick in die Werkstatt eines Komponisten. Und natürlich wird es wieder überraschende Kunstwerke und Installationen in den Kirchenräumen geben.

Auch die Finissage der Artionale 2014 steht im Zeichen der Musik: Am 5. November 2014 werden Kirchenmusikdirektor Michael Grill, Kirchenmusikdirektor Gerd Kötter und Instrumentalsolisten Musik von Morton Feldman, John Cage, Manuela Kerer in der Erlöserkirche aufführen. Das Abschlusskonzert beginnt um 19 Uhr.

 


12.06.2014 / Rieke Harmsen
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